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FOCUS Online, 16.08.2007

Serienmörder
Bestie oder Patient?

Was treibt einen Serienmörder? Lauert hinter seiner Fassade das pure Böse, oder ist er krank und seinen Bedürfnissen hilflos ausgeliefert? Keines von beiden, denkt Stephan Harbort.

Von FOCUS-Online-Autorin Stefanie Reiffert

„Drei Stunden lang hat er kein einziges Mal gelacht“, erinnert sich der Kriminalhauptkommissar Harbort. Der Serienmörder sprang immer wieder von seinem Stuhl auf, demonstrierte wie er die zwei Frauen aus seinem Bekanntenkreis umgebracht hatte. Erzählte, dass er gerne auch noch seinen Vater getötet hätte. Dann versuchte der Mann zu lächeln. „Es war eine schauderhafte Grimasse. Ein solches Gesicht habe ich davor und danach nicht gesehen. Ich habe gedacht, das könnte das sein, was man gemeinhin das Böse nennt.“

Eine einzigartige Begegnung, betont Harbort. Er hat mit über 50 Serienmördern gesprochen und seine Erfahrungen in mehreren Büchern verarbeitet. „Da sind mir Menschen gegenüber gesessen, die ganz anders geartet waren.“ Doch auch diese Menschen sind fähig, ohne Gnade zu töten. Und tun es immer wieder. Gibt es Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die sie entlarven und vielleicht künftige Taten verhindern können? Harbort hat die Tätern nach Motiven, Vorgehungsweisen, Historie, Persönlichkeitsstörung klassifiziert. „Das Ergebnis war ernüchternd“, sagt er. „Es gibt schon ein typisches Profil für diese Täter, aber es ist nur sehr bedingt brauchbar.“ Man könne etwa sagen, die meisten Täter sind unter anderem männlich, deutsch, zwischen 20 und 40 Jahre alt und Schul- oder Berufsabbrecher. Der Haken: „Es gibt wesentlich mehr nichtkriminelle Menschen, auf die das zutrifft.“

Der nette Kellner ermordet junge Frauen

Trotzdem besteht in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild des typischen Serienmörders. In der Technischen Universität von Virginia ermordete der Student Cho Seung Huiim im April über 30 Menschen. Er war verschlossen, hatte kaum Freunde. „Tatsächlich gelten etwa 80 Prozent der Täter als ausgesprochene Einzelgänger“, so Harbort. Zum einen sind das Menschen, die schikaniert werden, weil sie etwa anders aussehen oder vielleicht auch nicht die entsprechende soziale Kompetenz besitzen. „Wesentlich häufiger sind aber Menschen, die relativ schnell merken, dass sie anders ticken“, so Harbort. „Und die auch wissen, dass ihre Bedürfnisse abnorm sind. Deshalb ziehen sie sich zurück.“

Doch das alleine kann keine Ursache dafür sein, dass jemand ein Verbrecher wird, betont Harbort. „Ich denke, dass eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle spielen.“ Etwa die körperlich-geistige Konstitution, der soziale Hintergrund, die Erziehung. „Alleine bringen diese Faktoren so etwas nicht in Gang, sondern nur in Kombination mit anderen Merkmalen. Diese verstärken sich über einen gewissen Zeitraum und führen dann irgendwann zum Verbrechen.“

Schließlich gibt es auch noch die anderen 20 Prozent, die keine Außenseiter sind. Harbort berichtet etwa von einem Kellner, der innerhalb eines halben Jahres drei junge Frauen umgebracht hat. „Er war in seinem sozialen Umfeld gut integriert, verheiratet und galt als netter Kerl. Niemand würde auf die Idee kommen, dass er Frauen entführt, sie dann auf furchtbare Art und Weise foltert, verstümmelt und irgendwo wie Müll ablädt.“ Wie war es dem Mann gelungen, an seine Opfer heranzukommen? Der Kellner erhielt seine Fassade aufrecht, verhielt sich ganz normal. Er war nicht aufdringlich, lud die Frauen auf einen Kaffee ein, bot an, sie nach Hause zu fahren. In Gedanken war er jedoch schon beim Mord.

Die Opfer sind Objekte

Die Mörder scheinen keine Schuld zu kennen. „Die Täter zeichnet die Fähigkeit aus, die Opfer als Objekte und nicht als Subjekte zu sehen“, erklärt Harbort. „Menschen werden verdinglicht. Ein Beispiel sind sadistische Serientäter, die mir sagen: Menschen, die ich kenne, hätte ich das nie antun können.“ Auf der anderen Seite suchen die meisten Täter eine Möglichkeit, ihr Gewissen zu erleichtern. „Einer geht zum Pfarrer und beichtet seine Tat, der nächste geht zu seiner Frau und fragt: Sag mal kannst du dir vorstellen, dass ich jemanden umbringe?“ Meist werden diese Botschaften ignoriert. „Die meisten Täter leiden durchaus, versuchen aber, sich vor den juristischen Folgen zu schützen.“

Heißt das, eigentlich wollen die Mörder aufhören zu töten, können es aber nicht? „Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil“, sagt Harbort. Es gebe eine Vielzahl von multiplen Mördern, die in ein besseres soziales Fahrwasser geraten sind, durch eine Beziehung oder den Beruf. „Dann kommt es tatsächlich zu einer inneren Beruhigung.“ Die einzige Tätergruppe, bei der das Töten kein Ende nimmt, sei die sadistische. „Weil sie tatsächlich die Tötungsfantasien als eigene Welt begreifen. Sie können nur über das Begehen dieser Tat körperliche und seelische Befriedigung erlangen.“

Der Täter hat immer noch die Wahl

Die Hirnforschung hält Harbort bei Klärung von Motiven für Serienmorde für sehr nützlich. So gebe es etwa bei sadistischen Serienmördern eine Abnormität der Hirnhohlräume. Und gerade diese Bereiche hätten sehr viel damit zu tun, wie der Mensch auf bestimmte Reize reagiert. „Diese Täter reagieren auf alles, was mit Tierschlachtungen zusammenhängt, vollkommen anders als gesunde Menschen. Sie empfinden Spaß dabei, haben sogar erotische Gefühle.“ Irgendwann würde die Fantasie auf Menschen ausgedehnt.

„Allerdings glaube ich nicht, dass man solche Verhaltensweisen ausschließlich über Hirnanormalitäten erklären kann“, erklärt Harbort. Sie könnten nur in zehn Prozent der Fälle festgestellt werden. „Was ist mit den übrigen 90?“ Bei den abnormen Gewalttätern seien bestimmte Hirnregionen besonders aktiv. „Das gibt uns Hinweise, sagt aber noch nichts darüber aus, ob dort die Ursache liegt.“ Viel zu weit geht ihm der Gedanke, der Mensch habe bei Bestehen einer solchen Anomalie keine Wahl mehr. „Dafür habe ich eine Vielzahl von Beispielen, bei der ein potenzieller Täter von dem geplanten Verbrechen zurücktritt. Kraft seiner freien Entscheidung.“

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