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ML Mona Lisa, 30.05.2010

Mord aus Lust?

Der Kriminalist und Autor Stephan Harbort hat sich jahrelang mit seriellen Sexualmorden beschäftigt. Er arbeitete sich durch unzählige Akten, um das Verhalten der Gewaltverbrecher analysieren zu können. Bei Mona Lisa erklärt der Kriminalhauptkommissar bestimmte Verhaltensmuster, die bei Tötungsdelikten im Milieu eine Rolle spielen.

ZDF: Welche Motive bewegen die Täter?

Stephan Harbort: Es gibt eine Reihe von Motiven, warum gerade Prostituierte ausgewählt werden. Es geht in erster Linie um die Möglichkeit, eine Frau voll zur Verfügung zu haben. Sich Fantasien auszumalen und dann auszuführen, sie auszuleben. Andererseits geht es auch um Habgier. Für Menschen die wenig oder nichts besitzen, ist das, was Prostituierte haben oder von dem man glaubt, dass sie es besitzen, ein hohes Gut.

ZDF: Sind Morde an Prostituieren oft geplante Taten?

Harbort: Wenn man von Tötungsdelikten bei Prostituierten spricht, gibt es im Wesentlichen zwei Grundkonstellationen: Die eine ist die, dass sich Konflikte ergeben, zum Beispiel dass der Freier mit der Leistung, die die Prostituierte versprochen und dann nicht erbracht hat, unzufrieden ist. Es wird heftig gestritten, was dann bis zu einem Tötungsgeschehen eskalieren kann. Oder aber umgekehrt, dass die Prostituierte im Nachhinein mehr Dirnenlohn verlangt, als üblich. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Täter, die ganz bewusst Prostituierte auswählen, weil sie sie für ihre obskuren Zwecke für besonders geeignet halten.

ZDF: Sind Morde an Prostituieren häufig sadistisch geprägt? Wenn ja, wie lässt sich das erklären?

Harbort: Die wenigsten Morde an Prostituierten sind sadistisch geprägt, es kommt immer mal wieder vor. Die Prostituierte bietet sich in diesem Kontext als Opfer an, weil sie als Frau gar nicht wahrgenommen wird, sondern als Objekt der Begierde. Das animiert manchen Täter dazu, gerade nicht eine Frau zu nehmen, die man kennt oder der man lange nachstellen müsste, sondern eben eine Person, die jederzeit verfügbar ist. Der sadistische Täter hat kein näheres Interesse an der Person selbst, sondern ihm ist daran gelegen, einen Menschen in eine Situation zu bringen, in der er über ihn oder sie frei verfügen kann. Häufig ist es so, dass bewusst Anonymität gewählt wird, weil der Täter sonst seine Hemmungen nicht überwinden kann, und da bietet sich eine Prostituierte an. Dem Täter kommt es nicht darauf an, näheren Kontakt mit dem Opfer aufzunehmen, sondern er möchte herrschen, er möchte manipulieren, er möchte sich bemächtigen und er möchte endlich seine soziale Rolle als Loser ablegen und Macht ausüben. Da ist es, worauf es ihm ankommt.

ZDF: Zum konkreten Mord der 19-Jährigen an der tschechischen Grenze Anfang Mai: Was lässt sich daraus über den Täter und die Tat ableiten?

Harbort: Es scheint naheliegend zu sein, dass dieser Täter von Gewalt- und Tötungsfantasien angetrieben worden ist. Dafür spricht das gravierende Verletzungsbild, das er an der Leiche, am Tatort hinterlassen hat. Mir scheint aber auch eine hohe Emotion mitzuschwingen. Diese Verletzung erlebt man in der Form eigentlich eher selten. Ich vermute, dass hier auch im Vorgeschehen der Tat zwischen Täter und Opfer etwas passiert ist, was ihn möglicherweise zu dieser fast schon unmenschlich anmutenden Tat bewegt hat. Er ging vermutlich davon aus, dass das Opfer tot ist oder zumindest bald versterben würde, da sie ihn ja gesehen hatte und vermutlich wiedererkennen würde. Wenn ich also als Vergewaltiger vorbestraft und Polizei bekannt bin, dann macht es für mich nur Sinn, wenn ich die Tat auch zu Ende bringe. Wenn er sie zunächst liegen gelassen hat, ist das nicht ungewöhnlich, im Glauben, das Opfer sei bereits tot oder würde bald versterben.

ZDF: Wie oft überleben Prostituierte einen Mordversuch?

Harbort: Gerade bei Prostituierten ist festzustellen, dass sie Mordversuche häufiger überleben, als andere Opfer. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass solche Frauen eben schon mit einer Attacke, einem Angriff rechnen, in dieser Beziehung also schon erfahren sind. Und hin und wieder die Begleitumstände dazu führen - zum Beispiel wenn eine Kollegin am Straßenrand steht und helfend eingreift und sich das Kennzeichen das Täters notiert oder ähnliche Dinge passieren - dass eben dann die Opfer überleben.


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