Pressespiegel (Auswahl) Interviews ff - Südtiroler Wochenmagazin, 27.8.2006 "Gespür ist zu wenig" Ermittler und Autor Harbort: "Quantensprung in der Kriminalistik" Von Valeria Dejaco Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar und Buchautor Stephan Harbort über die Methoden der Kriminalistik, die Glaubwürdigkeit von Forensik-Fernsehserien und das Serienmörderjagen. ff: Mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden lösen Forensiker in Fernsehserien die vertracktesten Fälle. Aber wie sehr hilft moderne Technik bei Mordermittlungen wirklich? Stephan Harbort: Es gab einen Quantensprung in der Kriminalistik: die DNA-Analyse. Früher konnte man in Blut nur die Blutgruppen vergleichen, heute einzigartige genetische Merkmale. Außerdem können wir nun Spuren untersuchen, die vorher keine waren. Sperma zum Beispiel. Und "cold cases", Mordfälle, die vor 25 Jahren unlösbar schienen, können neu aufgerollt und dank DNA-Untersuchung endlich geklärt werden. Wir können Datenbanken mit DNA-Profilen aufbauen, auch mit denen der Opfer. Früher wusste man von Morden oft nicht, dass sie zusammenhingen, heute werden so Serientaten erkennbar. ff: Ein Beispiel? Harbort: Wir fahnden gerade nach einem LKW-Fahrer, der drei Morde verübte. Dank DNA konnten wir zwischen den geographisch weit auseinander liegenden Taten Verbindungen herstellen. Der Unbekannte tötete eine Prostituierte, eine Tramperin und eine 18-Jährige; eine weitere Prostituierte vergewaltigte er und schlitzte ihr den Bauch auf - doch sie überlebte und gab Hinweise auf den Täter. ff: LKW klingt nach Thäder. Harbort: Ja, Frank Thäder agierte ähnlich. Und er passt wie unser Unbekannter nicht ins Profil eines Serienmörders: Der bewegt sich typischerweise in einem Umkreis von 15 Kilometern um seinen Ankerpunkt - das kann sein Wohn-, Geburts- oder Arbeitsort sein - und verübt die erste Tat in dessen Nähe. ff: Als Hauptkommissar und Fachberater für Kriminalistikserien haben Sie eine Doppelrolle inne. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen den Fernsehermittlern und der wirklichen Arbeit? Harbort: Also, erstens laufen in meinem Büro nicht ständig Leute wichtig mit Ordnern rum. Nein, ernsthaft: Die Kriminalistik kennt anders als im Film keine Helden, keine Rambos und Alleingänge. Es ist Teamarbeit: Bei Tötungen ermittelt eine Kommission, und zwar in drei Bereichen: am Tatort bei der Spurensicherung, in gezielten Ermittlungen und im Pressebereich, wenn es öffentliche Fahndungsaufrufe gibt. Ein weiterer Unterschied: In Serien sieht man oft Konkurrenzkämpfe zwischen Dienststellen oder einen bösen, bösen Staatsanwalt. Das gibt es nicht. ff: Und in den Methoden? Harbort: Da hat das Fernsehen die Kriminalistik kopiert, ist also eher akkurat. Aber gewisse Methoden gibt es gar nicht: Wenn CSI-Leute feinste Partikelchen von irgendwas untersuchen und direkt zum Täter finden, ist das Utopie. Oder dass der Gerichtsmediziner sofort den Todeszeitpunkt bestimmt - das dauert in Wirklichkeit länger. ff: Also unglaubwürdig? Harbort: Das ist eben dramaturgische Übertreibung, weil es ja spannend sein muss. Zum Beispiel Schutzpolizisten vor dem Vernehmungsraum. Oder die eine Szene, die es in jedem Polizeifilm gibt: ein langer Flur, jemand wird in Handschellen abgeführt. Das sind Klischees, aber die Menschen sind daran gewöhnt - es ist also glaubwürdig für sie. ff: Mögen Sie CSI und Co.? Harbort: Ich genieße Krimis als Unterhaltung. Es ist angenehm, wenn sie authentisch sind, aber es muss nicht sein. ff: Wenn Sie Serienmacher beraten: Was raten Sie? Harbort: Es ist so: Produktionsfirmen wenden sich mit einer Idee und einem Konzept an mich. Ich bewerte es, sie entwickeln ein Drehbuch, ich optimiere es wieder. Das geht hin und her, bis es passt. Ich versuche vor allem, die Figuren zu schärfen, ihnen Authentizität einzuhauchen und die Psychologie der Täter zu entwickeln. Außerdem kümmere ich mich um kriminaltechnische Details. Eine Endszene, wo der Täter ein Opfer mit einer Überdosis-Spritze bedroht, ist völlig aus der Luft gegriffen: Das funktioniert nicht. ff: In den USA sind Fälle bekannt, wo die Geschworenen "normalen" Indizien kaum Beachtung schenkten und auf DNA-Proben "wie im Fernsehen" beharrten, auch wenn die nicht notwendig waren. Prägen die Serien das öffentliche Bild von Mordermittlungen? Harbort: Sie prägen das Bild bei Menschen, die keine Ahnung haben. Zum Glück stellt das in unserem Rechtssystem, das nicht mit Geschworenen arbeitet, keine Gefahr dar. Unsere Arbeit wird schon manchmal beeinflusst: wenn Zeugen bei Vernehmungen glauben, besonders viel und exakt berichten zu müssen, und Gedächtnislücken mit erwarteten Inhalten füllen. Meist sind sie aber realitätsbewusst genug und erwarten, dass ihnen ein Beamter sagt, was zu tun ist. ff: Sie beschäftigen sich mit Profiling. Ist es ein Fernsehmythos, dass Profiler ihren Instinkten vertrauen, oder arbeiten sie wirklich so? Harbort: Nur in Amerika. Im deutschen Raum heißen sie Fallanalytiker und vertrauen nicht auf geistige Phantombilder, sondern rekonstruieren akribisch den Tathergang mit Protokollen, Fotos, Spuren. Sie analysieren Anbahnungsphase der Tat, Täter-Opfer-Interaktion und Nachtatverhalten und filtern Elemente fürs Täterprofil heraus. Wir arbeiten strikt empirisch, das Profil hat deshalb Beweisqualität. Die US-Methode ist wenig transparent. Denn Gespür ist zu wenig. |