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NDR Info, 25.10.2002 - Interview Was konnten "Profiler" zur Aufklärung der Serien-Morde von Washington beisteuern?

Es sieht so aus, als wäre der Fall des Heckenschützens von Washington tatsächlich gelöst. Die Polizei hat zwei Verdächtige festgenommen und bei ihnen ein Gewehr gefunden, das mit der Tatwaffe übereinstimmen soll. Zehn Menschen haben die Täter getötet, drei verletzt. Drei Wochen hatte die Polizei nach ihnen gesucht.

NDR Info: Zwei Verdächtige gibt es, einen Golfkriegsveteranen und einen 17- jährigen Jungen. Der 41- jährige Erwachsene ist sehr erfahren im Umgang mit Waffen. Sind die Täter so, wie sich das Experten vorgestellt haben?
Harbort: Die amerikanischen Behörden gingen wohl zutreffend davon aus, dass es sich bei dem Schützen um eine Person handeln dürfte, die im Umgang mit Waffen geschult wurde und möglicherweise eine militärische oder polizeiliche Ausbildung absolviert hat. Weiterführende Hypothesen waren allerdings nicht möglich, da notwendige Anknüpfungstatsachen, wie beispielsweise eine ausgeprägte Täter-Opfer-Interaktion, fehlten. Also ein spezifisches, auf bestimmte Verhaltensmerkmale hinweisendes Täterprofil, war insofern illusorisch.

NDR Info: Welche Möglichkeiten hat man denn überhaupt mit diesen Profilen? Ist das nur in diesen Fall illusorisch gewesen oder welche Chancen hat man generell?
Harbort: Besonders erfolgversprechend erscheint diese Methode insbesondere dann, wenn eine möglichst vollständige Rekonstruktion des Tatgeschehens, insbesondere aber des Täterverhaltens, möglich ist. Dafür brauchen wir aber entsprechende Anknüpfungspunkte. Das heißt, wenn wir einen Täter haben, der spurenarm tötet und keine speziellen Tathandlungssequenzen erkennen lässt, die dann kriminalpsychologisch gedeutet werden können, wird es schwer. Zudem kommt hier zum Tragen, dass es sich hier um einen Tätertyp handelt, wie man ihn bisher in solch einer ausgeprägten Form nicht gekannt hat.

NDR Info: Und darum hat es auch so lange gedauert, diese Männer zu finden?
Harbort: Es gibt eine ganze Reihe von Umständen, die dazu beigetragen haben, dass man dieser Täter erst jetzt habhaft werden konnte. Zwischen Täter und Opfer bestanden erstens keine beruflichen und privaten Kontakte, das heißt, die übliche Ermittlungsstrategie, nach einer Person im Dunstkreis der oder des Opfers zu suchen, die ein Motiv gehabt haben könnte, erwies sich als stumpfes Schwert. Zweitens, auch die Opferauswahl ließ keine sicheren Rückschlüsse auf einen bestimmten Tätertyp oder ein klares Motiv zu. Drittens, es hat bisher kaum vergleichbare Fälle gegeben. Und auch die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Ermittlungsbehörden an der Fahndung beteiligt werden musste, dürfte die Täter begünstigt haben.

NDR Info: Nun haben die Täter in diesem Fall offenbar einen Fehler gemacht. Sie haben sich selbst mit einem Hinweis verraten. Das ist ja eine Fahndungsmethode, die Täter dazu zu bringen, Fehler zu machen. Sie beschäftigen sich damit. Wie macht man das?
Harbort: Es ist zunächst einmal von eminenter Bedeutung herauszuarbeiten, um welche Persönlichkeitsstruktur es sich handelt. Geht es dem Täter darum Aufmerksamkeit zu erregen, geht es ihm darum sein Sendungsbewusstsein, sein abnormes Mitteilungsbedürfnis zu befriedigen, dann empfiehlt es sich tatsächlich zu versuchen mit dem Täter in Kontakt zu treten, also einen Diskurs zu beginnen und ihn dann zu einem Verhalten zu bewegen, das erstens weitere Spuren herauskristallisiert und zweitens sein Motiv dann auch tatsächlich irgendwann offenbar wird.

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