Pressespiegel Interviews Der Neue Tag, 29.03.2008 Düsseldorf. Das ist selten: der erfolgreiche Kriminalschriftsteller besitzt nicht nur eine gute Schreibe, sondern ist zugleich Kriminalhauptkommissar. Stephan Harbort (1964 in Düsseldorf geboren) ist in seiner Geburtsstadt stellvertretender Leiter eines Kriminalkommissariats, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule, Referent am Polizeifortbildungsinstitut Neuss und anerkannter Serienmord-Experte. Er veröffentlichte viele fachwissenschaftliche Aufsätze, aber auch populärwissenschaftliche Bücher wie "Das Hannibal-Syndrom", "Das Serienmörder Prinzip", "Der Liebespaar-Mörder!", "Ich musste sie kaputtmachen", "Mörderische Profile" und "Ein unfassbares Verbrechen". Stephan Harbort liest in der "Mord(s)nacht" der 24. Weidener Literaturtage am 25. April (20 Uhr) im Handels- und Dienstleitungszentrum (Zur Drehscheibe 5) in der Gemeinschaftslesung mit Horst Eckert und Andrea M. Schenkel. In vier Büchern haben Sie sich auf die Gattung "Serienmörder" spezialisiert, welches Profil konnten Sie bei den Tätern feststellen? Harbort: Natürlich gibt es Merkmale, die man häufig findet, zum Beispiel: männlich, zwischen 20 und 40 Jahre alt, Schul- und Berufsversager, Einzelgänger etc. Die Königsfrage aber ist doch: Was unterscheidet die Täter von den Nicht-Tätern, die dieselben oder gleichartige Merkmale auf sich vereinigen? Diese Antwort ist die Wissenschaft noch schuldig geblieben. Doch ich arbeite daran. Ich bin mir nur nicht sicher, ob mir das auch gelingen wird. Gibt es eigentlich auch typische Opferprofile? Harbort: Mein im August erscheinendes Buch "Begegnung mit dem Serienmörder" handelt davon. Es existieren wohl bestimmte Opfertypen, z. B. Menschen, die berufsbedingt oder wegen ihrer körperlichen oder intellektuellen Defizite Opfer eines Serienmörders werden. Nur können diesen Opfergruppen keine nur sie charakterisierenden Merkmale zugeordnet werden. Selbst bei Alter und Geschlecht gibt es große Unterschiede. Insofern muss ich Sie ein wenig enttäuschen. Können Sie sich erklären, warum sich Krimifreunde leidenschaftlich gern mit dem Schlimmsten auseinandersetzen, das einem begegnen kann: Mord, Totschlag, Gewalt und Verbrechen. Harbort: Tabuthemen und Tabubrüche üben seit je her einen unwiderstehlichen Reiz auf viele Menschen aus. Das wird bei Krimilesern nicht anders sein. Und wenn wir uns eingestehen, dass jeder von uns tagtäglich mit dem Bösen in sich (meistens erfolgreich) ringt, dann wird nachvollziehbar, warum fiktionale Texte, die genau diesen Konflikt zum Teil sehr drastisch darstellen, für uns besonders attraktiv sind. Der Nervenkitzel ist es, der uns lebendig werden lässt. Lesen Sie eigentlich privat Krimis? Harbort: Krimis lese ich sehr selten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Verbrechenswirklichkeit wendungsreicher und spannender ist, als jede Krimilektüre. Mir sind als Kriminalist Menschen begegnet und Dinge passiert, die würde man keinem Autor abkaufen. Verrückt! Was haben Sie an durchschnittlichen Krimis, etwa auch Serien im Fernsehen wie "Tatort" zu kritisieren? Welche groben Fehler werden gemacht? Harbort: Vieles ist mir zu laut und zu grell. Wenn alle fünf Minuten irgendwo irgendetwas explodiert, ist das einfach nur langweilig. Mir sind die meisten Krimiserien zu sehr auf Spannung getrimmt, mir fehlt der Inhalt. Beispiel: 85 Minuten lang wird ein charismatischer Serienkiller quer über den Bildschirm gehetzt - dann wird er geschnappt, er darf vielleicht noch drei Sätzen sagen, dann ist aber Schluss. Mir fehlt die Aufklärung, der psychologische Tiefgang. Da sind die meisten Autoren einfach überfordert. Die Filmmode zunehmend Frauen als Kommissare einzusetzen - hat mit der Realität wenig zu tun, oder? Harbort: Ich halte insbesondere sehr viel von weiblicher Intuition und Logik. Wenn ich eine Sonderkommission geleitet habe, war es für mich Pflicht, dass auch mindestens eine Kollegin dabei sein musste. Frauen haben sich mittlerweile auch bei der Polizei durchgesetzt. Und das ist gut so. Woraus werden Sie lesen in der Weidener "Mordsnacht"? Harbort: Aus meinem Buch "Das Serienmörder-Prinzip". Ich denke, gerade die authentischen Innenansichten der Täterpsyche könnten diesen eher literarischen Abend sinnvoll ergänzen. Schreiben Sie gerade an einem neuen Buch? Was beschäftigt Sie gerade? Harbort: Neben dem bereits erwähnten Buch über Opfer von Serienmördern schreibe ich gerade an einem Werk mit dem Arbeitstitel "Wenn Frauen morden". Ein anspruchsvolles und spannendes Thema - gerade für einen Mann. Sonstige Beschäftigung verschafft mir meine Familie, die im Juli noch einmal Zuwachs bekommt. Ein Mädchen! |