Der Liebespaar-Mörder

Gebunden mit Schutzumschlag
358 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 3-7700-1190-2
€ 18,95


Jetzt bestellen (www.amazon.de)
1
Leseprobe
KAPITEL EINS

Mittwoch, 7. Februar 1953, 22.51 Uhr.

Der Mann hielt sich die linke Hand vor den Mund, ihm war übel. Das nur noch schwache Licht seiner Taschenlampe fiel auf den weiß-bräunlichen Boden. Die Pistole steckte jetzt in seiner rechten Manteltasche. Er konnte den Anblick nicht mehr ertragen. Mit allem hatte er gerechnet - nur damit nicht. Erst jetzt war ihm voll bewusst geworden, was da wenige Augenblicke zuvor tatsächlich passiert war. Ohne dass er danach verlangt hätte, flammte die Erinnerung auf. Entsetzlich. "Komm doch endlich!" schrie er angewidert. "Hast du denn immer noch nicht genug!"
Keine Antwort.
Ungeduldig drehte er sich um. Er sah, wie die Buglampe eines Schlepperkahns einen schwachen Lichtschein auf das schiefergraue Wasser des Rheins warf. Sonst war es stockdunkel, bitterkalt, es schneite. Er fröstelte. Die dicken, nassen Flocken dämpften wie ein Kissen das monotone Plätschern des Lastkahns, der flussaufwärts tuckerte. Für einige Augenblicke hatte er sich von dieser friedfertigen Szenerie einfangen lassen. Doch dann packte ihn wieder das Grauen. Er starrte auf den dunklen Wagen, an dem nur die Außenlampen brannten. Aus dem Radio tönte immer noch Tanzmusik. Die Insassen des Wagens konnte er nur schemenhaft erkennen, aber in Gedanken war er ganz nah bei ihnen, sah all das Blut. Jetzt wollte er nur noch weg. Und dann lief er einfach los.
Er stürmte auf das freie Feld zu, von wo sie erst vor wenigen Minuten gekommen waren. Nach etwa zweihundert Metern hörte er hinter sich den keuchenden Atem seines Freundes, dessen schneidende, hohe Stimme: "Bleib stehen, du Jammerlappen. Verdammt, bleib stehen!" Sekunden später wurde er eingeholt. Sein Kumpel sprach nicht zu ihm, er befahl: "Gib mir deine Knarre, mach schon!" Er gehorchte.
Jetzt stand sein Freund direkt vor ihm, in jeder Hand eine Pistole. "Willst dir wohl nicht die Finger schmutzig machen, willst mich die Dreckarbeit alleine machen lassen", zischte der verächtlich. "Das könnte dir so passen. Aber so haben wir nicht gewettet. Mitgehangen, mitgefangen. Wenn du aus der Sache lebend rauskommen willst, gehst du jetzt schön zurück und knallst den Burschen ab. Hast du mich verstanden!"
Er antwortete nicht, schüttelte nur unmerklich den Kopf.
"Die nimmst du jetzt." Sein Kumpane hielt ihm eine Pistole hin, flüsterte: "Mit der hab ich schon geschossen. Die kann ich sowieso nicht mehr benutzen, die kommt in die Fahndung der Bullen. Wir müssen doch nicht beide Knarren versauen."
"Scheiße, ich kann das nicht."
"Stell dich nicht so an", bekam er zur Antwort, "ich hab schon ein paar Leute kaltgemacht, das geht ganz leicht. Wenn man erst einen gekillt hat, spielt es keine Rolle mehr, ob man einen, zehn oder hundert umbringt."
Er sträubte sich. Hühner klauen, wildern, einbrechen, dazu war er bereit gewesen. Jederzeit. Aber ein Menschenleben auslöschen? Jemanden töten? Seine Antwort war unmissverständlich: "Du spinnst doch!"
"Wie du willst. Dann muss ich dich eben umlegen. Mitwisser gibt's bei mir nicht. Entweder du bist für mich oder gegen mich. Also, was ist?"
Der Lauf einer Pistole war nun direkt auf seinen Kopf gerichtet. Panik ergriff ihn, denn ihm war alles zuzutrauen. "Das kannst du doch nicht machen! DAS KANNST DU DOCH NICHT MACHEN!"
"Bete, du Jammerlappen, bist doch so fromm. Vielleicht hilft's dir beim Abgang. Aber mach hin!"
Er sank auf die Knie, begann zu zittern. Den Schnee, der langsam durch seine Hosenbeine sickerte, spürte er nicht. Er starrte nur gebannt auf den Lauf der Pistole, die jeden Moment losgehen konnte. Er spürte, wie ein Gefühl von ihm Besitz ergriff, von dem er bisher nur gehört hatte - Todesangst. "Ich schwör's dir", flehte er, "ich verpfeif dich nicht. Bestimmt nicht. Aber nicht das. Ich kann den Jungen nicht umbringen. Ich schaff's nicht."
Sein Peiniger schwieg, schien zu überlegen. "Steh auf", knurrte er schließlich. "Also los, du Hund, schwöre. Sprich mir nach: Ich schwöre beim Leben meiner Eltern …"
"… beim Leben meiner Eltern …"
"… und meiner Frau …"
"… und bei allem, was mir heilig ist …"
"… und bei allem, was mir heilig ist …"
"… dass ich nie und zu niemandem darüber sprechen werde, was ich eben gesehen habe."
Als er dem Mann, den er einmal für seinen Freund gehalten hatte, nun in die Augen sah, wurde ihm kalt ums Herz - ein hasserfüllter, erbarmungsloser Blick schien ihn förmlich zu durchbohren. Eingeschüchtert senkte er den Kopf. Er hatte nicht den Mut, die Kraft, all dem etwas entgegenzusetzen.
"Du hast doch wohl nicht im Ernst geglaubt, dass du so billig davonkommst, du Waschlappen. Hast mich im Stich gelassen. Du würdest mich doch bei der erstbesten Gelegenheit ans Messer liefern. Jetzt wird abgerechnet!"
Plötzlich bemerkte er das kalte, feuchte, kreisförmige Ende des Pistolenlaufs an seiner linken Schläfe. Er wollte aufspringen, sich wehren, sich auf seinen Widersacher stürzen, um das nackte Leben kämpfen. Doch er harrte aus. Wie betäubt. Regungslos. Dann hörte er noch, wie der Abzugshahn langsam nach hinten gezogen wurde.


KAPITEL ZWEI

Etwa zur selben Zeit, es war jetzt 23.10 Uhr, kauerte Ernst Littek immer noch auf dem Beifahrersitz eines schwarzen Opel-"Kapitän", polizeiliches Kennzeichen R 233-499. Der Wagen stand einsam unter einer Baumgruppe am Rande der Rotterdamer Straße, einer stillen Allee, die am rechten Rheinufer aus dem Stadtteil Stockum in den Norden Düsseldorfs führte. Das Gesicht des 18-Jährigen war blutverschmiert, er hatte mehrere Kopfverletzungen erlitten. Es waren mittlerweile einige Minuten vergangen, in denen nichts weiter passiert war, und er hatte auch keine verdächtigen Geräusche mehr gehört. Sie mussten jetzt weit genug weg sein.
Littek hob vorsichtig den Kopf, blinzelte nach links. Zunächst sah er das viele Blut, das über das Armaturenbrett des Autos gespritzt war, dann den zusammengesackten, leblosen Körper seines Bekannten. Er hatte mit ansehen müssen, wie ihm eine Kugel in den Kopf geschossen worden war. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Als der junge Mann versehentlich mit dem Arm an die Leiche stieß und der Kopf des Toten zur Seite sackte, brach er in hysterisches Schluchzen aus. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was sich da ereignet, worauf er sich da eingelassen hatte. Und er musste damit rechnen, dass man ihm unangenehme Fragen stellen, dass man ihn gar ins Zuchthaus stecken würde. Littek packte die nackte Angst, er stürzte aus dem Wagen und rannte davon.
Nach etwa achthundert Metern erreichte er das nächste Gehöft und trommelte mit beiden Fäusten gegen die Tür. Als geöffnet wurde, stammelte Littek nur bruchstückhaft und zusammenhanglos: "Überfall …", "Wagen …", "Geschossen …". Er stand unter Schock. Der Bauer stellte keine Fragen, sondern alarmierte sofort die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung erschien eine Viertelstunde später und brachte den Verletzten in das nächste Krankenhaus.
Unterdessen war die Rufbereitschaft des 1. Kriminalkommissariats verständigt worden, zuständig unter anderem für "Todesermittlungsverfahren". Eiligst wurde im Düsseldorfer Polizeipräsidium eine Mordkommission aufgestellt. Während eine Handvoll Ermittler wenig später den Tatort großräumig absperrte und nach Spuren suchte, wurde Littek noch in der Nacht ausführlich vernommen. Die Kriminalisten hofften auf möglichst authentische Angaben, und sie wollten vermeiden, dass der einzige Tatzeuge sich eventuell mit Dritten absprechen konnte. Denn schon zu diesem Zeitpunkt rieben sich die Ermittler an dem ungewöhnlichen Umstand, dass nur eines der Opfer getötet worden war. Also konnte das vermeintliche Opfer auch einer der Täter sein - oder den Ermordeten in einen Hinterhalt gelockt haben. Diese Möglichkeiten mussten in Betracht gezogen werden, auch wenn es hierfür noch keine konkreten Anhaltspunkte gab.
Der Tote konnte schnell identifiziert werden. Es war Dr. Wilhelm Stürmann, wohnhaft gewesen in der niederrheinischen Kleinstadt Velbert. Der 42-jährige Jurist hatte als Rechtsschutz-Sekretär für den Deutschen Gewerkschaftsbund gearbeitet. Littek hatte Dr. Stürmann nach eigenen Angaben "erst einige Tage" vor der Tat in einer Kneipe in Neuss kennen gelernt. Der inzwischen sichergestellte Wagen war von jenem Mann, der ehemals als Staatsanwalt selbst Verbrecher gejagt hatte, bei einer Verleihfirma in Velbert gemietet worden. Warum Dr. Stürmann nicht seinen eigenen Wagen benutzt hatte, blieb zunächst ungewiss.
Littek, noch im blutbesudelten blauen Hemd, versicherte in seiner Vernehmung, dass er den Toten nur als "Dr. Martin" gekannt habe, Kosename "Teddy". Mit weicher und leiser Stimme erklärte der noch recht jugendlich wirkende Hilfsarbeiter, man sei für den Abend am Graf-Adolf-Platz in Düsseldorf verabredet gewesen und mit dem Wagen des Opfers über die Rotterdamer Straße in Richtung Kaiserswerth gefahren. Am Ende der Rotterdamer Straße habe Dr. Stürmann den Wagen angehalten, dann aber, da man sich dort durch einen bereits parkenden Wagen "gestört fühlte", gewendet und sei ein Stück in Richtung Düsseldorf zurückgefahren.
Den unmittelbaren Tathergang schilderte er so: "Das Radio lief, wir hörten Musik. Ich sah, wie ein Auto vom Schwimmstadion her an uns vorbeifuhr, fünfzig Meter weiter wendete und mit abgeblendeten Scheinwerfern stehen blieb. Es müsste ein Volkswagen gewesen sein, hellgrau. Daraufhin kamen über den Promenadenweg zwei Männer näher. Ich habe aber nicht weiter darauf geachtet. Plötzlich stand ein Mann neben der linken vorderen Tür und schrie etwas, was sich wie ‚Aufmachen!' anhörte. Der Mann trug eine Maske, die Nase und Mund verdeckte. Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen, dann fiel der Schuss. Einen Moment lang erstarrte Teddy und fiel dann auf meine Beine. Da kam auch schon von rechts der andere Mann und stieg durch die rechte hintere Tür in den Wagen. Auch der hatte eine Pistole. Ich weiß nicht mehr genau, ob er ‚Hände hoch!' gerufen hat. Ich habe nur sofort geschrieen: ‚Nicht schießen, nicht schießen!' Dann sagte der eine Mann zu mir: ‚Bücken Sie sich nach vorne, ich schieße nicht.' Ich bückte mich nach vorn und bekam in diesem Augenblick Schläge auf den Kopf. Ich war davon benommen, aber nicht bewusstlos, und habe mich nicht mehr bewegt. Der Mann, der Teddy erschossen hatte, brüllte dann den anderen an: ‚Los, mach ihn kalt!' Ich bin hoch und rief: ‚Lasst mich leben! Lasst mich leben, ich verrate nichts!' Dann bekam ich drei oder vier Schläge über den Schädel und fiel nach vorn. Dieses Mal wurde ich für kurze Zeit bewusstlos. Nach ein paar Sekunden war ich wieder da. Ich war überrascht, dass ich noch lebte. Und dann flüsterte mir eine Stimme ins Ohr: ‚Stell dich tot!' Das habe ich auch gemacht. Ich war wie gelähmt."
Die Vernehmung musste unterbrochen werden. Littek hatte unverkennbar erhebliche Mühe, sich zu konzentrieren, das Unfassbare in Worte zu kleiden. Ihm versagte die Stimme. Mit starrem Blick saß er gedankenverloren auf einem Holzstuhl, den mit einem dicken Mullverband umwickelten Kopf in beide Hände gestützt. Erst Minuten später hatte er sich wieder gefangen.
"Ich hockte halb auf dem Wagensitz", fuhr er fort, "halb kniend, spürte ich ein schweres Gewicht auf meinem Rücken. Obwohl ich nichts erkennen konnte, wusste ich, dass es Teddy war, der auf mir lag. Dann wurde die Last plötzlich von meinem Rücken entfernt und Sekunden später griff jemand in meine Taschen. Ich konnte es nicht sehen, aber ich hatte das Gefühl, es war der Mann, der auf Teddy geschossen hatte. Die Hand hörte mit dem Tasten auf, zog meine Brieftasche heraus, und dann lastete wieder Teddys Körper auf mir. Dann hat sich einer der Männer auf den Fahrersitz gesetzt und versucht, den Wagen anzulassen. Das dauerte aber nur einige Augenblicke. Das letzte, was ich gehört habe, war, das gesagt wurde: ‚Komm doch endlich. Hast du denn immer noch nicht genug?' Danach war nur noch Stille."
Während der Zeuge die Tatabläufe detailreich schilderte, wusste er über die Täter nur wenig zu sagen. Littek konnte die "mit melierten Tüchern maskierten" Männer lediglich vage beschreiben: "Beide waren ungefähr 1,70 Meter groß, beide hatten auffallend schmale Schultern." Zudem sollte der Todesschütze "dunkles, wirres Haar" gehabt haben.
Für die Ermittler der Mordkommission war das Motiv eindeutig: "Habgier". Die Täter hatten die Brieftaschen der Opfer geraubt und insgesamt einhundertsechzig Mark erbeutet. Das passte. Rätselhaft blieben jedoch bestimmte Verhaltensweisen, die widersprüchlich erschienen, die Fragen provozierten. Zunächst konnte man sich nicht schlüssig erklären, warum die Mörder sich überhaupt maskiert hatten - wenn doch die Tötung der Opfer von vornherein geplant gewesen war. Auf diese Intention deutete jedenfalls die sofortige Schussabgabe hin, zumal ohne Vorwarnung und ohne, dass der Schütze sich hätte bedroht fühlen müssen. Auch gab es zunächst keine einleuchtende Begründung dafür, warum versucht worden war, den Wagen Dr. Stürmanns zu starten. War das eigentliche Ziel der Tat eventuell gar nicht erreicht worden, nämlich den Opel-"Kapitän" zu rauben, um damit andere Verbrechen begehen zu können? Oder sollte der Wagen nur weggefahren werden, um ihn und die Insassen beiseite zu schaffen? Hatten die Täter sich so lediglich einen Zeitvorsprung verschaffen wollen? Und vor alledem: Warum hatte man Dr. Stürmann kaltblütig erschossen, Ernst Littek, der den Tätern später durchaus gefährlich werden konnte, indes verschont? Das ergab keinen Sinn.
Die Todesursache wurde der Kripo noch am frühen Donnerstagabend mitgeteilt, ein Gerichtsmediziner der Universität Düsseldorf hatte herausgefunden: "Der aus einer Entfernung von höchstens dreißig Zentimetern auf das Opfer abgegebene Schuss hat dessen Unterkiefer links durchschlagen, die Zunge verletzt, zwei Halswirbel zertrümmert, das Rückenmark leicht verletzt und wahrscheinlich eine sofortige Lähmung des Getroffenen bewirkt. Durch das Einatmen größerer Mengen Blut in die Lunge starb das Opfer an den Folgen des Schusses etwa fünf bis zehn Minuten, nachdem er getroffen worden war." Dr. Stürmann war demnach einen grausigen Tod gestorben, an seinem eigenen Blut qualvoll erstickt.
Fahndungsrelevante Hinweise erbrachten erste Ergebnisse der Untersuchungen des Tatortes. Etwa zwei Meter schräg links vor der linken vorderen Wagentür hatte man eine leere Patronenhülse gefunden. Im Wagen waren die Ermittler auch fündig geworden - sie hatten das Projektil sichergestellt, das an der rechten Schläfe des Opfers wieder ausgetreten war. Dieses Geschoß stammte aus einem recht ungewöhnlichen Pistolentyp, einer "Parabellum 08" (für 1908, das erste Herstellungsjahr), Kaliber 9 Millimeter. Es handelte sich um eine sechsschüssige Mehrladepistole mit einer Gesamtlänge von zweiundzwanzig Zentimetern und einem Gewicht von achthundertfünfzig Gramm, die vornehmlich von der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg verwendet worden war. Mitte der dreißiger Jahre hatte die Wehrmacht diesen Waffentyp ausrangiert und durch modernere Pistolen ersetzt.
Neben diversen Fußspuren, die allesamt vermessen und fotografiert worden waren, hatten die Beamten auf dem Rücksitz des Wagens auch die Aktentasche Dr. Stürmanns gefunden. Merkwürdigerweise war sie von den Tätern erst gar nicht geöffnet worden, obwohl sie weiteres Raubgut hätte beinhalten können. Die Fahnder vermuteten deshalb, dass die Tasche entweder einfach übersehen oder als wenig lukrativ eingestuft worden war. Letzteres erschien am plausibelsten, da die Täter sich die Zeit genommen hatten, um zumindest die Kleidung der Opfer gründlich zu durchsuchen. Auch glaubte man herausgefunden zu haben, warum es den Tätern nicht gelungen war, den Wagen zu starten. Höchstwahrscheinlich hatten sie nicht gewusst oder nicht erkannt, dass der Anlasser sich bei diesem speziellen Modell am Boden befand.
Die ermittelten Fakten mussten jetzt kriminalpsychologisch bewertet und eingeordnet werden. Aus der Tatsache, dass einer der Täter unvermittelt und ohne Not geschossen hatte und beide Männer vom Zeugen Littek als "schmalschultrig" beschrieben worden waren, schloss man, es könne sich um "unerfahrene Täter" handeln, wahrscheinlich "Jugendliche". Gleichwohl sollte die Auswahl des Tatortes "nicht zufällig" erfolgt sein. Niemand in Reihen der Mordkommission wollte annehmen, dass dieses "merkwürdige Zusammentreffen" zu solch ungewöhnlicher Zeit an derart abgelegener Stelle einfach so passiert sein sollte, zumal Minusgrade geherrscht hatten und dichtes Schneetreiben. Besonders interessiert waren die Fahnder naturgemäß an den Insassen des hellgrauen Volkswagen, der nur fünfzig Meter vom Wagen Dr. Stürmanns entfernt gestanden hatte, dessen polizeiliches Kennzeichen Ernst Littek jedoch nicht hatte ablesen können. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass diese Zeugen etwas gesehen oder gehört hatten. Oder waren es gar die Täter gewesen? Oder deren Helfershelfer? Allerdings verfügte man nicht über einen einzigen Erfolg versprechenden Hinweis auf die Identität dieser "wichtigen Zeugen". Wie so oft war die Kripo also auch in diesem Fall auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen.
Am 9. Februar meldeten die Düsseldorfer Tageszeitungen schlagzeilenträchtig und in fettgedruckten Lettern das Verbrechen: "Raubmord am Rheinstadion", "Rechtsanwalt in seinem Auto erschossen", "Mord im parkenden ‚Kapitän'". Am Ende eines jeden Artikels wurde die Leserschaft aufgefordert, bei der Aufklärung behilflich zu sein: "Wer hat Wahrnehmungen oder Beobachtungen gemacht, die für die Aufklärung der Tat von Interesse sein könnten? - Das 1. Kriminalkommissariat, Telefon 10 25, Nebenstelle 84 11, und jede andere Polizeidienststelle nehmen Angaben und Hinweise entgegen." Die "blut- und gelddurstigen Mordgesellen" durften nicht ungeschoren davonkommen.
Die Ermittlungen nahmen urplötzlich eine überraschende Wendung, als Kripobeamte in der Wohnung Dr. Stürmanns in seinem Kalender des Jahres 1952 immer wieder auf einen Namen stießen, der dort gar nicht hätte vermerkt sein dürfen: "Ernst". Und dieser Name fand sich auch im Adressbuch des Opfers, mit einer dazugehörigen Neusser Telefonnummer. Als man diese Nummer anwählte, meldete sich eine Frau mit dem Namen "Littek". Der Rest war Routine. Der Anschluss gehörte den Eltern des bislang einzigen Zeugen. Ernst Littek hatte also bei seiner Vernehmung gelogen, die schon länger andauernde Beziehung zu Dr. Stürmann verschwiegen. Wohlweislich? Um sich nicht verdächtig zu machen?
Wenig glaubhaft erschienen nun auch Litteks Behauptungen, man habe "nur eine Spritztour gemacht" und lediglich im Auto gesessen und "Musik gehört und geredet". Warum hatten die Männer sich nicht in der Wohnung von Dr. Stürmann getroffen? Was hatte die beiden Männer, die immerhin vierundzwanzig Jahre voneinander trennten und in sozialen Verhältnissen lebten, die unterschiedlicher nicht sein konnten, zusammengeführt - und zusammengehalten? Hatte Littek seinen Bekannten vielleicht zum Tatort gelotst, um ihn dort umbringen zu lassen? Waren ihm die vergleichsweise harmlosen Kopfverletzungen von seinen Komplizen nur beigebracht worden, um keinen Verdacht zu erregen? Sollten die Ermittler auf eine falsche Fährte gelockt werden?


zurück
Copyright © 2014 Stephan Harbort   | | |   Impressum  |  Disclaimer (Haftungsausschluss)  |  Datenschutzerklärung