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Hamburger Abendblatt, 5.11.2004

Felix - Holte ihn der "Maskenmann"? Analyse: Experte für Serientäter weist Parallelen zu den Morden an fünf weiteren Jungen nach.

Hamburg - Der Wald hat Felix förmlich verschluckt. Spurlos. Seit sechs Tagen fehlt von dem acht Jahre alten Jungen aus Neu-Ebersdorf (Landkreis Rotenburg) jedes Lebenszeichen. Irgendwo in dem Waldstück, das von der Grundschule in Hipstedt bis zum Elternhaus in Neu-Ebersdorf reicht, muß etwas Schreckliches passiert sein. Davon geht die Polizei inzwischen aus. Nur was? Niemand hat etwas gesehen. Es wurden keine Spuren gefunden. Nicht einmal Felix' Fahrrad blieb am Ort seines Verschwindens zurück.

Wer ist zu so etwas fähig? Schließlich war das Risiko nicht unbeträchtlich, auf einen zufällig auftauchenden Spaziergänger, Autofahrer oder gar Nachbarn des Jungen zu treffen. "Der Täter muß ein hohes Maß an Risikobereitschaft aufweisen", erklärt der Düsseldorfer Kriminologe Stephan Harbort (40). Der Kriminalhauptkommissar ist Deutschlands führender Forscher in bezug auf Serienmörder und Autor mehrerer Bücher ("Phänomen Serientäter", "Anatomie eines Jahrhundertmörders").

Harbort hat im Fall Felix einen schlimmen Verdacht: "Der Mann, der diesen Jungen entführt hat, könnte derselbe sein, der als der ,Mann mit der Maske' bekannt ist." Der "Maskenmann" ist nach bisherigen Ermittlungen der Polizei für eine Mordserie an fünf Jungen im Alter zwischen acht und 13 Jahren verantwortlich. Die Morde geschahen allesamt in den vergangenen zwölf Jahren im norddeutschen Raum.

Vordergründig, so Harbort, ähnelten die Fälle sich nicht. "Der ,Maskenmann' hat sich seine fünf Opfer nachts aus Heimen und Zeltlagern geholt. Er hat sie ausgekundschaftet, möglicherweise sogar gekannt." Bei Felix erscheine die Tat eher als zufällig, "als Ausnutzung einer günstigen Gelegenheit".

Doch berücksichtige man auch andere Kriterien, drängten sich deutliche Parallelen auf. "Felix' Entführung war sehr riskant. Das waren die Entführungen der Jungen aus den Heimen ebenso. Der Täter ist ja durch Fenster in die Zimmer eingestiegen, in denen bis zu sechs Kinder schliefen."

Wie zum Beispiel Dennis Klein. Der Neunjährige wurde am 5. September 2001 aus einem Schulheim in Wulfsbüttel bei Cuxhaven entführt und zwei Wochen später 30 Kilometer entfernt ermordet in einem Moor gefunden. Oder Dennis Rost. Der Achtjährige verschwand am 24. Juli 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig und wurde in Dänemark in einer Düne verscharrt gefunden.

Daß die Art und Weise der Tat sich im Fall Felix von den anderen fünf Fällen unterscheidet, ist für Harbort kein Grund, keine Zusammenhänge zu sehen. Im Gegenteil: "Täter ändern oftmals ihre Vorgehensweise, weil sie etwa durch erhöhten Fahndungsdruck oder veränderte Grundbedingungen dazu gezwungen werden."

Ihre Persönlichkeitsstruktur bleibe aber stets gleich. Und diese Struktur sei beim Maskenmann deutlich zu erkennen: "Er ist auf den bestimmten Opfertyp von Jungen fixiert. Er überlegt genau, wie er an die Kinder herankommt. Er geht dafür ein hohes Risiko ein. Und er verfügt offenbar über die Fähigkeit, Kinder so zu manipulieren, daß er sie ohne Aufsehen und ohne Spuren zu hinterlassen mitnehmen kann." Daß auch Felix' Fahrrad weg ist, passe zu diesem Verhalten. Zudem fällt Harbort eine regionale Häufung auf: "Wulfsbüttel, der Ort von Dennis' Entführung, ist nicht weit von Neu-Ebersdorf entfernt. In dem Heim in Wulfsbüttel gab es 1995 und 1999 zudem zwei weitere Mißbrauchsfälle. Von Sexualtätern weiß man, daß für sie der Ort des sogenannten Initialkontakts sehr wichtig ist." Schließlich seien Sexualdelikte an Jungen höchst selten. "Drei solcher Delikte in einer Region und noch einige mehr allein in Norddeutschland - das ist sehr auffällig."

erschienen am 5. November 2004 in Norddeutschland

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