"Ich musste sie kaputtmachen"
Anatomie eines Jahrhundert-Mörders

Gebunden mit Schutzumschlag / 384 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 3-7700-1174-0
€ 19,95


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Leseprobe

KAPITEL EINS

... Dann stand er auf, ging ein paar Schritte und überzeugte sich nochmals davon, dass der Vorhang nicht die kleinste Möglichkeit bot, ihn und alles andere zu erspähen. Er fürchtete sich vor den neugierigen Blicken seiner Nachbarn, die ihn sowieso nicht verstehen würden. Schließlich drehte er sich beruhigt um und ließ seine rechte Hand über die Bluse der Puppe gleiten. Das Spektakel konnte beginnen.

Der raue Stoff fühlte sich unendlich geschmeidig an. Seine dünnen Finger wanderten bis zum Hals der Puppe, den er mit der Hand fest umschloss. Er starrte die Puppe unentwegt an, so, als wenn er ihr etwas sagen wollte. Er kniff die Augen zusammen, sein Kiefer begann zu arbeiten, die Lippen zitterten. Doch er blieb stumm. Dann beugte er sich über den Herd. Er schob den Deckel des blauen Kochtopfs vorsichtig ein kleines Stück beiseite und lugte hinein. Die tiefliegenden dunklen Augen fixierten das Objekt seiner Begierde. Minutenlang verharrte er so und glotzte. Es inspirierte, es stimulierte ihn.

Irgendwann hatte er sich sattgesehen. Er schob den Deckel wieder in seine ursprüngliche Stellung. Es musste alles seine Ordnung haben, er durfte sich keinen Fehler erlauben. Nun nahm er vier kleine Kartoffeln und fünf mittelgroße Möhren aus einer Glasschale, die links neben ihm auf der Waschmaschine stand, und legte alles in den weißen Topf. Während seine linke Hand jetzt über die Bluse und den Rock der Puppe streichelte, berührte er mit der rechten den Griff des blauen Topfs. Am liebsten hätte er wieder hinein gesehen und sich sofort des Inhalts bemächtigt. Aber es war noch zu früh. Das wusste er aus Erfahrung. Er musste sich beherrschen. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk ausgiebig. Schließlich setzte er sich wieder an den Tisch. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, nahm den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Er war nicht müde, und er dachte auch nicht nach, er ließ sich einfach von seinen monströsen Gedanken überwältigen, die jetzt von ihm Besitz ergriffen. Alles war leicht, alles war möglich.

Mit einem Mal riss er die Augen auf. Seine Blicke wanderten hektisch zwischen der Puppe und den Kochtöpfen hin und her, die rechte Hand umklammerte nun fest den Knauf des Brotmessers. Er begann leicht zu schwitzen, sein Puls raste. Und dann wurde er wieder von diesem Gefühl überrannt, gegen das er sich nicht wehren konnte, das ihn antrieb. Sein ganzer Körper begann sich zu verkrampfen.

KAPITEL ZWEI

"Hast Du schon mal gesehen, wie ein Mann seinen Mantel aufknöpft? Klar. Im Restaurant. Im Kino. Oder auf der Straße, wenn es warm ist. Das ist ja auch ganz normal. Macht aber ein Mann seinen Mantel auf, ohne dass jemand außer Dir dabei ist, (zum Beispiel im Wald, in der U-Bahn oder im Treppenhaus) und Du siehst dann sein Geschlechtsteil, dann ist das nicht normal. Das hat schon etwas mit Sex zu tun. Mit bösem. Es gibt nämlich Männer, die eine Freude daran haben, Kindern ihr Geschlechtsteil zu zeigen. Diese Männer nennt man Sittenstrolche."

Die Idee war richtig, man wollte es erst gar nicht so weit kommen lassen, Kinder über drohende Gefahren rechtzeitig aufklären. Im Auftrag der Innenminister von Bund und Ländern glaubte eine Expertengruppe, den typischen Kinderschänder enttarnt zu haben. Seinen Steckbrief konnte jeder nachlesen, in einem kleinen gelben Heft, 32 Seiten im DIN-A5-Format, erhältlich für 1,50 Mark am Kiosk. Im Juni 1976 war die Aufklärungs-Schrift "im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern" als Flaggschiff des "kriminalpolizeilichen Vorbeugungsprogramms" erstmals erschienen. Zur Begründung hieß es: "Bei uns werden jährlich fast 100 000 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren sexuell missbraucht. Seelisch geschädigt. Körperlich verletzt. Und manchmal ermordet."

Die Lebenshilfe war bestimmt für Kinder vom siebten Lebensjahr an, bündelte "kriminalistischen Sachverstand", fußte auf "kinderpsychologischem Wissen" und enthielt wohlmeinende Faustregeln wie diese: "Wenn Du einem Sittenstrolch begegnest, nichts wie weg!" Und wie das "Böse" auszusehen hatte, war ebenfalls unzweifelhaft: Es musste ein "Mann mit Mantel" sein, natürlich. Der "Sittenstrolch" war stets ein Fremder, jemand, der wie eine Naturkatastrophe über seine Opfer hereinbrach. Besonders verdächtig erschien, wer "keine Frau hat". Denn: "Der macht sich, wenn er böse ist, an Jungen und Mädchen heran." So einfach war das.

Dem "Triebtäter" war man auf die Schliche gekommen. Er hatte jetzt ein Gesicht, er zeigte ein bestimmtes Verhalten. Drohendes Unheil war nun erkennbar, durchschaubar, berechenbar. Nur den "lieben Onkel", den "netten Nachbarn" hatte niemand auf der Rechnung; so wie jenen 43-jährigen Waschraumwärter, der zu dieser Zeit in einer Duisburger Mansardenwohnung lebte - unauffällig und unbeachtet.

KAPITEL DREI

Es war kaum auszuhalten. Darbende Natur, schwitzende Menschen. Deutschland erlebte den heißesten Sommer seit dem Beginn meteorologischer Aufzeichnungen. Zweieinhalb Wochen mit örtlichen Tagestemperaturen von jeweils über 30 Grad - das hatte es bis dahin nicht gegeben. "79 Prozent der Bundesbürger", so ermittelten die Wickert-Institute in einer Blitzumfrage, "finden die Hitzewelle unerträglich." Und der Fernseh-Meteorologe Martin Teich unkte im ZDF: "Diese große Hochdruckzone wird uns noch einiges zu schaffen machen."

Tatsächlich ereignete sich allerorten Ungewöhnliches: Im Großraum Berlin fuhren winterliche Streukolonnen, um aufgematschten Asphalt mit Sand griffig zu halten. An der Saar schwärmten Inspektoren aus, um entlang den Flüssen zu verhindern, dass sich "die Bauern das immer knapper werdende Wasser gegenseitig abgraben", berichtete ein Ministeriumssprecher. Züge fuhren mit Tempolimit, zwischen Köln und Koblenz galten 50 km/h, weil durch Hitzeglut Gleisverformungen zu befürchten waren. Und auf den Autobahnen stauten sich kilometerweit Fahrzeugschlangen, die Betondecken waren bei Temperaturen über 70 Grad aufgerissen. Auch in Duisburg, der gut 527 000 Einwohner zählenden Industriemetropole im Ruhrgebiet, drohten die ungewöhnlichen Witterungsbedingungen Schaden anzurichten. So musste beispielsweise im Zoo eigens ein Zeltdach installiert werden, um die seltenen Weißwale vor Sonnenbrand zu schützen.

Knapp acht Kilometer Luftlinie vom Tiergarten entfernt, im Arbeiterviertel Laar, hatte es ein kleines Mädchen viel besser als die meisten Erwachsenen, die unter der Bullenhitze ächzten. Es war der 2. Juli, ein Freitag. Das Thermometer zeigte 33,4 Grad. Tanja lachte, jauchzte und sprang immer wieder quietschvergnügt ins Wasser - denn in dem großen Innenhof der schmucklosen Häuserzeile an der Friesenstraße gab es für die vielen Kinder dieses Blocks neben einem Spielplatz auch ein Planschbecken. Die Viereinhalbjährige aus dem Haus Nummer 3 war nicht allein, ihr zwei Jahre älterer Bruder Thomas tobte mit seiner Schwester ausgelassen über die Rasenflächen des Hinterhofs, und dann hüpften beide immer wieder in die kleine Plastikbadewanne. Es war gegen 15 Uhr, als Jutta, ein Kind aus der Nachbarschaft, sich hinzugesellte. Die 8-Jährige wohnte vier Häuser weiter, in Nummer 11. Die Kinder planschten, bespritzten sich mit Wasser, rangen miteinander, sie kicherten. Mitunter wurde es laut. Das Gejohle hatte einen Bewohner des Hauses Friesenstraße 11 aufmerksam werden lassen. Er argwöhnte, dass sich die Kinder wieder an seinem Mofa zu schaffen machen würden. Es war keine drei Wochen her, da waren die Ventile gelockert worden, beide Reifen waren platt gewesen. Er hatte die Kinder in Verdacht. Der Mann brauchte sein Mofa, um damit zur Arbeit zu kommen, und er brauchte es, um außerhalb von Duisburg herumfahren zu können - am liebsten in einsamen Gegenden wo ihn niemand kannte. Er war häufig auf Tour, fast jeden Tag.

Jetzt stand er auf dem Dachboden und lugte aus dem Hoffenster. Die Kinder bemerkten den kleinwüchsigen hageren Mann mit der ausgeprägten Stirnglatze nicht. Er schaute zu, wie sich Tanja, Jutta und Thomas amüsierten. Die Kinder waren nackt. Tanja gefiel dem Mann besonders gut: der schlanke Körper, die schulterlangen blonden Haare zu zwei Zöpfen gebunden, das herzerfrischende Lachen, die schelmischen Grübchen in den Wangen. Sein Körper versteifte sich beim Anblick des Mädchens, er begann heftig zu schwitzen, Schweißperlen bildeten sich auf der breiten Stirn. Der Mann hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Er knöpfte sein weißes Hemd auf. Sein Blick wurde starr, irgendwie leer, er wirkte geistesabwesend. Die dunklen Augen fixierten nur noch Tanja. Er wollte ganz nah bei ihr sein. Schweißtropfen platschten auf den hölzernen Fenstersims, während der Mann sich dort abstützte. Er war jetzt in Gedanken, begann zu phantasieren. Ein Schrei riss ihn aus seinem Fiebertraum. Jutta war gestürzt, sie hatte sich das rechte Knie aufgeschlagen. Das Mädchen weinte, wenig später verschwand sie im etwa acht Meter langen tunnelartigen Durchgang, der vom Hinterhof zur Häuserfront führte. Sie brauchte ein Pflaster - und den Zuspruch ihrer Mutter. Der Mann dachte nach. Er glotzte immer noch unbemerkt durch das Fenster auf den Hof. Tanja und Thomas waren noch da. Um sich besser konzentrieren zu können, begann er über den Dachboden zu schlurfen - wie immer vornübergebeugt, das linke Bein etwas nachziehend. Dann wurde das Hoffenster geschlossen, und der Mann verschwand. Er hatte sich jetzt etwas vorgenommen, er hatte einen Plan.

Gegen 15.45 Uhr kam Thomas nach Hause. Abgekämpft und müde. Wortlos und mit hängenden Schultern schlich er an seiner Mutter vorbei. Die hatte für die Kinder in der Küche kalten Zitronentee bereitgestellt. Hastig stürzte er ein Glas hinunter. Dann noch eins. Petra Bracht hatte auch ihre Tochter erwartet. Aber Tanja kam nicht. Sie hakte nach: "Tomi, wo ist denn die Tanja?"
"Die kommt gleich."
Eine Viertelstunde verging. Thomas saß vor dem Fernseher, als seine Mutter nachfragte: "Wollte Tanja noch irgendwohin, hat sie was gesagt?"
"Nee."
Petra Bracht wurde energisch: "Entweder du sagst jetzt was los ist, oder ich mache die Flimmerkiste aus!"
Keine Antwort.
"Ich warte!"
"Mami, ich weiß es nicht", lenkte Thomas ein, "die hat nur gesagt, dass sie gleich hochkommt."
"War noch jemand bei ihr?"
"Nee."

Hans Bracht studierte die Reiseroute nach Mannheim, als seine Frau ihm von hinten auf die Schulter tippte. "Hänschen, schau doch mal nach Tanja. Sie ist noch unten am Planschbecken. Wir wollen doch nachher los, und ich muss mich noch um die Brote und so kümmern. Gehst du mal eben?" Hans Bracht nickte. Wenig später stieß er das Stahltor zum Innenhof auf. Es war ungewöhnlich still. Etwas bedrückt verschaffte er sich einen Überblick. Tanja war nicht zu sehen. Es war überhaupt niemand da. Eigenartig, dachte er sich. Hans Bracht rief nach seiner Tochter. Keine Antwort. Dann noch mal. Wieder nichts. Augenblicke später ließ ihn etwas stutzig werden; etwas Vertrautes, das er zu kennen glaubte. Er ging einige Schritte. Und er lag richtig: Es war das Kleidchen seiner Tochter, das unweit des Wasserbassins über dem Zaun hing, sorgfältig zusammengelegt. Tanja musste es ausgezogen haben, damit es nicht nass wurde; genauso wie ihre Schuhe. Hans Bracht griff nach dem Kleidungsstück. Er verharrte einen Moment, dachte nach. Das war schon komisch: Tanja war nicht besonders ordnungsliebend, das wusste er; aber ohne Kleid und Schuhe, halbnackt, seine Tochter wäre so nirgends hingegangen. Bestimmt nicht. Der 34-Jährige spürte, wie sich sein Magen langsam zu verkrampfen begann. Ein Gefühl bahnte sich seinen Weg, das er gut kannte, mit dem er sich aber nie hatte anfreunden wollen, und gegen das er sich nicht wirklich wehren konnte: ein Hauch von Angst.

Quatsch! machte er sich Mut. Tanja ist bestimmt schon oben. Oder ist sie eventuell doch gestürzt? Hat Tomi sie vielleicht geschubst? Ist sie womöglich bewusstlos geworden, nachdem sie gefallen war? Liegt sie hinter einem der vielen Sträucher? Oder auf der Kellertreppe? Oder hatte sie einfach nur die Hitze nicht vertragen? Hans Bracht wusste, dass es diese und viele andere Möglichkeiten gab, die meisten davon erschienen auch ihm abwegig. Dennoch inspizierte er nochmals den Hinterhof, die Kellerräume, jede Ecke, jeden Winkel. Keine Spur von Tanja. Anschließend suchte er die Friesenstraße ab. Er traf einen Nachbarn: "Haben Sie die Tanja gesehen?"
"Tut mir Leid, nein."
Er fragte auf dem Bürgersteig spielende Kinder: "Ihr kennt doch die Tanja, war sie hier?"
Kopfschütteln.

Der besorgte Vater wurde beobachtet - von demjenigen, der im Haus Friesenstraße 11 im zweiten Stock wohnte, vom Treppenaufgang gesehen rechts. Der Mann stand schräg hinter einer altmodischen schmuddeligen Gardine. Er wollte sehen, aber nicht gesehen werden. Sein Oberhemd war schweißfeucht. Und er war nervös.

Sie wird schon längst zuhause sein! Hans Bracht machte sich erwartungsvoll auf den Heimweg. Seine Frau hatte ihn früher erwartet, eine knappe halbe Stunde war nun schon vergangen. "Und?" Hans Bracht drückte seiner Frau enttäuscht Kleid und Schuhe in die Hände. "Das lag unten auf der Bank. Ich hab' alles nach ihr abgesucht, nichts. Keiner hat sie gesehen." Er fluchte. Und dann wurde es für einen Moment still, für einen quälend langen Augenblick. "Hans, wir müssen etwas unternehmen!"

"Jetzt beruhig' dich, sie kommt schon noch, oder wir finden sie."
Hans Bracht versuchte auch sich selbst in die Pflicht zu nehmen, kühlen Kopf zu bewahren: "Wir gehen noch mal los, wir beide. Die Kleine muss doch irgendwo sein. Tomi bleibt hier, falls Tanja doch noch auftaucht."

Anfangs war dieses Gefühl nur unangenehm gewesen, lästig, unbequem - denn Tanja hatte sich schon häufiger verspätet; allerdings nur für ein paar Minuten, höchstens eine Viertelstunde. Und sie war währenddessen nie unbeaufsichtigt geblieben. Jetzt war es irgendwie anders, das spürten ihre Eltern. Sie hatten keinen Anhaltspunkt, keine Orientierung. Tanja hatte den Nahbereich der Wohnung verlassen. Daran zweifelten sie nicht mehr. Es schien keine Alternative zu geben. Ihre Tochter musste sich also an einem Ort aufhalten, den sie unter normalen Umständen nicht hätte aufsuchen dürfen. Allein die nicht zu leugnende Existenz der theoretischen Möglichkeit, dass diese nicht normalen Umstände sich tatsächlich ereignet haben könnten, beflügelte die Phantasie. Aber diese Vorstellungen, die sich wie eine böse Vorahnung anfühlten, wollten nicht konsequent zu Ende gedacht werden. Denn die Angst vor der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die erst durch ihre Formulierung wirksam und bedrohlich werden konnte, machte sprachlos.

Die Suche musste fortgesetzt werden. Petra und Hans Bracht alarmierten alle Nachbarn, die sie gut kannten. Und die Nachbarn spannten ihre Kinder mit ein. Denn die wussten besser als die Erwachsenen, wo man sich verstecken konnte, wo es etwas zu erleben gab oder wo sich die Kinder der Siedlung trafen. Es war mittlerweile 17.30 Uhr, als Christina und Roland im Haus Friesenstraße 11 schellten. Sie hatten von ihren Eltern den Auftrag bekommen, die Bewohner nach Tanja zu fragen. Es dauerte eine Weile, dann wurde aufgedrückt. In Parterre öffnete niemand. Ein Stockwerk höher wurden die beiden schon erwartet. Der Früh-Rentner Heinz Stüllenberg stand in der Tür: "Was gibt's denn?" ´
"Haben Sie die Tanja gesehen?"
Der 53-Jährige stutzte einen Moment. "Das Mädchen aus Nummer 3, die kleine Bracht? Die mit den Zöpfen?"
Kopfnicken.
"Nee, Kinder, tut mir leid, hab' ich heute nicht gesehen."

Zwei Möglichkeiten blieben noch - die Wohnungen unter dem Dach. Bis dorthin waren es 14 Stufen. Die Holztreppe knarrte, als die Kinder sie emporstiegen. Christina zog sich an den Sprossen des Geländers hoch. Das war auch aus Holz, dunkelbraun gestrichen, hier und da war schon die Farbe abgeplatzt. Die Luft war stickig, es roch nach Essen. Oben gab es drei weiß gestrichene Türen, links und rechts wohnte jemand, die mittlere Tür führte zum Dachboden. Roland drückte auf den schwarzen Klingelknopf. Nichts regte sich. Der Junge schellte noch mal. Niemand da. Nun standen sie vor der Wohnung, die rechts vom Treppengeländer abging. An der Tür klebte ein Schild. Den mit krakeliger Schrift geschriebenen Namen konnten sie nicht lesen, die beiden gingen noch in den Kindergarten. Hier wohnte der Mann, der Tanja zwei Stunden zuvor vom Dachboden aus beobachtet hatte.

Christina schellte, sie durfte jetzt auch mal. Als die Kinder schon wieder kehrtmachen wollten, wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet. Das verschwitzte Gesicht des Mannes wurde kaum sichtbar, und er sagte nichts. Aber sein Blick flackerte, wanderte zwischen den Kindern hin und her. Es schien so, als fühle er sich nicht wohl, als behage ihm etwas nicht. Von all dem bemerkten die Kinder nichts. Roland fragte schüchtern nach. Der Mann antwortete mürrisch mit leiser, kaum verständlicher Stimme: "Das Mädel hab' ich nich' gesehen!" Sofort wurde die Tür wieder geschlossen, und der Mann ging zurück in die Küche. Was Christina und Roland nicht gesehen hatten, was sie nicht hatten bemerken können: Das weiße Unterhemd des Mannes war auffallend schmutzig, er hatte sich offenbar die Hände daran abgewischt.

Eine knappe Stunde später. Tanja war immer noch verschwunden. Die Hoffnung der Eltern, ihre Tochter bald und wohlbehalten zu finden, hatte sich nicht erfüllt. Mit jeder Minute, die ohne ein Lebenszeichen von Tanja verstrich, wurde die Befürchtung konkreter, die nackte Angst fühlbar. Hans Bracht wurde es zu bunt: "Wir müssen zur Polizei, da stimmt was nicht!"

Auf der Wache des "Schutzbereichs II" war nicht viel los. Zwei betrunkene Randalierer mussten ausgenüchtert werden, eine Streifenwagenbesatzung hatte einen Verkehrsunfall zu bearbeiten, die übrigen Beamten erledigten Papierkram oder spielten Karten. Dann kamen die Brachts.

"Unsere Tochter ist verschwunden", begann Petra Bracht aufgeregt zu erzählen, "wir haben schon Stunden nach ihr gesucht. Nur ihr rot geblümtes Schürzenkleid haben wir gefunden; und ihre Schuhe, bei uns im Hinterhof. Dort war sie zuletzt." Die 33-Jährige war den Tränen nahe, ihr Mann ergänzte: "Wir wollten eigentlich zu meiner Schwester nach Mannheim fahren, unser erster Urlaub. Ich hab' unseren Wagen morgens noch schnell zur Inspektion in die Werkstatt gebracht. Wir warteten auf gepackten Koffern. Unseren Kindern wurde es in der Wohnung zu heiß, sie wollten raus. Seitdem haben wir Tanja nicht mehr gesehen."

Schnell wurde dem Polizeibeamten klar, dass kein Routinefall vorlag. Da aber Tanjas Aufenthaltsort nebulös blieb, wurde zunächst die Standardmaßnahme eingeleitet - eine "Nahbereichsfahndung". Alle Streifenwagen des Duisburger Präsidiums erhielten per Funk den Auftrag, "im Rahmen der Streife" nach Tanja Ausschau zu halten. "Mitfahndungsersuchen" wurden an Taxiunternehmen und öffentliche Verkehrsbetriebe gerichtet. Die Beamten des Reviers wurden nach kurzer Lagebesprechung angewiesen, bestimmte Örtlichkeiten in regelmäßigen Abständen anzufahren. Das waren insbesondere die nähere Umgebung der Friesenstraße, die nur einen halben Kilometer entfernten Rheinwiesen, Sportanlagen und Kinderspielplätze. Auch die Laarer Bürger wurden über Lautsprecherdurchsagen "um Mithilfe" gebeten.

Es war 18.54 Uhr, als die Polizei den ersten Hinweis erhielt. "Ich glaube, ich habe das Kind gesehen", mutmaßte ein männlicher Anrufer, "oben auf dem Rheindamm." Ein Boot der Wasserschutzpolizei raste los, zusätzlich zwei Streifenwagen, ein Hubschrauber überflog das Gebiet. Eine halbe Stunde später kam die Rückmeldung: "Fehlalarm." Um 20.16 Uhr meldete sich telefonisch eine Frau, die ihren Namen nicht nennen wollte. "Ich möchte niemanden verdächtigen", begann sie schüchtern, " aber in der Nummer 11 in der Friesenstraße, da wohnt ein Mann, gleich unter dem Dach. Da sind schon mal Kinder zu dem gegangen! Ich weiß nicht, ob das wichtig ist..." Der Polizeibeamte wusste es auch nicht, aber er gab den Hinweis weiter. Zwanzig Minuten später hielt ein Streifenwagen in der Friesenstraße. Die Eingangstür von Haus Nummer 11 stand offen. Wenig später schellten die Polizisten in der zweiten Etage; an der Wohnungstür des Mannes, der Tanja am selben Tag längere Zeit beobachtet hatte. Als sich nichts rührte, wurde angeklopft. Es blieb still, und die Beamten zogen ab. Anschließend überprüften sie die Kellerräume des Hauses und der Nachbarschaft - von Tanja keine Spur.

Als die Dunkelheit eine weitere Suche unmöglich machte, wurde abgebrochen. Petra und Hans Bracht waren erschöpft - körperlich, vor allem aber seelisch. Die Erfolglosigkeit, die Ungewissheit, die Hilflosigkeit, die Unsicherheit, alles kam zusammen. Nichts war mehr so wie vorher. Die Nachbarn spendeten zwar Trost, machten Mut und boten auch für den nächsten Tag ihre Hilfe an. Aber all dies half nicht wirklich. Denn mittlerweile gewann ein Gedanke überhand, und der Eintritt dieser Befürchtung war nun wahrscheinlicher geworden als ihr Ausbleiben: Tanja muss etwas zugestoßen sein! Fraglich war nicht mehr, ob, sondern was passiert war.

Am Samstagmorgen wurde die Suche gegen 7 Uhr fortgesetzt. Die "Vermisstensache Tanja Bracht" war jetzt auch ein Fall für den Bereitschaftsdienst der Duisburger Kripo. Die Ermittler bewerteten zunächst die Aussagen der Eltern, der Nachbarn, die Berichte der Schutzpolizisten. Es folgten Routine-Recherchen, anschließend eine "Beurteilung der Lage". Das Ergebnis: Ein Verdacht gegen die Eltern erschien "unwahrscheinlich", ein Unglücksfall "möglich", ein Kapitalverbrechen "wahrscheinlich". Gleichwohl fehlten für alle Hypothesen Beweise. Also mussten zunächst tatsächliche und potentielle Zeugen befragt werden: die Familie Bracht, Verwandte, Nachbarn und alle Bewohner der Friesenstraße. Gegen 9.30 Uhr wurden drei Teams gebildet. Ihr Auftrag: "Verbesserung der Informationslage".

Fünf Minuten später meldete sich auf der Kriminalwache des Präsidiums telefonisch Franz Falenski. Der Mann wohnte in der Friesenstraße 11. "Es geht um das vermisste Mädchen, die Tanja Bracht", begann der 71-Jährige etwas verlegen zu erzählen, "ich hab' mit meiner Frau lange drüber geredet. Wir sind uns nicht ganz sicher, komisch ist das aber schon..." Der Kriminalbeamte hörte aufmerksam zu, stellte Fragen, machte sich eifrig Notizen. Es ging um ein verstopftes Abflussrohr und einen unbescholtenen Nachbarn, der "etwas Merkwürdiges" in einer Mülltonne versteckt haben sollte. Dann wiederholte Franz Falenski seine Bedenken: "Wir können uns das nicht vorstellen, und wir wollen auch niemanden anschwärzen, aber vielleicht hat das ja doch was mit dem Kind zu tun."

Wenige Minuten später erschienen zwei Kriminalhauptkommissare der "Rufbereitschaft" in der Friesenstraße. Sie befragten die Eheleute Falenski und ließen sich die Mülltonne zeigen. Was die Ermittler dort unter Abfällen versteckt fanden, nahm ihnen den Atem. Derartiges hatte keiner von beiden zuvor je gesehen. Doch sie erkannten sofort, worum es sich handelte, woher es stammte. Und sie wussten nun, was zu tun war. Es gab jetzt einen ungeheuerlichen Verdacht - und einen Verdächtigen. Der wohnte im zweiten Stock. Es war der Mann, der Tanja tags zuvor längere Zeit beobachtet hatte. Und der hatte bis zu diesem schwül-heißen Samstagmorgen des 3. Juli 1976 so unauffällig gelebt, als gäbe es ihn gar nicht.

Um 10.05 Uhr klopften die Beamten an seine Tür. Die Kommissare hatten noch keine konkrete Vorstellung von dem, was sie in der Wohnung vorfinden würden. Aber wenn sich nur annähernd bewahrheiten sollte, was sie vermuteten, so erwartete sie die Hölle.

Es verging noch eine Weile, dann wurde geöffnet...


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