Pressespiegel Interviews BRIGITTE, Januar 2009 (Heft 2) von Jan Jepsen Sind Frauen die perfekten Mörderinnen? "Jedenfalls werden Sie nicht so leicht erwischt" Das ist die Erfahrung von Stephan Harbort, Kriminalkommissar und Autor aus Düsseldorf. Er ist auf Serien-Töterinnen spezialisiert. BRIGITTE: Herr Harbort, bei der Lektüre ihres Buches "Wenn Frauen morden", über das die ARD jetzt eine dreiteilige Dokumentation zeigt, könnte man denken, dass Mord kein männliches Monopol mehr ist. Wie kann das angehen? Stephan Harbort: Der Eindruck täuscht, die Täter sind wie eh und je fast immer Männer. Das sagen Sie jetzt nur, weil Sie sich beliebt machen wollen und hier in einer Frauenzeitschrift erzählen. (lacht) Nee, es ist tatsächlich so, dass nur 12 bis 14 Prozent der Tötungsdelikte von Frauen begangen werden. Allerdings bleiben Morde von Frauen häufiger unaufgeklärt. Weil Frauen - neben so vielem - auch "besser" morden? Jetzt wollen Sie sich aber beliebt machen. Ich würde das nicht als Qualität bezeichnen und nur ungern bewerten. Ausschlaggebend ist, dass sich Tatvoraussetzung und Tatausführung sehr unterscheiden. Sind Frauen kaltblütiger als Männer? So eine Art Unschuld vom Lande mit Giftköfferchen? Da würde ich ein ganz klares Jein sagen. Natürlich wirkt eine Tat besonders kaltblütig, wenn eine Frau wie das Blaubeer-Mariechen in meinem Buch ihren Ehemann mit einem Unkrautmittel vergiftet, der sich danach noch stundenlang quält, während die Täterin kocht, einkaufen geht oder daneben steht und dem Mann den Schweiß von der Stirn wischt und mit aller Seelenruhe wartet, bis er abkratzt ist. Das ist, finde ich, an Kaltblütigkeit nicht zu übertreffen. Zumal die Killer-Oma ja drei Enkel, rote Backen und obendrein ein sonniges Gemüt gehabt haben soll. Werden Frauen im Falle einer Ermittlung tatsächlich seltener ertappt? Ja, schon, weil sie oft unterschätzt werden. Das sollte nicht als Ermunterung falsch verstanden werden. Mord bleibt selbst als letztes Mittel immer ungeeignet. Zumal bei Serientäterinnen. Sie beseitigen nicht das Problem. Sie sind und bleiben es immer selbst. Andererseits behaupten Sie, wenn Frauen morden, hat das auch immer mit Männern zu tun. Das stimmt. Sei es, weil Männer als Mittäter agieren oder tatbereitend wirken, wenn sie beispielsweise als Väter ihre Ehefrauen schlagen, Töchter missbrauchen und deshalb nach jahrelanger Beziehung als Opfer taugen. Leider werden ja nicht nur die Beziehungen beendet sondern die Männer gleich mit "erledigt". Bei Ihnen heißt das dann "Intimzid". Richtig. Besonders häufig trifft es die Intimpartner. Das liegt daran, dass sich Frauen häufig in eine Sackgassensituation manövrieren, aus der sie dann glauben, so ohne weiteres nicht wieder herauszukommen. Es gäbe ja auch legale Mittel, zum Beispiel die Scheidung. Woran erkenne ich denn, dass meine Frau die Tötung der Scheidung vorzieht? Gar nicht. Das merken Sie erst, wenn es zu spät ist und selbst dann nicht. Es ist ja das Wesen der weiblichen Tötungskriminalität, dass sie eher verdeckt und mit einem längeren Anlauf stattfindet. Natürlich gibt es jede Menge Indikatoren, dass es in der Beziehung nicht mehr so stimmt... Sie meinen, wenn beispielsweise der Pudding so seltsam nach Unkrautvernichtungsmittel schmeckt, wie beim ‚Blaubeer-Mariechen'? Ja, es empfiehlt sich aufmerksam zu sein. Im statistischen Mittel dauert es fünf Jahre, bevor der Plan gereift ist, es ihm heimzuzahlen. Letzten Endes tragen Sie als Mann ja auch dazu bei, wenn es Ihnen nicht gelingt, die Probleme mit Ihrer Frau zu lösen. Frauen haben in der Mehrzahl der Fälle vorher schon jede Menge Erniedrigungen, Schläge und alles Mögliche erfahren. Könnte man, überspitzt formuliert, behaupten, Mord ist so eine Art falschverstandene Form der Emanzipation? Im engeren Sinne hat Mord natürlich nichts mit Emanzipation zu tun. Aber an nüchternen Fakten aufgehängt, geht es den Frauen auch um Beachtung. Ein Mann mordet in der Regel, wenn er Grenzen überschreiten - eine Frau wenn sie ihre Grenzen verteidigen will. Es gibt amerikanischen Studien, die belegen eindeutig, dass die Rate der Tötungsdelikte zurückgeht, wenn die soziale Stellung der Frau verbessert wird. Da sehe ich schon einen kausalen Zusammenhang. Insofern kann man schon sagen, dass Mord von Frauenhand eine emanzipatorische Komponente hat. Aber wie gesagt: Nicht alles kommt raus. Sie dürfen nicht vergessen: Jede zweite Mordserie wird als solche gar nicht erkannt. Schreck lass nach! Dann ist der perfekte Mord ja ziemlich einfach. Nein, das stimmt so nicht, weil wir den Zufall nicht beherrschen können. Wir wissen nicht, wann der Mann mit Hut seinen Dackel gerade spazieren führen wird. Ich kann mir einen noch so tollen Tatplan aushecken, die beste Gelegenheit ausgucken, aber ich kann nicht prognostizieren, was in der Zukunft zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort passieren wird. Und ob der Mann mit dem Hund später gegen mich aussagen wird. Ach was, Kommissar Zufall!? Den gibt es wirklich? Ja, das ist ein wunderbarer Kollege, auf den man auch richtig stolz sein kann, weil er schon so viele Morde aufgeklärt hat. Leider ist er ziemlich unzuverlässig. Und gelegentlich arbeitet er auch gegen uns. Das ist ja nicht wie bei den Kollegen im Fernsehen. Die haben eine sensationelle Aufklärungsquote. In Windeseile sitzt der Täter hinter Schloss und Riegel. Beneidenswert. |