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Hamburger Abendblatt, 24.7.2006

Mordserie an Türken - ein Rachefeldzug?

Interview: Experte zu möglichen Tatmotiven. Abendblatt sprach mit Hauptkommissar Stephan Harbort über die neun Morde an Kleinunternehmern, bei der immer dieselbe Waffe benutzt wurde.

Von CHRISTIAN DENSO

Die bislang neun Morde an einem griechischen und acht türkischstämmigen Kleinunternehmern, die alle mit derselben Pistole erschossen wurden - eine spektakuläre Serientat, die auch der wohl renommierteste Serienmord-Experte in Deutschland für "absolut außergewöhnlich" hält. Stephan Harbort (42) erforscht seit mehr als zehn Jahren dieses Kriminalitäts-Phänomen. Der Kriminalhauptkommissar und Buchautor ("Der Liebespaar-Mörder", "Ich mußte sie kaputtmachen - Anatomie eines Jahrhundert-Mörders") aus Düsseldorf im Abendblatt-Interview:

ABENDBLATT: Warum bringt man so viele Menschen mit ein und derselben Pistole um?

STEPHAN HARBORT: Das ist die Schlüsselfrage des Falles. Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Pistole eine bewußte Botschaft des Täters, eine Drohung. Oder, und das scheint mir wahrscheinlicher, der Täter setzt die Waffe aus Gewohnheit wieder ein. Von anderen Fällen wissen wir, daß solche Serienmörder irgendwann das Gefühl haben, quasi unantastbar zu sein.

ABENDBLATT: Der verdächtige Verfassungsschützer, über den kürzlich berichtet wurde: Ist er der Schlüssel zu dem Fall?

HARBORT: Kaum, das würde auch hinten und vorn nicht passen. Er scheint mir zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

ABENDBLATT: Wer tut so etwas?

HARBORT: Ich gehe von zwei Tätern aus, die planmäßig, organisiert und kaltblütig vorgehen. Möglicherweise haben sie bei der ersten Tat zum ersten Mal gemordet, da war ihr Vorgehen noch nicht ausgereift, das Opfer überlebte den Anschlag kurzzeitig. Und erstaunlich ist auch, daß ihr soziales Umfeld trotz der hohen Belohnung von 300 000 Euro dichthält - vielleicht kommen die Täter ja nicht aus Deutschland.

ABENDBLATT: Ist es schwierig, im türkischen Milieu zu ermitteln?

HARBORT: Ein großes Problem. Als Ermittler bewegen sie sich da in einer Parallelwelt, in deren Sitten und Gebräuchen wir uns oft nicht auskennen. Und oft haben diese Menschen mit der Polizei im Mutterland einschlägige Erfahrungen gemacht. Sie begegnen Polizisten auch hier deshalb grundsätzlich mit Mißtrauen und können sich eine Zusammenarbeit gar nicht vorstellen.

ABENDBLATT: Die Morde geschahen tagsüber, in den Geschäften der Opfer - gehen die Täter da nicht ein hohes Risiko ein?

HARBORT: Oberflächlich betrachtet, sicher. Ich halte das Risiko aber für bei weitem nicht so hoch, weil die Täter zwar von Passanten gesehen werden können, aber nicht wirklich auffallen. Im nachhinein gibt es bislang, außer bei einer Tat in Nürnberg, offensichtlich keinen Zeugen, der die Mörder beschreiben kann.

ABENDBLATT: Warum bringt man kleine Unternehmer um? Was könnte das Motiv sein?

HARBORT: Eine Beziehungstat scheint auszuscheiden, auch ein Mord aus Habgier, da nie etwas geraubt wurde. Ich glaube auch nicht an eine politisch, gar rassistisch motivierte Serie, dazu fehlt es etwa an Bekennerschreiben. Es könnte sich eventuell um einen Rachefeldzug handeln, so wie im Fall der Heckenschützen von Washington 2002, aber dafür müßten die Taten eigentlich regional begrenzt sein.

ABENDBLATT: Wissen die Ermittler so wenig, wie sie öffentlich sagen? Und warum sind sie nach fünf Jahren noch nicht weiter?

HARBORT: Ich gehe davon aus, daß in der Tat der richtige Ermittlungsstrang noch nicht gefunden wurde, obwohl alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Die Kollegen sind aber auch nicht zu beneiden: Es gibt offensichtlich keine klassische Täter-Opfer-Beziehung, kein Motiv und kaum verwertbare Spuren. Zudem haben wir keine Erfahrungen mit derartig ungewöhnlichen Tötungsspiralen, nicht einmal aus dem Ausland. Das ist der kriminalistische Super-GAU.

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