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Luzerner Zeitung, 13.01.2009

INTERVIEW

Nur 15 Prozent aller Mörder sind Frauen Wie erklären Sie sich das?

Stephan Harbort: Das ist ein statistisch signifikanter Unterschied, der schon seit Jahrhunderten bekannt, jedoch bis heute nicht abschliessend erklärt ist. Es hat sicher damit zu tun, dass sich Frauen körperlich deutlich von Mänenrn unterschieden, dass sie anders fühlen, denken und handeln und - ganz wichtig - ein anderes Verhältnis zur Macht haben. Vielleicht sind Frauen naturgemäss weniger aggressiv als Männer, vielleicht werden sie gesellschaftlich in Rollen gedrängt, die ihnen weniger kriminellen Handlungsspielraum gewähren, und vielleicht sind Frauen auch einfach leidensfähiger als Männer. Aber das sind nur Theorien, in Sachen Tötungsdelikte steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen.

Was hat denn Leidensfähigkeit mit dem Impuls zum Töten zu tun?

Harbort: Vorsätzliche Tötungen von Menschen sind in der Regel - in unseren Breitengraden etwa zu 80 Prozent - Beziehungsdelikte. Und zwar bei Männern und Frauen gleichermassen. Statistisch gesehen geht solchen Taten ein fünfjähriger Beziehungskonflikt voraus. Dass Frauen in diesem Kontext seltener zu Täterinnen werden, könnte etwas damit zu tun haben, dass sie eher bereit sind, solche Verhältnisse zu erdulden.

Neigen Frauen auch weniger zum Töten, weil sie naturgemäss Leben schenken?

Harbort: Das kann man weniger mit einer genetischen Disposition erklären, als mit Erfahrungen und Erziehungsformen, die Frauen durchlaufen. Auf eine einzige Ursache kann man es sicher nicht zurückführen. Es gibt eine ganze Reihe von Komponenteen, die sich gegenseitig verstärken und dann in eine Tötungshandlung münden.

Frauen, die morden, schockieren wesentlich mehr als Männer. Weshalb?

Harbort: Besonders beunruhigend sind Tötungsdelikte, die gesellschaftliche Rollenerwartungen verletzen. Und wenn Frauen töten, ist das der Fall. Denn Tötungskriminalität ist vornehmlich Männersache. Männliche Gewalt ist der gesellschaftlich akzeptierte Massstab für Normverletzungen und Unterdrückung, die tötende Frau ist eher der verstörende und betörende Gegenentwurf. Bei Frauen spricht man nicht einfach von Rechtsbrecherinnen, sondern ordnet sie gleich in den Kontext des Bösen ein, weil man noch so wenig über Mörderinnen weiss und Probleme damit hat, diese Form der Gewalt zu verstehen.

Durch welche Eigenschaften unterscheiden sich weibliche von männlichen Mördern?

Harbort: Ein grundlegend unterschiedliches Charakterprofil gibt es nicht. Frauen sind jedoch tendentiell jünger, häufiger verheiratet und seltener vorbestraft als Männer. Und Mörderinnen haben auffallend oft eine narzisstische Störung, also die eigenen Bedürfnisse werden überbewertet, diejenigen der Opfer geringgeschätzt. In der Regel handelt es sich bei Mörderinnen um unauffällige Persönlichkeiten, die - das ist ein weiterer Unterschied zu Männern - häufig sozial gut integriert sind, aber bei genauerem Hinsehen etwas oberflächlich bleiben.

Kürzlich hat eine Australierin den Penis ihres Mannes mit Benzin übergossen und angezündet, weil er eine Affäre hatte. Der Mann starb an den Verbrennungen. Wie typisch ist so ein Fall?

Harbort: Selten richtet sich weibliche Gewalt so direkt gegen männliche Geschlechtsteile, schon gar nicht in dieser bizarren Form. Andererseits erkennen wir hier das Motiv Nummer eins für die Tötung des männlichen Intimpartners, nämlich die Eifersucht. So gesehen ist dieser Fall klassisch.

Männer und Frauen töten am allerhäufigsten den eigenen Intimpartner. Gehen sie dabei unterschiedlich vor?

Harbort: Männer bevorzugen harte Tötungsmethoden, also Würgen, Erdrosseln, erstechen, erschlagen, erschiessen. Frauen wählen zu einem ganz hohen Prozentsatz weiche Tötungsmethoden wie dem Ersticken oder der Beibringung von Fremdsubstanzen, also Medikamenten oder Gift. Übrigens töten Männer, um Grenzen zu überschreiten, und Frauen, um Grenzen zu ziehen oder erhalten. Bei Frauen passieren Morde oft aus einer Verteidigungshaltung heraus.

Können sie dafür ein Beispiel geben?

Harbort: Wenn mir mein Mann ein Leben lang das Geschehn diktiert und die Lebensbedingungen vorgibt und ich als Frau zum Ergebnis komme, ich kann das nicht mehr aushalten, dann muss ich mich auf drastische Weise von dem Mann trennen.

Murksen Frauen keine Wildfremden auf der Strasse ab?

Harbort: Frauen töten meistens in ihrem sozialen Umfeld und nicht auf offener Strasse. Aber wenn so etwas passiert, spielt die Frau eher eine untergeordnete Rolle, beispielsweise als Lockvogel. Tatherrschaft hat indes ein Mann.

In Ihrem Buch steht: "Wenn Frauen morden, hat das fast immer auch mit Mänenrn zu tun." Wie meinen Sie das?

Harbort: Entweder spielt der Mann eine vordergründige Rolle - als Opfer, Mittäter oder Anstifter. Oder aber er wirkt im Hintergrund tatbereitend, wenn beispielsweise Väter ihre Töchter missbrauchen. Die späteren Täterinnen übertragen diese frühen Taterfahrungen dann auf eigene Beziehungen. Manchmal stiften Männer ihre Frauen auch zur Tötung des gemeinsamen Babys an oder sie ziehen sich wissentlich aus der Verantwortung .

War das jetzt eine Verteidigungsrede für Mörderinnen?

Harbort: Sicher nicht. Es muss aber gestattet sein, die Rolle des Mannes auch kritisch zu hinterfragen. Unter dem Strich bleibt natürlich immer ein hohes Mass an persönlicher Schuld der Täterin.

Sie sprachen von Kindstötungen, den sogenannten Neonatiziden. Wie oft kommt das vor?

Harbort: Gott sei dank eher selten. Laut Expertenschätzungen gibt es in Deutschland 50 bis 100 solche Taten jährlich - wobei die Dinkelziffer besonders hoch sein dürfte.

In ihrem Buch schildern sie den Fall einer Frau, die neun eigene Babys getötet hat. Wie lässt sich so eine Tat erklären?

Harbort: Es gibt drei Fallgattungen. Die eine, allerdings eher seltene Gruppe von Frauen plant schon bei Bekanntwerden der Schwangerschaft die Tötung des Babys. Bei einer zweiten Gruppe ist es so, dass sie das Kind zwar wollen, aber der biologische Erzeuger lehnt das Kind aus irgendwelchen Gründen ab. Diese Frauen hoffen vergeblich auf ein positives Signal der Erzeugers, haben aber nicht den Mut, dies anzusprechen. Aus ihrer Sicht töten sie dann das Kind, weil es vom Vater abgelehnt wird. Charakteristisch für diese Fälle ist, dass die Leichen immer im häuslichen Bereich aufbewahrt werden, im oben genannten Fall in den Blumentöpfen auf dem Balkon, weil diese Frauen auf eine Art noch mit ihren Kindern zusammen sein wollen. Schuldgefühle spielen hier eine Rolle. Dritte Tätergruppe sind Frauen, die die Schwangerschaft konsequent verdrängen, von der Geburt regelrecht überrascht werden und dann ihre Kinder aus einem Impuls heraus zu Tode bringen.

Welche Rolle spielt bei weiblichen Mörderinnen die Intelligenz?

Harbort: Intelligenz spielt bei Tötungsdelikten - bei Mann und Frau - höchstens eine untergeordnete Rolle. Man hat allerdings herausgefunden, dass sich einfach strukturierte Menschen doppelt so lange auf freiem Fuss halten konnten wie solche mit hohem Intelligenzquotienten. Ich erkläre mir das damit, dass sich solche Leute auch ganz einfach Tatpläne zurechtlegen, bei denen das Risiko einfach geringer ist.

Wie deuten Sie die Tatsache, dass Frauen auch Serienmorde begehen?

Harbort: Das ist ein ausgesprochen seltenes Frauen-Delikt. Wir hatten in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg "nur" 22 Serienmörderinnen. Beim Motiv stellt man allerdings gravierende Geschlechterunterschiede fest. Männer begehen sehr viel mehr Sexual- und Raubmorde, bei Frauen sind es meist Tötungen von Neugeborenen oder Patienten oder Beziehungstaten. Gerade hier steht auch die Gesellschaft mit am Pranger: Wir müssen uns fragen, ob die Benachteiligung und Überforderung von Frauen, die beispielsweise in Pflegeeinrichtungen arbeiten, sich tatbegünstigend auswirken können.

Geht es bei Patiententötungen nicht eher um einen Akt des Mitleids?

Harbort: Das behaupten zwar viele Täterinnen, aber wenn man sich die Fälle genauer ansieht, stellt man fest, dass die Opfer weder um Tötung gebeten hatten, noch waren sie sterbenskrank. Hier werden persönliche und berufliche Konflikte ausgelebt, indem das eigene Leiden trügerisch mit dem der Opfer verwechselt wird.

Töten Frauen eigentlich auch aus purer Freude am Töten?

Harbort: Aus 100 Jahren Kriminalgeschichte kenne ich nur zwei Fälle, wo man Frauen so etwas wie Mordlust unterstellen kann. Bei Mänenrn gibt es das zwar häufiger, aber auch wesentlich seltener, als man allgemein glaubt. Es sind nur ein Prozent aller Serienäter, die beim Töten tatsächlich Lust empfinden.

Der deutsche Kriminalhauptkomissar Stephan Harbort (45) hat international angewandte Fahndungsmethoden entwickelt, die Bestandteil des Profilings zur Überführung von Serienmördern sind. Er ist Fachberater bei TV- und Radio-Dokumentationen und war beratend bei Krimiserien und Kinofilmen tätig. Seine zahlreichen Bücher sind kriminalistische Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.

Im ebenso spannenden wie beklemmenden Sachbuch "Wenn Frauen Morden" dokumentiert Stephan Harbort die herausragendsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte und analysiert Motivation, Persönlichkeit und Hintergrund der Täterinnen. Auch das Fernsehen widmet dem Thema eine Doku-Serie mit nachgestellten Fällen aus der Geschichte, Zeitzeugen- und Expertenaussagen. Erster Teil: Montag, 12. Januar, 21 Uhr, ARD. Stephan Harbort, "Wenn Frauen morden. Spektakuläre Fälle - vom Gattenmord bis zur Serientötung", Eichborn, 29.90 Franken.


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