Das Hannibal-Syndrom
Phänomen Serienmord

Hardcover mit Schutzumschlag / 352 Seiten / 14 x 21,2 cm
4. Auflage 2003 / ISBN 3-86189-209-X
EUR 20,- / sFr 36,-


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Leseprobe
KAPITEL ZEHN

Sammler und Jäger


Es war noch angenehm warm an diesem 24. Oktober 1989, einem Dienstag. Herbert Schaffer stellte seinen blauen Trabant-Kombi an der Rückseite seines kleinen Bungalows ab, nachdem er im Ort einige Besorgungen gemacht hatte. Der alleinstehende 48jährige wohnte seit vielen Jahren in Deetz, einer verträumten Gemeinde in der Nähe von Brandenburg. Er schleppte den schweren Einkaufskorb ins Haus und begann mit den Vorbereitungen für das Mittagessen. Viel Zeit blieb nicht mehr, seine Tochter hatte sich mit ihrem Verlobten für 13 Uhr angekündigt. Herbert Schaffer öffnete das Küchenfenster, um kräftig durchzulüften. Gerade als er mit dem Kartoffelschälen anfangen wollte, hörte er plötzlich ein Geräusch, das vom Bungalow gegenüber kommen mußte und so klang, als wenn jemand mit Gasflaschen hantieren würde. Neugierig lugte er aus dem Küchenfenster hinüber und sah einen Fremden, der ein längliches Paket, umwickelt mit einer gelben Decke, vom Nachbargrundstück zerrte und schließlich neben einem Damenfahrrad ablegte. Herbert Schaffer hielt den jungen Mann für einen Einbrecher, lief in seinen Geräteschuppen und bewaffnete sich mit einem Spaten.

Er ging vorsichtig auf den Mann zu, stellte ihn mit dem Spaten drohend zur Rede: "Was machen Sie denn da? Was haben Sie hier überhaupt zu suchen?" Völlig überrascht fuhr der junge Mann hoch und flüchtete sofort über das Nachbargrundstück, ohne sich weiter um sein Fahrrad zu kümmern. Herbert Schaffer wandte sich wieder dem Paket zu und machte eine grausige Entdeckung: an einer Seite ragten zwei Beine heraus. Vorsichtig und mit großem Unbehagen entfernte er die Schnüre und rollte die gelbe Plane auf. Ihm stockte der Atem: Vor ihm lag seine Nachbarin, die 51jährige Edelgard Nitsch. Ihr war offenbar der Schädel eingeschlagen worden. Herbert Schaffer alarmierte sofort die Polizei.

Aufgrund der Spurenlage konnte das 1. Kommissariat der Kripo Potsdam den Tathergang rekonstruieren: Das Opfer hatte sich, offenbar mit Gartenarbeiten beschäftigt, auf dem hinteren Teil des Gründstücks aufgehalten und war dort am Geräteraum des Bungalows angegriffen worden. Die Frau mußte dann in das Wohnhaus geschleppt und dort getötet worden sein. Darauf deuteten die zahlreichen Blutspritzer hin: auf dem Fußboden, an den Wänden, an einem Tisch. Die Brüste des Opfers waren weitestgehend entblöst, der Unterkörper vollständig entkleidet worden. Eine mit Kot verschmierte Kerze ließ den Schluß zu, daß der Täter damit im After des Opfers manipuliert hatte. Verletzungen im Genitalbereich oder Spermaspuren waren hingegen nicht festzustellen. Die gelbe Steppdecke, mit der die Leiche eingewickelt worden war, stammte zweifelsfrei aus dem Haus des Opfers. Verschnürt worden war der Leichnam mit einer Paketschnur. Der Täter mußte einige Gegenstände mitgenommen haben: Wohnungsschlüssel, eine braune Geldbörse und eine schwarze Ledertasche fehlten.

Die Obduktion ergab als Todesursache "Kompression der Halsweichteile" in Verbindung mit einer "offenen Schädelhirnverletzung". Die Kopfverletzungen mußten dem Opfer mit einem "stumpfkantigen Gegenstand" beigebracht worden sein. Der Mörder war mit äußerster Brutalität vorgegangen.

Hoffnungsvoll stimmte die Kriminalisten der Umstand, daß Herbert Schaffer den Mörder sehr genau beschreiben konnte: 25-30 Jahre alt, zirka 1,80 Meter groß, von schlanker und sportlicher Statur, schmale Gesichtsform, strohblondes, dichtes, mittellanges, glattes Haar. Doch trotz intensiv geführter Ermittlungen konnte dieser Täterbeschreibung der Name des Mörders nicht zugeordnet werden. Der einzige Verdächtige, der anfangs ins Visier der Ermittler geratene Ehemann des Opfers, nahm sich im März des darauffolgenden Jahres das Leben. Die Akten wurden geschlossen.

Am 25. Mai 1990 wurde dann auf einer Mülldeponie in Ferch, wenige Kilometer von dem märkischen Städtchen Beelitz entfernt, die Leiche der 54jährigen Magda Fiebig entdeckt. Ihr geschiedener Ehemann, Platzwart auf der Deponie, hatte sie dort in einem Gebüsch gefunden. Ein Elektrokabel fand man fest um ihren Hals geschlungen, die Frau war ohne Zweifel erdrosselt worden. Es mußte von einem Sexualmord ausgegangen werden, da in Scheide und After Spermaspuren nachzuweisen waren. Rätsel gab den Ermittlern teilweise eingekotete Damenunterwäsche auf, die am Tatort verstreut gefunden worden war, nachweislich aber nicht vom Opfer stammte. Der Mörder mußte sie mitgebracht haben.

Nur sechs Wochen später, am 24. Juli, ereignete sich erneut ein Kapitalverbrechen. Wieder auf einer Müllkippe; diesmal in der Nähe der Ortschaft Wust, keine 15 Kilometer vom letzten Tatort in Ferch entfernt. Die 58jährige Edith Wagner hatte auf der Müllhalde nach mitnehmenswerten Habseligkeiten gesucht und befand sich auf dem Heimweg, als ihr plötzlich von hinten ein Arm um den Hals geschlungen wurde. Der Täter drückte sofort zu. Als Edith Wagner zu schreien begann, stach der Mann ihr zweimal in Brust und Hals, riß sein Opfer zu Boden. Dann schlug er der wehrlosen Frau mit einem Holzpfahl mehrfach wuchtig auf den Kopf, versuchte anschließend die nun Bewußtlose in ein angrenzendes Waldstück zu schleifen. Als plötzlich Motorengeräusch zu hören war, ließ der Täter von seinem Opfer ab und verschwand.

Wenig später wurde die Frau gefunden und unverzüglich in das Bezirkskrankenhaus Brandenburg eingeliefert. Edith Wagner wurde notoperiert, überlebte. Sie hatte schwere Verletzungen erlitten: eine Stichwunde im Bereich des linken Brustbogens, eine weitere Stichverletzung am Hals sowie zwei Rißplatzwunden an der rechten und linken Hinterkopfseite. Der Täter hatte zweifelsohne den Tod der Frau gewollt, war aber vor Vollendung seiner Bluttat gestört worden.

Da der Unbekannte sie von hinten angefallen hatte, war es Edith Wagner unmöglich, ihn zu beschreiben. Jedoch konnten eine Reihe von Zeugen ermittelt werden, die kurz vor der Tat einen verdächtigen jungen Mann in der Nähe der Müllkippe gesehen hatten. Sie beschrieben fast haargenau den Mörder von Edelgard Nitsch: 25-30 Jahre alt, zirka 1,80 Meter groß, mittellange Haare, schlank, vermutlich Oberlippenbart. Und auch in diesem Fall hatte der Täter sich seinem Opfer auf einem Fahrrad mit Armeetasche am Lenker genähert.

Die Mordkommission führte intensive Ermittlungen, überprüfte sämtliche vorbestraften Sexualtäter aus Brandenburg und Umgebung, ging mehr als 150 Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Nach monatelangen Bemühungen war das Ergebnis gleich Null: kein erfolgversprechender Hinweis, keine heiße Spur - nichts. Man tappte im dunkeln. Und dann wurde es ruhig.

Knapp acht Monate später, am 18. März 1991, wurde beim Kreiskriminalamt Belzig die 34jährige Inge Neudeck von ihrem Ehemann als vermißt gemeldet. Fünf Tage zuvor war die Frau letztmalig gesehen worden, als sie sich gegen 17.30 Uhr nach dem Besuch einer Freundin in Neuendorf auf den Heimweg gemacht hatte. Am 19. März stieß man schließlich auf ihre mit Moos bedeckte Leiche in einer Schonung zwischen den Ortschaften Neuendorf und Borkheide. Inge Neudeck war einen grausamen Tod gestorben - der Mörder hatte ihr die Halsschlagader aufgeschlitzt. Sperma in Mund, Scheide und After des Opfers deuteten zweifelsohne auf ein Sexualverbrechen hin. Wie schon bei dem Mord in Ferch fand man in unmittelbarer Nähe der Leiche eine Vielzahl weiblicher Unter- und Oberbekleidung, wobei sechs Schlüpfer links gewendet ineinandergesteckt waren. 300 Meter vom Leichenfundort entfernt lag weitere Damenunterwäsche: kreisförmig aufgeschichtet, dazwischen Pornohefte und zwei Kirchenkerzen. Ein unheimliches Szenario.

Drei Tage später erstattete die sowjetische Kommandantur der Garnison in Beelitz-Heilstätten Vermißtenanzeige. Die 44jährige Tamara Itschkowskaja, Frau eines Chefarztes im russischen Militärhospital, und ihr drei Monate altes Söhnchen Alexej waren von einem Mittagsspaziergang nicht zurückgekehrt. Hatte der unheimliche Mörder wieder zugeschlagen?

Am 23. März bewahrheitete sich diese düstere Prognose, als sowjetische Militärangehörige in den frühen Morgenstunden die Leichen der Vermißten in einer Kiefernschonung, etwa 800 Meter südwestlich der Ortschaft Beelitz-Heilstätten, fanden. Die Opfer waren durch den Täter mit Kiefernzweigen abgedeckt worden. Der Mörder hatte wieder unbarmherzig und grausam getötet: Tamara Itschkowskaja war der Kehlkopf zertrümmert, ihrem Sohn der Schädel eingeschlagen worden. Die vordere Körperpartie der Frau war unbekleidet, der Büstenhalter teilweise heruntergestreift, Strumpfhose und Slip hatte der Mörder bis zu den Knöcheln hinuntergezogen. Geringe Mengen von Sperma in Scheide und After der Frau bestätigten den Verdacht eines sexuellen Mißbrauchs. Um den Hals der Toten war ein Büstenhalter geschlungen, im Mund steckte ein Damenslip. Wie bei den Morden zuvor stammten diese Kleidungsstücke nicht vom Opfer. In der Nähe der Leichen wurde wiederum Damenunterwäsche gefunden, darunter auch links ineinandergewendete Schlüpfer. Nunmehr stand zweifelsfrei fest: in den Wäldern rings um Beelitz wütete ein Serienmörder.

Nach dem Mord an Inge Neudeck hatte man am Tatort auch einen rosafarbenen Rock gefunden. Weil früher schon im selben Waldgebiet Frauen von einem hünenhaften Mann belästigt worden waren, hatte der unbekannte, offenbar fetischistisch veranlagte Mörder, bei den Boulevardblättern schnell einen Namen: "Rosa Riese".

Die sofort eingerichtete Sonderkommission des Potsdamer Kriminalamts folgerte aus dem Umstand, daß an den Tatorten um die Leichen herum Damenunterwäsche drapiert worden war, "der Täter will sich durch die Kleider in Erregung bringen, er kann seine Handlungen aber nur schlecht oder gar nicht steuern". Man erstellte ein Phantombild dieses Mannes und startete daraufhin eine Öffentlichkeitsfahndung, um den "offenbar psychisch schwer gestörten Täter" endlich dingfest zu machen. Auf Fahndungsplakaten in Geschäften, Kneipen, Schulen und Bushaltestellen der Umgebung prangte nun das Konterfei des mutmaßlichen Mörders: Gesucht wurde ein langmähniger, schmalgesichtiger Mann mit Oberlippenbart.

Doch der Schuß ging nach hinten los: Der Friseur schwärzte seinen Kunden an, nachdem er ihm die "verdächtig lange Mähne" gestutzt hatte, der Nachbar wurde verpfiffen, weil er sich seinen Schnauzbart "grundlos abrasiert" hatte; selbst der Zimmergenosse im Krankenhaus sollte es gewesen sein, weil "der so groß war und immer so finster dreinschaute wie der auf dem Fahndungsfoto". Die besorgten Bürger sahen nur noch Rosa. So wurden zwangsläufig eine ganze Reihe von schnurrbärtigen Langhaarträgern, die der Phantom-Beschreibung nahekamen, nach "vertraulichen Hinweisen" kassiert - und mußten schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Der Mörder war nicht unter ihnen. Die Hatz nach dem "Rosa Riesen" mußte fortgesetzt werden, blieb aber auch in den folgenden Wochen ergebnislos.

Dann schlug der unheimliche Wäschefetischist wieder zu. Es war der 5. April 1991. Gegen 17.30 Uhr hielten sich die Schülerinnen Monika Wiegand und Petra Baumann in einem Waldstück nahe der Ortschaft Sputendorf auf. Die beiden 12jährigen wollten dort nach einem toten Reh schauen. Plötzlich stürmte ein Mann aus dem Unterholz und griff die Mädchen an. Zunächst packte er Monika Wiegand, rammte ihr ein Messer in den Unterleib; nur Sekunden später schnappte er auch nach Petra Baumann, riß die völlig überraschten Mädchen zu Boden. In dem allgemeinen Getümmel gelang Monika Wiegand die Flucht auf ein nahe gelegenes Feld. Von dort aus mußte sie fassungslos mit ansehen, wie der Mann dreimal auf ihre Freundin einstach. Danach ließ er von seinem Opfer ab und verschwand in einer Kiefernschonung. Vermutlich, weil der Tatablauf außer Kontrolle geraten war.

Die Mädchen konnten sich mit letzter Kraft nach Hause schleppen. Sie hatten schwere, zum Teil lebensgefährliche Stichverletzungen erlitten: Monika Wiegand hatte eine klaffende Wunde oberhalb des Bauchnabels davongetragen, bei Petra Baumann waren Leber und Dünndarm durchstochen worden.

In der Nähe des Tatortes fand man wieder im Kreis aufgeschichtete Damenunterwäsche, dazwischen verschiedene Wäschekataloge und eine mit Kot verschmierte Haushaltskerze; darüber hinaus am Rand der Schonung drei Küchenmesser aus östlicher Produktion. Die Schülerinnen konnten den Täter schon am nächsten Tag beschreiben: 30-35 Jahre alt, zirka 1,75 Meter groß, schlanke Statur, kurze blonde Haare, Oberlippenbart. Obwohl diese Beschreibung nicht in allen Punkten auf das Phantombild zutraf, bestand aufgrund der Gesamtumstände kein Zweifel: der "Rosa Riese" hatte nach neuen Opfern verlangt. Und er war einen Schritt weitergegangen, hatte versucht, gleich zwei Opfer zu töten. Er schien gieriger, aber auch selbstbewußter geworden zu sein.

Mittlerweile waren dem mysteriösen Mörder drei Frauen und ein Säugling zum Opfer gefallen, eine ältere Frau sowie zwei junge Mädchen hatten schwerverletzt überlebt. Eine ernüchternde Bilanz für die Sonderkommission der Potsdamer Kripo, die nach den neuerlichen Mordanschlägen auf 48 Beamte aufgestockt wurde. Mittlerweile war auch eine Belohnung in Höhe von 20 000 Mark ausgesetzt worden. Die verängstigte Bevölkerung hatte sich rege an der Fahndung beteiligt, mehr als 1 100 Hinweise geliefert. Doch nichts rührte sich, der "Rosa Riese" blieb ein Phantom. Die von den erfolglosen Ermittlungen enttäuschte und mittlerweile tief verängstigte Bürgerschaft machte mobil: Selbstverteidigungswaffen fanden reißenden Absatz, Jugendliche gingen in den Wäldern rund um Beelitz Streife, eine Bürgerwehr stand kurz vor der Gründung.

Doch der Mörder ließ sich nicht beirren, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein neues Opfer gefunden. Erst am 19. April wurde die 66jährige Rentnerin Carla Brannström von einem Verwandten tot in ihrer Wohnung in Fichtenwalde, einer kleinen Ortschaft acht Kilometer von Beelitz entfernt, gefunden. Der Mord mußte jedoch bereits zwischen dem 6. und 9. April passiert sein, da der Leichnam entsprechende Fäulniserscheinungen aufwies. Das Opfer lag teilentkleidet auf einem Bett im Schlafzimmer und war mit dem eigenen Unterhemd erdrosselt worden. Bei der Obduktion wurden "Einblutungen in der Schleimhaut des Mastdarms" festgestellt, die durch eine am Tatort vorgefundene und mit Kot verschmierte Kerze verursacht worden sein mußten. In der Wohnung stieß man auf Damenunterwäsche, die dem Opfer nur teilweise zuzuordnen war. Wieder hatte der Täter mehrere ineinandergesteckte Damenschlüpfer zurückgelassen. Bereits am 10. April war in der Nähe des Tatortes in einer Schonung eine Papiertüte gefunden worden. Der Inhalt: mehrere Damenschlüpfer, eine leere Zigarettenschachtel "Golden Amerika" mit einer darin befindlichen Kippe sowie eine Schmuckkerze mit Kot- und Spermaspuren.

In Reihen der Sonderkommission befürchtete man nun, daß der Mörder sich "in einen wahren Blutrausch steigern könnte". Und das nicht ohne Grund, schließlich waren die Abstände zwischen den letzten vier Bluttaten deutlich kürzer geworden: neun Tage, 14 Tage, und schließlich höchstens drei Tage hatte der Mörder pausiert. Doch nach dem 19. April tat sich nichts mehr, es wurden keine Leichen gefunden oder Überfälle gemeldet. Möglicherweise mochte es nur daran gelegen haben, daß die Mädchen und Frauen in der Umgebung von Beelitz sich kaum noch ungeschützt in die Nähe eines Waldgeländes gewagt hatten...


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