Pressespiegel (Auswahl) Interviews LVZ/Leipziger-Volkszeitung, 20.07.2007, S. 13 Ausgabe: Leipziger Volkszeitung-Stadtausgabe/Stadtausgabe Ressort: Medien INTERVIEW "Es geht immer um Macht" Stephan Harbort über Serien- und Einzeltäter, Sexualstraftäter und ihre Antriebe Papst Gregor der Große katalogisierte den alltäglichen Sündenpfuhl. All die Laster, die vor 1400 Jahren umgingen, fasste er in Die 7 Todsünden zusammen: Wollust, Neid, Hochmut, Völlerei, Trägheit, Zorn, Habgier. Doch diese Hitliste sagt nichts darüber, was passieren muss, damit der Mensch fehlt. Also: Was macht ihn süchtig nach Sex? Was muss passieren, damit er töten kann? In sieben Dokus beleuchten Wissenschaftler und Zeugen Fallbeispiele, suchen nach Hintergründen und rekonstruieren das Leben der Täter. So geht es im ersten Teil um einen 35-jährigen Sexsüchtigen, der eine Frau ermordete und sich bei der Selbstbefriedigung zu Tode strangulierte. Ständiger Berater der Reihe ist der 43-jährige Kriminalist und Sachbuchautor Stephan Harbort. Heiner Johns, um den es in Wollust geht, hätte keiner als Mörder gesehen? Mir hat mal ein Serienmörder gesagt: Die meisten Menschen wissen doch gar nicht, wozu sie fähig sind Ich will nicht behaupten, dass jeder Mensch zum Mörder taugt, aber es sind weit mehr, als wir uns eingestehen wollen. Welche Faktoren sind es, die einen Menschen zum Mörder machen? Wir begehen einen Denkfehler, nur einige wenige Ursachen zu sehen. Es geht viel komplexer zu bei der verhängnisvollen Entwicklung der Täter.. Was unterscheidet einen Serienkiller von einem Einzeltätern? Der gewöhnliche Mörder tötet im Affekt, in aller Regel trifft es ein Opfer aus dem direkten sozialen Umfeld. Der Serientäter tötet überwiegend planvoll und bevorzugt völlig fremde Opfer. Etwa 90 Prozent der Serienmörder leiden unter Persönlichkeitsstörungen. Bei Einzeltätern sind es nur zehn Prozent. Was treibt Serienmörder? Ihre fehlende soziale Identität. Diese Täter stehen neben sich, fragend, zögernd, zweifelnd. Eine Gefangenschaft ohne Gefängnis. Die mörderische Tat gleicht einem Befreiungsschlag. Das ist das Hauptantriebsmotiv? Es geht um Macht. Wenn er über Leben und Tod entscheidet, schlüpft der Täter in eine neue Rolle. Er wird Mörder - und damit schlagartig zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Man muss von ihm Notiz nehmen. Er ist jetzt kein Versager mehr. Sind Morde aus sexuellem Trieb geplant oder folgen sie einem Impuls? Die meisten Täter folgen einer Art Generalplan. Sie überlegen sich, wo sie ein geeignetes Opfer treffen könnten und halten sich so lange dort auf, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt. Dann schlagen sie zu. Wer angegriffen wird, ist meist purer Zufall. Muss man denken wie ein Mörder, um einen Serienkiller zu finden? Denken wie ein Mörder kann nur der Mörder selbst. Aber im Laufe der Jahre hat sich Erfahrungswissen angesammelt, das wir uns zunutze machen. Über rückfällige Sexualstraftäter wird immer wieder heiß diskutiert. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen beweist ja auch, dass die meisten Sexualstraftäter nicht geheilt werden können. Dafür sind die Krankheitsbilder viel zu gravierend. Was also kann man tun? Mit den Patienten können bestenfalls Verhaltensmuster eingeübt werden, mit denen sie Krisen bewältigen können. Also muss psychologische Betreuung auch nach der Entlassung gewährleistet sein. Das ist häufig nicht so. Das sind dann oft die Rückfälle. |