Mörderisches Profil
Phänomen Serientäter

Taschenbuch / 448 Seiten / 18,4 x 12 x 3,2 cm
3. Auflage 2004 / ISBN 3453878809
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Leseprobe
KAPITEL DREI

Geheime Privatsache


"Man kann fast sagen, bis zehn Minuten vor der ersten Tat, habe ich mir gar nicht zugetraut, so etwas zu machen. Es war ja nicht so, dass ich da ankam und dachte, den bringst du jetzt um. (...) Die höchsten Qualen, die in den Tod übergehen, will ich mit den Händen spüren, seinen Übergang in den Tod."

Lange hatte er sich dies nur vorstellen können, vorstellen dürfen. Hemmungen. Aber das Verlangen hatte er nicht auslöschen können, so, als wenn man eine Kerze einfach auspustet. Sie war allgegenwärtig - die Vorstellung. Mal latent drängend, mal konkret fordernd.

"Es waren diese zwei Welten. Die eine normale, wenn ich Dienst hatte oder mit Freunden zusammen war. Wenn das nicht der Fall war, war ich automatisch in der anderen."

Am 16. Juli 1983 verließ er nach dem Mittagessen seine Dienststelle. Er wollte mit dem Bus nach Neubrandenburg fahren, dort nach einem Opfer suchen. Zärtlichkeit, Anfassen, Streicheln des nackten Oberkörpers, würgen, töten. Danach sehnte er sich. Diesem Akt der Unmenschlichkeit fieberte er entgegen. Die Tatwaffe hatte er dabei: ein Fahrtenmesser, 12,5 Zentimeter lang, 1,9 Zentimeter breit, zwei Millimeter Rückenstärke, feststehende Klinge; versteckt in einem blauen Beutel. In den Nachmittagsstunden suchte er nach einem geeigneten Tatort. Er fand ihn. In der Folgezeit durchstreifte er den Kulturpark, seinen Beutel hatte er zuvor in einem Gebüsch deponiert. Das Fahrtenmesser steckte jetzt in der Innentasche seiner schwarzen Lederjacke.

"Ich hatte ja nie einen Plan, heute musst du was machen. Ich war eigentlich regelmäßig unterwegs, immer wenn ich Zeit hatte. Ich ließ es einfach darauf ankommen, ob sich die Situation ergibt oder nicht."

Er war jetzt auf der Pirsch, musterte jeden jungen Mann, der ihm begegnete. Er wollte Beute schlagen - endlich. Stattdessen: Enttäuschung. Niemand war ihm über den Weg gelaufen, der seinen Vorstellungen entsprochen hätte. Er entschloss sich, seinen Beutel zu holen und nach Cölpin zurückzufahren. Es war bereits 22 Uhr geworden. Er schlenderte missmutig auf die Gaststätte "Badehaus" zu, als er unvermittelt innehielt. Da saß jemand, etwa zehn Meter entfernt auf einer Bank. Jetzt war er wieder hellwach, witterte seine Chance. An der Bank schlich er zunächst vorbei. Denn er wollte wissen, mit wem genau er es zu tun hatte. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen. Erleichtert und erregt stellte er fest, dass es ein junger Mann war, der offensichtlich eingeschlafen war und stark nach Alkohol roch.

"Das war in der 7. oder 8. Klasse oder so, da habe ich auch das Interesse für andere Jungs bemerkt und ohne jetzt eine Möglichkeit zu sehen, tatsächlich mit ihnen in Kontakt zu kommen, und gleichzeitig kam daneben auch der Gedanke, ihn eventuell zu töten. Der Gedanke zu Töten sollte praktisch eine Ersatzhandlung sein, kann man sagen."

Sein Plan: links unter den Armen in den Körper stechen, ihn dadurch bewusstlos machen. Er zückte sein Messer, rammte es dem Schlafenden in den Unterbauch. Der junge Mann erwachte vor Schmerzen, wollte schreien. Er würgte sein Opfer, um dies zu verhindern - minutenlang. Doch eine Bewusstlosigkeit wollte nicht eintreten. Dann griff er, das Opfer mit der einen Hand festhaltend, nach seinem Messer und stach zu. Seitlich in den Hals. Der Angegriffene rappelte sich hoch, drückte mit der rechten Hand auf die klaffende Wunde, röchelte, begann zu taumeln. Jetzt stach er noch mal zu, in den Rücken. Sein Opfer sackte tödlich getroffen zusammen. Den leblosen Körper zerrte er in ein Gebüsch. Dann verschwand er.

"Die Sache ist nicht so abgelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Gegenwehr, ich konnte ihm gar nicht nahe sein. Ich war richtig enttäuscht."

Zehn Tage später packte er wieder seinen Beutel. Darin: eine Paketschnur, etwa 80 Zentimeter lang, ein Fotoapparat mit Zubehör. Diesmal sollte alles glattgehen, er hatte sich eine neue Strategie zurechtgelegt.

"Die Kinder sollten der Ersatz dafür sein, dass ich an Gleichaltrige in dem Sinne nicht rankommen konnte."

In Neubrandenburg besorgte er sich ein Tauchermesser und ging wieder in den Kulturpark. Er suchte nach einer geeigneten Stelle, um von dort aus möglichst unauffällig die Gegend nach potentiellen Opfern sondieren zu können. An einer Brücke vor dem Tollensesee bezog er Stellung. Von dort konnte er den kleinen Badestrand beobachten. Der Anblick der im Wasser herumtobenden Knaben erregte ihn. Er begann zu fantasieren.

"Vielleicht ist nicht bewusst der Sadismus das Ziel gewesen. Es ging mir ja darum, wenn ich sie sowieso töte, kann ich sie ja vorher auch quälen in dem Sinne."

Endlich - ein Junge. Allein. Er ließ den Kleinen, den er auf neun oder zehn Jahre schätzte, zunächst passieren, folgte ihm dann. Seine Erregung war gewaltig. Jagdfieber. Als sonst niemand mehr zu sehen war, packte er den Jungen von hinten am Genick, schob ihn vom Weg zu den von ihm ausgesuchten Busch. Auf der dortigen Lichtung angekommen, forderte er: "Leg' deine Tasche dahin!" Dann begann er den verschüchterten Jungen zu befragen: "Wie heißt du mit Familiennamen? Wie heißt du mit Vornamen? Wann bist du geboren? Wo wohnst du?" Die Antworten vermerkte er in seinem roten Notizbuch. Dann nahm er die Kamera und machte insgesamt sieben Aufnahmen. Schließlich befahl er: "Hinlegen, auf den Rücken!" Jetzt war er in seinem Element.

"Die Erregung, ja, aber es war auch mehr eine seelische Befriedigung, irgendwie mit einer befreienden Wirkung, zumindest dabei und unmittelbar danach."

Zunächst drückte er dem Kleinen die Faust in den Magen, dann schlug er zu. Sein Opfer schrie laut auf. Wenig später legte er sich auf das Kind, würgte es mehrere Minuten lang. Der Körper des Jungen bäumte sich auf, wehrte sich gegen den nahenden Tod. Er genoss es. Emotional und sexuell. Dann war es vorbei. Um den Tod sicher zu machen, stach er an der Brustwarze bis zum Knauf in die linke Brusthälfte. Den Tatort verließ er auf einem anderen Weg. In Cölpin angekommen, durchlebte er die unsäglichen Leiden seines Opfers. Er saß in seiner Unterkunft, ließ alles noch einmal passieren.

"Es war eine Art Auswertung im Prinzip. Die Bilder danach waren eine Auswertung nach dem, was es im Prinzip gebracht hat, wie schön es war."

In den nächsten Tagen verließ er Cölpin nicht. Er hatte Angst; dass sie kommen und ihn holen würden. Sie. Das war die Volkspolizei. Ihren Fahndungsaufruf hatte er in der Tageszeitung Freie Erde gelesen: "VP bittet um Mithilfe. Am Mittwoch, dem 27.7.1983, wurde in den Morgenstunden ein 10jähriger Junge in Neubrandenburg am Wassergewinnungsgebiet am Gätebach tot aufgefunden. Es besteht der Verdacht, daß das Kind Opfer eines Verbrechens wurde. (...) Alle Informationen werden auf Wunsch vertraulich behandelt. VPKA Neubrandenburg, Kriminalpolizei."

"Gerade nach den ersten beiden Straftaten hat es mich auch ein bisschen enttäuscht, dass niemand gekommen ist, der mich verhaften wollte. Dass sie nicht reagiert haben, dass nichts passiert ist. Da habe ich mir auch Gedanken gemacht, welche Möglichkeiten die haben, auf mich zu kommen. Und eigentlich hatten sie ja keine, es gab keine Verbindungen zu den Opfern. Und wenn sie haufenweise Spuren haben, konnten sie mir nichts wollen, weil ich ja nirgendwo registriert war. Ich konnte aber nie ein Kind töten, dass ich persönlich gut kannte. Daran gedacht habe ich auch, aber ich konnte es nicht."

Erst Anfang August wagte er sich wieder nach Neubrandenburg. Die Morde waren inzwischen Stadtgespräch, Angst machte sich breit. Fahndungsplakate wurden aufgehängt. Zufrieden nahm er zur Kenntnis, dass es offenbar keine Täterbeschreibung gab. Niemand hatte ihn gesehen. Trotzdem: Die nackte Angst blieb zunächst sein ständiger Wegbegleiter. Jetzt war er der Gejagte, getrieben von unsichtbaren Häschern. Die intensiven Ermittlungen der Kripo blieben ihm nicht verborgen. Hunderte Verdächtige wurden vernommen. Auch in seiner unmittelbaren Umgebung. Nur von ihm wollte niemand etwas wissen. Verblüfft und erleichtert nahm er die Erfolgsmeldung der Kripo zur Kenntnis. Am 9. August 1983 meldete die Freie Erde: "Mitteilung der Volkspolizei. Beide Tötungsverbrechen aufgeklärt. (...) Der Täter wurde inhaftiert. Gegen einen im dringenden Tatverdacht stehenden, bereits zweimal vorbestraften 23jährigen Bürger der Stadt Neubrandenburg wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehl erlassen. Die Volkspolizei dankt allen Bürgern für ihre aktive Mitarbeit."

"Mit der Zeit wurde ich mir auch immer sicherer. In der Hinsicht, dass sie mich nicht kriegen."

Die seelische Entspannung nach der Ermordung des 10-Jährigen hielt an. Allerdings nur etwa zwei Wochen. Dann packte ihn wieder das Verlangen, quälte ihn die Ruhelosigkeit.

"Ich habe von Tag zu Tag gelebt, nach Erklärungen gesucht. Was macht das überhaupt für einen Sinn? Ich wusste es einfach nicht und habe auch nicht weiter darüber nachgedacht."

In seiner Fantasie wurde wieder geschlagen, gewürgt, gemordet. Mal mehr, mal weniger.

"Die Sache konnte ich nicht überschauen. Ich wusste selbst nicht, warum ich das tat. Es gab Stunden abends, wo ich zuhause gesessen habe und auch geheult habe, verzweifelt war. Weil ich nicht verstehen konnte, was da ablief. Ich war also ganz allein. Dann, und nur dann sind langsam die Gedankenspiele hochgekommen. Wieder loszugehen, einfach mal zu schauen."

Er wurde wieder mutiger, angriffslustiger, verlangte nach einem neuen Opfer. Die letzte Bluttat hatte ihn befriedigt. Aber: Der Junge war wehrhaft gewesen, der unmittelbare körperliche Kontakt, das Beobachten des Todeskampfes, hatte nicht jene Qualität erreicht, nach der er gierte: vollkommene Kontrolle, uneingeschränkte Macht, zügellose Verfügungsgewalt. Das war es, der Kick, der Thrill.

"Ich wollte praktisch den direkten Hautkontakt haben zum Oberkörper. Das hat mich unheimlich gereizt."

Er erweiterte seine unmenschlichen Fantasien, wollte endlich zum Ziel kommen - ungestört, ungehemmt. Seine Opfer sollten künftig gefesselt werden. Gegenwehr ausgeschlossen, Genuss garantiert. Deshalb besorgte er sich eine 20 Meter lange Zeltleine, zerschnitt sie in zehn Stücke, jeweils zwischen 50 und 80 Zentimeter Länge.

"Der Streit in mir selbst, machst du es oder nicht, lief dann eigentlich nur darum, über die Hemmschwelle hinwegzukommen. Aber ich hatte immer das Ziel, Kinder zu treffen, sie in den Wald zu führen, sie mir sexuell gefügig zu machen und hinterher zu töten."

Am 23. September war er wieder soweit: reisefertig und ausgerüstet. Der Inhalt des blauen Beutels: reichlich Fesselwerkzeug, Kamera, Notizbuch, Kugelschreiber, Fahrtenmesser mit buntem Plastikgriff. Von Neubrandenburg fuhr er mit dem Zug nach Oranienburg, stieg dort gegen 12.45 Uhr aus. Seine Gedanken fuhren schon während der Fahrt Achterbahn. Er wollte körperlichen Kontakt, quälen, töten. Mit der S-Bahn fuhr er nach Lehnitz, hielt sich mehrere Stunden am dortigen See auf. Sein Messer steckte bereits in der Innentasche seiner Jacke - griffbereit. Wie so häufig lief er Kilometer um Kilometer, die Gegend ausspionierend, nach geeigneten Orten suchend, potentielle Opfer belauernd. Frauen als mögliche Leidtragende kamen in seiner düsteren Vorstellungswelt nicht vor.

"Frauen waren für mich unantastbar, etwas Wertvolles. Das wäre undenkbar gewesen."

Zwischenzeitlich hatte er das Waldgebiet bei Borgsdorf erreicht. Auf der Ortsverbindungsstraße von Borgsdorf nach Briese lief er stundenlang hin und her. Zunächst: erwartungsfroh, ungeduldig, gespannt. Später: aufgewühlt, missmutig, enttäuscht. Er hatte sich keines Knaben bemächtigen können.

Es war gegen 18.15 Uhr, als er plötzlich Kinderstimmen hörte. Zwei junge Burschen, nach seiner Einschätzung zwischen 10 und 12, kamen aus einem Waldweg aus Richtung Briese. "Hey, könnt ihr mir mal sagen wie spät es ist?" Der erste Kontakt.

"Ich habe versucht, zu dem Kind eine Beziehung aufzubauen in dem Sinne, dass es die Situation für harmlos hält. Die Tat kam dann für das Kind aus dem Nichts."

Einer der beiden lugte auf seine Armbanduhr. "Zwanzig Minuten nach Sechs." Der andere fügte arglos hinzu: "Wir wollen zur S-Bahn, müssen uns aber beeilen, sonst verpassen wir den Zug."

"Während der Unterhaltung konnte ich dann nicht mehr zurück. Der Drang war zu groß. Ich musste etwas tun."

"Ihr zwei, wartet mal!" hieß es mit einem Mal im Befehlston. Er ging auf die Jungen zu, packte sie blitzartig von hinten am Genick und schob sie in den Wald. Jetzt umklammerte er die Kinder mit festem Griff an den Armen. Sie gingen noch einige Meter. "Hinsetzen!" Die beiden parierten. Dann das übliche Frage-Antwort-Spiel: "Wie heißt du?"... Er notierte alles fein säuberlich in seinem Notizbuch. Schließlich fotografierte er die Jungen. Mehrmals. Er kam in Stimmung.

Die Sache war beschlossen: Sie sollten sterben. Er fesselte die Jungen. Die Beine verschnürt, die Hände auf dem Rücken zusammengeknotet. Jetzt war es soweit. Er hatte die vollkommene Kontrolle, trennte die Kinder schließlich, um sich ihnen ungestört widmen zu können.

"Die sexuelle Erregung war eher ein Nebeneffekt. Es ging um das Töten an sich. Es war nicht das blanke Auslöschen, was mich befriedigt hat, es war die Art und Weise der Tat. Die Macht, die man dabei hatte."

Einen Tag später wurden die Leichen gefunden. Die Obduktion ergab bei dem 11-jährigen Rene Kunkel: "(...) Eintourig um den Hals verlaufende Drosselmarke. (...) Kratzerartige Hautvertrocknungen an der Halsvorderseite und in der Drosselgrube sowie entsprechende Unterblutungen des Unterhautfettgewebes als Hinweise für ein Würgen. (...) Dunsung des Gesichts und massenhafte Stauungsblutungen als weitere Zeichen einer Halskompression. (...) Auf der Vorderseite des Halses eine tiefe Schnittverletzung und mehrere Hautanschnitte in der Wundumgebung. (...) In der Nabelregion eine quergestellte Stichverletzung mit vier nach hinten verlaufenden Stichkanälen. (...) In der linken seitlichen Rumpfpartie eine quergestellte Stichverletzung mit einem quer zur Körperlängsachse verlaufenden Wundkanal. (...) Mäßige Ausbildung der Totenflecken und mäßige Blässe der inneren Organe als Zeichen der Ausblutung. (...) Hautunterblutungen am rechten Kniegelenk und an der Vorderseite der Unterschenkel als Zeichen geringfügiger stumpfer Gewalteinwirkung." Eine ähnliche Marter hatte sein Bruder Richard, 9, über sich ergehen lassen müssen. Die Obduzenten zählten 15 Stichverletzungen. Auffällig hingegen: Wiederum verliefen die Untersuchungen auf Sperma an Kleidung, Körper und Körperöffnungen "negativ". Zweifelsfreie Hinweise auf Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch lagen nicht vor.

"Ich wusste damals auch über Sexualität nichts. Deswegen habe ich auch nie gewusst, was ich mit denen hätte anfangen können."

Die Ermittler in Potsdam vernahmen mehr als 40 Zeugen. Drei Aussagen erschienen beachtenswert. Zweimal hieß es: "Zu der Zeit hat da ein junger Mann gesessen. Auf der Bank am Waldrand." Und eine Frau wußte zu berichten: "Beim Pilzesuchen habe ich ganz in der Nähe einen blauen Beutel aus Jeansstoff liegen sehen." Alles stimmte, ergab aber kein Bild.

Knapp anderthalb Stunden war er über seine Opfer hemmungslos hergefallen, erst dann hatte er sich ausgetobt, die Jungen von ihren Qualen erlöst. Für ihn war es die "schönste Tat" gewesen.

"(...) weil die am längsten war, und da war ja auch der hingezogene Körperkontakt vor dem Töten. Ich habe erst nach den beiden Brüdern angefangen, alles aufzuschreiben."

Ein Tagebuch des Todes. Der Titel: "Geheime Privatsache". Akribisch begann er damit, sämtliche Details aller Taten zu schildern und auch seine Gefühle zu beschreiben. Aus seiner Sicht hatte sich dieser scheußliche Doppelmord so angebahnt: "Ich saß auf der Bank und wartete. Da hörte ich Kinderstimmen und sah sie die Kurve herunterkommen. "Mist", dachte ich: "was soll ich denn mit zwei? oder Doppelmord? Ach nein, der eine ist zu groß. Na, mal sehen. (...) Ich überlegte, ob ich es tun sollte oder nicht und wie ich am besten mit beiden fertig werden würde. "Die Bahn müßtet ihr noch schaffen", antwortete ich. Sie wollten weitergehen. "Wartet mal", halte ich sie zurück. "Schaffen wir sie doch nicht? Oder sollen wir rennen?" "Das fehlt mir noch", dachte ich und beschloß, es zu versuchen."

"Das mit dem Aufschreiben. Ich wusste, es werden mehrere, damit ich nicht durcheinanderkomme."

"Rene sagte von Zeit zu Zeit: Nun machen Sie doch endlich, ich denke, Sie wollen uns nur fotografieren?" Und: "Sie wollen uns doch irgendwas tun. Ich beruhigte ihn jedes Mal, so gut ich konnte. Rene sah selbst mit seinem verheulten Gesicht klasse niedlich aus. Ich fotografierte sie dann, sie wollten sich aber nicht ausziehen. Ich fragte: "Warum nicht?" Rene antwortete: "Ja und dann nehmen Sie Ihr Messer..." "Das kann ich auch mit Sachen." Ich zwang sie aber nicht, sich auszuziehen. Bei Richard bereue ich das jetzt, denn er hatte einen wirklich schönen Körper. Nach dem Fotografieren fragten sie, ob sie jetzt endlich gehen könnten. Ich sagte, daß das nicht so einfach geht, ich einen Vorsprung brauche usw. Ich überlegte die ganze Zeit schon, wie es nun weitergehen sollte, erst mal musste ich sie fesseln, aber dann? Ich wollte ja schließlich beide erwürgen und wenn ich den einen gerade erwürge, wird der andere bestimmt schreien. 18.45 Uhr (...)"

Im Urteil des 1. Strafsenats des Militärobergerichts Berlin heißt es zu seinem Tagebuch: "Der Angeklagte fertigte über die von ihm begangenen Handlungen Unterlagen an, die er in einem grünen Ordner abheftete. Dazu entschloß er sich nach der Tötung von (...) In der Folgezeit erfragte bzw. verschaffte er sich anderweitig die Personalien und andere persönliche Daten der Opfer. In den möglichen Fällen wollte er vor der Tatausführung diese Personen fotografieren. Die so entstandenen Aufzeichnungen enthielten neben den Personalien der Opfer detaillierte Tatschilderungen. Nach den Handlungen an den Geschwistern (...) begann er, die zunächst handschriftlichen Notizen auf seiner Schreibmaschine "Olympia Traveller de luxe" protokollartig auf Blätter vom Format A 4 zu schreiben. Da ihm dieses Format zu unhandlich war, schrieb er ab Anfang 1984 alle Aufzeichnungen auf das Format A 5 um. Diese wurde von ihm als "Private Geheimsache" bezeichnet und mit einer laufenden Nummer versehen. In chronologischer Reihenfolge enthielt der Ordner Schilderungen über die Handlungen an (...) Als Anlagen fügte er das von ihm gefertigte Negativmaterial von den Aufnahmen der Kinder, die er fotografiert hatte, und Pressemitteilungen bei. Einen Teil der im Format A 4 über die Geschwister (...) gefertigten maschinenschriftlichen Aufzeichnungen verfilmte er auf Negativmaterial. Anhand dieser Unterlagen wollte er die begangenen Handlungen später gedanklich nachvollziehen, um so nochmals zur sexuellen Befriedigung zu kommen. Bei der Beschäftigung mit diesen Aufzeichnungen kam es dann auch teilweise zur Gliedsteife mit Samenerguß, wobei ihm bereits die Anfertigung dieser Berichte ein Glücksgefühl brachte. Die Aufzeichnungen sollten ihm dazu dienen, die Übersicht über die Handlungen zu behalten."

In der Folgezeit begnügte er sich damit, in Gedanken zu morden. Sein Tagebuch und die Fotos der Opfer halfen ihm dabei. Nach der x-ten Wiederholung verloren diese Horrorfilme ihren Reiz. Nach und nach. Er legte als neues "Jagdgebiet" das Neubaugebiet in der Oststadt von Neubrandenburg fest. Dort war er noch nicht gewesen. Das Risiko erschien ihm gering. Er konzentrierte sich auf mehrgeschossige Neubauten. Dort fand er ideale Voraussetzungen: Vorder- und Hintereingang, Kellertüren fast nie verschlossen. Regelmäßig schlich er durch die Straßenschluchten. Doch kein Junge wollte ihm in die Arme laufen. Bis zum 7. Februar 1984. Er tötete einen 7-Jährigen, im Keller des eigenen Wohnhauses - nach bewährtem Muster. Der Junge sollte nicht sein letztes Opfer bleiben.

Der Tatortbefund ließ mehrere Motive möglich erscheinen. Tötung aus Wut oder Hass? Im Affekt? Der Familien-, Verwandten- und Bekanntenkreis des Jungen wurde "abgeklopft". Niemand hatte sich verdächtig gemacht. Vielleicht ein Sexualmord? Dafür fehlte es aber an zweifelsfreien Indizien. Sperma war nicht gefunden worden. Auch der Doppelmord in Oranienburg wurde in Betracht gezogen. Derselbe Täter? Aber weder die Tatortbedingungen noch die Begehungsweise ließen Gemeinsamkeiten erkennen.

"Ich habe geglaubt, nicht aufhören zu können. Angekämpft habe ich dagegen. Aber es war zwecklos. Es musste weitergehen."

Drei Monate wartete er, bis er seinen letzten Mord in Buchstaben lebendig werden ließ. Er hatte es bis dahin nicht gewagt, nach Datzeberg zurückzukehren. Für seine Aufzeichnungen fehlten einige wichtige Daten: exakte Schreibweise des Familiennamens, Hausnummer. Erst jetzt konnte er sein Werk vollenden, machte auch diese Aufzeichnungen zur "Geheimen Privatsache".

Am 8. Juli 1984 drängte es ihn wieder. Er war ausgelaugt, ausgehungert. Wie ein Raubtier, dass schon lange keine Beute mehr geschlagen hatte. Er fuhr mit dem Rad zum Kiessee bei Schildow. Nachdem er sein Fahrrad versteckt hatte, notierte er: "06.00 Uhr am Tatort, 07.10 Uhr arbeitsbereit". Lange Zeit tat sich nichts. Gegen 13 Uhr aber näherten sich zwei Jungen, die mit ihren Rädern den Weg am Wald entlang fuhren.

"Einer der Burschen gefiel mir besonders. Ein hübscher kleiner Junge, direkt zum Verlieben!"

Er zwang sie zum Anhalten, packte beide an den Armen, wollte sie in Richtung Wald zerren. "Hilfe, Hilfe, loslassen!" schrie der Ältere. Tatsächlich. Er ließ los, die Kinder machten sich auf und davon.

Einer der Jungen hatte den unheimlichen Fremden erkannt - als denjenigen, von dem er bereits zwei Wochen zuvor in ähnlicher Weise belästigt worden war. Kein Zweifel. Zuhause angekommen, berichtete er aufgeregt seinem Vater davon.

Dann ging alles sehr schnell...


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