Wenn Frauen morden
Spektakuläre Fälle - vom Gattenmord bis zur Serientötung

Gebunden mit Schutzumschlag
212 Seiten / 13,7 x 21,5 cm
ISBN 3-8218-5703-X
€ 16,95


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Leseprobe

Einführung

Die Mörderin und das Böse

Kriminelles Verhalten beunruhigt den Menschen, weil es seine Sicherheit grundsätzlich infrage stellt. Dies gilt umso mehr, wenn er seine Freiheit bedroht sieht - oder das eigene Leben. Diese Beunruhigung kann sich bis zum Entsetzen steigern, wenn nicht einfach nur ein Mensch getötet wird, sondern dabei gleichsam grundlegende gesellschaftliche Erwartungen verletzt werden. Wenn Frauen morden, ist das so. Denn Tötungskriminalität ist vornehmlich Männersache, es gibt beispielsweise (fast) keine Amokläuferin, Sexualmörderin, Raubmörderin oder gar Massenmörderin. Männliche Gewalt ist der gesellschaftlich akzeptierte Maßstab für Normverletzungen und Unterdrückung, die tötende Frau hingegen ist der betörende und verstörende Gegenentwurf.

Frauen, die ihrer zuallererst mütterlichen sozialen Rolle nicht entsprechen und mit ihr brechen, sind nicht nur Rechtsbrecherinnen, sondern auch böse. Denn das Böse gehört nicht zu den Themen, denen man mit bewährten Problemlösungsstrategien beikommen könnte, es steht als Sammelbegriff für Grausamkeit und Zerstörung, mit der wir nicht rechnen und für die wir zunächst keine Erklärung haben. Wer weiß schon sicher zu sagen, warum Frauen morden? Der besondere Schauder wird auch durch die Phantasie hergestellt, die Leerstellen solcher Verbrechen wollen ausgefüllt werden. Die Täterin wird darum zunächst entweiblicht, dann entmenschlicht. Und die Taten von Mörderinnen lösen mitunter nicht nur Bestürzung aus, sondern auch Hass. Jede Frau, die gesellschaftliche Konventionen bricht und das weibliche Geschlecht in Verruf bringt, eignet sich besonders für Projektionen des Bösen und als Hassobjekt.

Weil wir noch so wenig über die Täterinnen wissen und sie auf uns extrem abstoßend wirken, sind diese Frauen aber auch besonders interessant. Die gemeine Mörderin wird deshalb lustvoll angeprangert und öffentlich vorgeführt, ihre Lebensgeschichte weidlich ausgeschlachtet. Und ihre Namen stehen häufig nicht nur für böse Taten, sondern für das Böse schlechthin. Deshalb wird, wenn eine Frau gemordet hat und überführt worden ist, meist auch ein Medienspektakel daraus. Der Fall Monika Böttcher (besser bekannt als Monika Weimar) beispielsweise hielt diese Republik zwanzig Jahre lang in Atem: Am 7. August 1986 werden Melanie und Karola gefunden, ihre 5- und 7-jährigen Töchter sind erwürgt bzw. erstickt worden. Erst gerät der Vater in Verdacht, dann die Mutter, schließlich wieder der Vater, letztlich doch die Mutter. Monika Böttcher wird verhaftet, und es beginnt ein juristischer Verhandlungsmarathon, keine Instanz bleibt ausgespart, bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht. Ein ganzes Land diskutiert diesen Fall und seine möglichen Hintergründe über viele Jahre hinweg, immer wieder angestachelt von den Medien: War sie es? Oder doch der Vater? Oder vielleicht beide? Und welche Rolle spielt der Geliebte von Monika Böttcher, ein amerikanischer Stationierungssoldat? Erst am 22. Dezember 1999 wird das letzte Urteil gesprochen, an diesem Tag endet eines der spektakulärsten Justizdramen der Bundesrepublik: 15 Jahre Haft für Monika Böttcher. Wäre der Täter ein Mann gewesen, dieser Fall wäre, wie viele vergleichbare auch, lediglich eine Fußnote in der deutschen Kriminalgeschichte.

Meist richtet sich weibliche Gewalt gegen den Partner oder die eigenen Kinder. Frauen versuchen, sich aus der überwiegend männlichen Dominanz zu lösen, notfalls mit allen Mitteln. Diese Tatmuster sind bekannt und auch recht gut erforscht. Die Tötung des Intimpartners und die generellen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Tätern und ihren Taten sind demzufolge nur ein Randthema dieses Buches. Im Wesentlichen sollen besondere Formen der weiblichen Tötungsdelinquenz beschrieben und beleuchtet werden, die von der Wissenschaft bisher entweder stiefmütterlich oder gar nicht behandelt worden sind, etwa der Gattenmord, bedingt durch eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung, in der irgendwann ein Mann zuviel da ist und aus Sicht der Täterin beseitigt werden muss. Aber warum trennt man sich nicht einfach oder lässt sich scheiden, wie Millionen anderer Paare auch? Warum werden unliebsam gewordene Ehemänner heimtückisch ermordet?

Zu den bisher kaum erforschten Deliktsbereichen gehört auch die Tötung von Neugeborenen durch die Mutter. Es vergeht mittlerweile keine Woche, in der nicht über den Fund einer Babyleiche berichtet oder eine ganze Serie von Kindestötungen aufgedeckt wird. Jedes Mal sind Entsetzen und Empörung besonders groß, verständlicherweise, berechtigterweise. Die Vorstellung, dass die Mutter, der man sein Leben verdankt, dieses auch böswillig auslöschen kann, dass sie sich an wimmernden und wehrlosen kleinen Menschenwesen vergreift und qualvoll tötet, widerspricht unseren Erwartungen und unserer Lebenserfahrung so deutlich und erschüttert unser mütterliches Urvertrauen so heftig, dass das Bedürfnis nach Aufklärung besonders groß ist. Wer sind diese Mütter? Warum tun sie das? Und was kann getan werden, damit es nicht immer wieder dazu kommt?

Besonders angsteinfößend sind Tötungsverbrechen, wenn sie in Krankenhäusern oder Pflegeheimen passieren, Orten, an denen man sich besonders sicher und geborgen glaubt, wo kranke Menschen geheilt und ältere Menschen gepflegt werden sollen. Und genau dort begegnet uns das Böse, genau hier wird immer häufiger gemordet, willkürlich, kaltblütig, nahezu ausnahmslos in Serie. Es könnte jeden von uns treffen. Was treibt Frauen, die aus Überzeugung Krankenschwestern und Pflegerinnen geworden sind, um zu helfen, zu solch ruchlosen Verbrechen? Ist es tatsächlich Mitleid mit den Patienten, die von ihren Leiden erlöst werden sollen? Und wie ist es zu erklären, dass diese Serientötungen, bei denen besonders viele Opfer zu beklagen sind, passieren, obwohl die Täterinnen im Regelfall schnell unter Verdacht geraten, aber trotzdem ungehindert weitertöten können?

Die Serienmörderin nimmt im Bereich der weiblichen Tötungsverbrechen allein schon deshalb eine besondere Stellung ein, weil es bisher nur wenige Täterinnen gegeben hat, und zwar weltweit. Seriell mordende Frauen sind uns besonders unheimlich, und wir halten die Täterinnen für besonders böse, weil sie nicht nur heimtückisch morden, sondern dabei nichts empfinden. Ihre Taten schaffen es mühelos auf Seite 1 der "Bild"-Zeitung, aber auch in die "Tagesschau". Welche Motive haben diese Frauen? Was unterscheidet sie von männlichen Tätern? Und wie gelingt es ihnen, ihre Taten nicht nur vor der Polizei zu verbergen, sondern auch vor dem eigenen sozialen Umfeld? Morden Frauen gerissener und raffinierter als Männer?

Unabhängig von Täterinnen und Taten muss auch der gesellschaftliche Kontext ausgeleuchtet und verstanden werden, in dem solche Verbrechen passieren: die konkreten Tatsituationen, die sozialen Rahmenbedingungen. Wer außer der Täterin hat noch dazu beigetragen, dass es soweit kommen konnte? Wer hat Mitschuld? Wer hat noch versagt? Vielleicht stellt sich bei der Untersuchung dieser Fragen sogar heraus, dass das Böse in der Mörderin nur eine Illusion ist.


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