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Law & Life, Februar 2009

INTERVIEW

Herr Harbort, Sie haben hunderte Mordfälle untersucht. Was ist Ihr Fazit: Kann jeder Mensch zum Mörder, Serienmörder werden?

Marcellus Singleton III, ein mittlerweile in die USA ausgelieferter Ex-Soldat und Ex-Serienmörder, schrieb in einem seiner zahlreichen Briefe an mich einen sehr klugen Satz: "Die meisten Menschen wissen doch gar nicht, wozu sie fähig sind." Er hatte es nämlich auch nicht gewusst. Noch wenige Minuten vor seinem ersten Mord war der damals 21-Jährige vollkommen überzeugt gewesen, zu so etwas nicht fähig zu sein. Er hatte nicht einmal daran gedacht. Ich bin überzeugt, dass (fast) jeder Mensch bereit und imstande ist, einen anderen Menschen vorsätzlich zu töten. Das heißt aber nicht, dass er es auch tut. Dafür müssen nämlich erst besondere Umstände eintreten.

Ihr aktuelles Buch "Begegnung mit dem Serienmörder" lässt erstmals ausführlich auch Opfer zu Wort kommen. Welche Menschen sind besonders gefährdet, einem Mörder bzw. Serienmörder in die Hände zu fallen?

Es gibt keine phänotypischen Merkmale, die Serienmörder-Opfer diskriminieren könnten. Es geht querbeet durch alle Altersgruppen, soziale Schichten und Berufe. Ein typisches Opferprofil existiert also nicht. Dennoch gibt es ein Merkmal, das alle Leidtragenden miteinander verbindet, und zwar weltweit: die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit. Denn die eigene Lebenserfahrung lehrt, dass Verbrechen immer nur den anderen passieren. Und genau dieser Aspekt suggeriert eine vermeintliche Sicherheit, die uns unsensibel und unvorsichtig werden lässt.

Was kann die Gesellschaft tun, um die Anzahl an Morden zu verringern?

In 80 Prozent der Tötungsverbrechen trifft es den verhassten oder lästig gewordenen Intimpartner. Den meisten vorsätzlichen Tötungen eilen demnach immer wiederkehrende Kommunikations- und Beziehungskonflikte voraus. Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich als eine der ersten Amtshandlungen die Einführung eines neuen Schulfachs anregen: Konfliktmanagement. Genau das fehlt uns doch: soziale Handlungskompetenz und -sicherheit in kniffligen und kritischen Situationen.

Ihr Berufsalltag besteht beinahe ausschließlich aus der Beschäftigung mit Serienmördern und ihren Taten. Wie kam es dazu, dass Sie sich ausgerechnet auf diese spektakuläre, aber doch auch extrem schreckliche Deliktsgruppe spezialisierten?

Das war ein Kriminalfall, passiert im Sommer 1991. Da war ich junger Kriminalstudent in Duisburg. Ein 25-jähriger Kürschner kam ins Präsidium und meldete seinen Stiefvater vermisst, einen FDP-Ratsherrn aus Alpen am Niederrhein. Nach einer mehrstündigen Vernehmung gestand dieser Mann schließlich die Tötung seines Stiefvaters, seiner Stiefschwester und seiner ehemaligen Freundin, verübt über einen Zeitraum von mehreren Monaten, gemeinsam mit einem gleichaltrigen Mittäter. Das Ziel der beiden: "forciert erben". Und wie unangemessen sachlich und ohne jede erkennbare Gefühlsregung dieser Mann beispielsweise die kaltblütige und gnadenlose Erdrosselung seiner Schwester (!) schilderte, das hat mich ungeheuer abgestoßen, aber auch neugierig gemacht. Als ich später feststellte, dass es hierzulande zu solchen Tätern keine eigenständige Forschung gab, stand mein Entschluss schnell fest: das muss sich ändern!

Der Beruf des "Profilers" ist heute in aller Munde. Aber Sie selbst verwenden das Wort in Ihren Büchern äußerst zurückhaltend oder gar nicht. Warum?

Weil es ein Begriff nordamerikanischer Prägung ist, der den Gegebenheiten in Deutschland nicht gerecht wird.

Muss man, um einen Serienmörder fassen zu können, selbst ein bisschen denken und fühlen können wie ein Serienmörder? Tragen Sie eine finstere Seite in sich, die es Ihnen hilft, Täterverhalten besser voraussagen zu können?

Wenn ich denken und fühlen könnte wie ein Serienmörder, hätte ich gewiss nicht nur eine dunkle Seite in mir, man müsste sich tatsächlich ernsthaft Sorgen machen. Allerdings ist es zwingende Voraussetzung, möglichst viele Taten solcher Täter auch in ihren Einzelheiten zu kennen, um Täterverhalten seriös interpretieren und entsprechende Vergleiche anstellen zu können. Auch hier ist es wie in vielen anderen Lebensbereichen auch: aus der Vergangenheit lernen.

Sind Sie zufrieden damit, wie die deutsche Justiz mit Mördern und Serienmördern verfährt?

Jain. In den meisten Fällen ist es der Justiz gelungen, Mörder nicht nur zu bestrafen und die Gesellschaft vor ihnen zu schützen, sondern sie auch zu resozialisieren. Das gelingt natürlich nicht immer, das wissen wir. Einerseits. Andererseits erscheint mir gerade die ausgesprochen anspruchsvolle Beurteilung der Schuld(un)fähigkeit eines notorischen Gewalttäters überdenkenswert. Erinnern wir uns nur an den "Kannibalen von Rothenburg". Hier offenbart sich das ganze Dilemma: kaum jemand hatte Zweifel daran, dass es sich bei Armin M. um eine hochpathologische Persönlichkeit handelte, selbst der Gerichtsgutachter attestierte eine "schwere andere seelische Abartigkeit" - doch unter dem Strich erfolgte eine Verurteilung wegen Mordes, bei angeblich voll erhaltener Schuldfähigkeit. Mit anderen Worten: ein kranker Mensch handelte wie ein Gesunder. Offenbar fehlen im Strafgesetzbuch Normen, die es erlauben, auch Tätern wie Armin M. gerecht zu werden, ohne dabei schutzwürdige Belange der Allgemeinheit aus den Augen zu verlieren.

Was halten Sie von Ansätzen, Erkenntnisse der Hirnforschung in die Bestrafung von Tätern einfließen zu lassen?

Grundsätzlich ist es reizvoll, die Bestimmtheit oder Abhängigkeit des (unfreien) Willens von inneren oder äußeren Ursachen zu diskutieren. Hirnorganische Komponenten in diesem Kontext von vornherein auszuklammern, wäre töricht. Allerdings halte ich wenig davon, Menschen vorschnell als Wesen zu definieren, unfähig, einen freien Willen zu haben. Dieser Gedanke ist nicht revolutionär, sondern radikal und paradox. Der Mensch müsste sich genau genommen neu erfinden, er wäre dabei aber stets zum Scheitern verurteilt, weil ihm etwas fehlt - der freie Wille.

Ich hatte nach der Lektüre eines Ihrer Bücher schlechte Träume, hörte nachts Geräusche im Haus, überprüfte alle Türen. Wie verarbeiten Sie die Eindrücke Ihres Berufsalltags?

Ich schlafe schlecht, höre nachts Geräusche im Haus und überprüfe alle Türen. Ernsthaft: reden, ehrlich zu sich selbst sein, die eigene Verletzlichkeit akzeptieren, Hilfen annehmen. Und bloß nicht den unverwüstlichen Supercop geben, der alles erreicht und dem nichts etwas ausmacht. Solche Typen müssen und werden scheitern.

Welcher Fall verfolgt Sie gedanklich auf Schritt und Tritt und weshalb gerade dieser?

Wenn ich ehrlich bin, keiner. Nur diese hässliche Fratze, die mir ein Serienmörder mal präsentierte, als er sich ein Lächeln abringen wollte, werde ich wohl nie vergessen. Davor und danach hatte ich nie wieder dieses beängstigende Gefühl: dem buchstäblich Bösen begegnet zu sein.

Würden Sie von sich sagen, ein "normales Leben" zu führen?

Von Kindesbeinen an habe ich mich innerlich dagegen gewehrt, in bestimmte Schubladen einsortiert zu werden: der macht das und das, dann ist der so und so. Langweilig! Und häufig auch falsch. Doch wenn ich mir meine Vita anschaue, dann sieht es doch recht konservativ aus: Abitur, Studium, Kriminalist, Autor, verheiratet, drei Kinder. Ist das "normal"?

Lesen Sie manchmal Krimis?

Krimis lese ich sehr selten. Ich habe halt die Erfahrung gemacht, dass die Verbrechenswirklichkeit wendungsreicher und spannender ist, als jede Krimilektüre. Mir sind als Kriminalist Menschen begegnet und Dinge passiert, die würde man keinem Autor abkaufen. Verrückt!


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