Pressespiegel Interviews Planet Wissen, 29.05.2009 Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort ist Deutschlands bekanntester Experte für Serienmorde. Er führte mit über 50 Serienmördern Interviews, erstellte eine Studie über alle deutschen Serienmorde von 1945 bis 2000 und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema. Außerdem berät er TV-Dokumentationen und Kinoproduktionen wie "Hannibal" oder "From Hell". Planet Wissen hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Planet Wissen (PW): Sie beschäftigen sich intensiv mit Serienmördern. Haben Sie besonders viele Albträume oder besonders viel Angst, dass Familienangehörigen oder Freunden etwas passieren könnte? Stephan Harbort (S.H.): Wenn man sich wie ich seit fast 20 Jahren mit solchen furchtbaren Verbrechen beschäftigt, könnte man meinen, dass man näher an das Verbrechen heranrückt und auch ein bisschen Angst bekommt, aber bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich habe gelernt, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Serientäters zu werden, in Deutschland sehr gering ist. Nichtsdestotrotz sollte man bestimmte Verhaltensmaßregeln beachten. Denn wer glaubt, dass ihn ein Mantel der Unantastbarkeit umwehe, der ist dem Verbrechen näher als jeder andere. PW: Sind Sie mit den Jahren abgestumpft? Lassen Sie Grausames nicht mehr so nah an sich heran wie am Anfang? S.H.: Von Abstumpfung würde ich nicht sprechen wollen. Es gibt schon eine gewisse Form der Gewöhnung. Aber wer das beruflich gemacht hat - der also weiß, wie ein Tatort aussieht, der weiß, wie Leichen zugerichtet sein können - der hat ein ganz anderes Verhältnis zu solchen Gewaltexzessen als derjenige, der so etwas nur aus der Zeitung oder aus dem Kino kennt. Deswegen ist das für mich keine besondere Belastung. PW: Wie kamen Sie dazu, sich so intensiv mit dem Thema zu befassen? S.H.: Auslöser war, wie nicht anders zu erwarten, ein Kriminalfall. Im Jahr 1991 kam ein 25-jähriger Kürschner - das ist ein Handwerker, der Tierfelle zu Pelzbekleidung verarbeitet - ins Präsidium in Duisburg und wollte seinen Stiefvater, einen FDP-Ratsherren, als vermisst melden. Im Gespräch widersprach er sich immer mehr. Nach einigen Stunden war er dann so weit, dass er nicht nur den Mord an seinem Stiefvater, sondern obendrein auch die Tötung seiner Schwester und seiner ehemaligen Freundin zugab. Hintergrund war, dass er gemeinsam mit seinem Kumpel "forciert erben" wollte - so hat er das bezeichnet. Die beiden haben sich überlegt: Welche Familie bringen wir um, deine oder meine? Bei dem Kürschner gab es "nur" drei Familienangehörige. Deswegen haben sie sich entschlossen, dessen Familie zu beseitigen. Diese unangebrachte Sachlichkeit, dieses Erzählen, als seien die Taten von jemand anderem begangen worden, das hat mich schwer beschäftigt, und ich habe mich gefragt: Was sind das eigentlich für Täter, mit was für Menschen bekommst du es da zu tun? Ich habe dann festgestellt, dass es in Deutschland so gut wie keine Forschung zu dem Thema gab. Das war für mich der Startschuss. PW: Sie haben viele Bücher über Serienmörder veröffentlicht. Sehen Sie auch die Gefahr, dass Sie damit bei Ihren Lesern erst Ängste schüren, die vorher gar nicht da waren? S.H.: Ich denke, das ist ein ganz normaler Effekt in den ersten Tagen, nachdem man so ein Buch gelesen hat. Das Grauen, das man glaubt zu kennen, sieht auf einmal ganz anders aus, wirkt vielleicht auch bedrohlich. Aber durch Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern weiß ich, dass viele Alltagssituationen neu überdacht werden und zwar unter dem Aspekt: Wie kann ich mich besser schützen? Denn das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn wir glauben, dass wir vor solchen Tätern geschützt sind oder wenn wir davon ausgehen, dass mir das sowieso nicht passiert, dann gehen wir genau in die falsche Richtung. Denn wir wissen, dass solche Täter gerade in harmlos erscheinenden Alltagssituationen, Alltagsroutinen, besonders gefährlich werden. Weil man eben glaubt - beispielsweise auf dem Weg von der Arbeit nach Hause - vollkommen sicher zu sein, weil ja in all den Jahren vorher nichts passiert ist und man in einer unangebracht optimistischen Betrachtungsweise davon ausgeht: Da wird auch in Zukunft nichts passieren. Genau diese Alltagssituationen versuche ich in meinen Büchern besonders drastisch darzustellen, damit man überlegt, wie man seinen Alltag noch sicherer machen kann, damit solche Täter keinen Angriffspunkt haben. PW: Was kann man zum Beispiel tun? S.H.: Diese gewöhnlichen Dinge: Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause und dann gehe ich noch die 300 Meter durch den dunklen Park. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir da etwas passiert bezogen auf Serientötungen, ist gering. Aber es laufen ja nicht nur Serienmörder durch die Gegend, sondern Vergewaltiger, Räuber, Diebe. Wenn ich mir dann überlege, welch immenses Risiko ich eingehe, ohne Not, dann muss mich das eigentlich zu der Erkenntnis führen: Da kann ich was dran verbessern. Muss ich alleine gehen, kann ich mich abholen lassen, kann ich Fahrgemeinschaften gründen? Da kann man schon eine ganze Menge tun. PW: Sie haben für Ihre Bücher und Studien viele Serienmörder interviewt. Wie haben Sie diese erlebt? S.H.: Ich habe drei Typen von Tätern kennengelernt. Die einen waren eher verschlossen. Sie waren sehr wohl bereit, mit mir zu sprechen, aber nicht über die Taten. Dann gibt es einen Tätertypen, der sich genau andersherum verhält, der sogar Spaß daran hat, sich diese Taten noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, sie Phase für Phase zu erzählen und sich noch einmal an dem Leid der Opfer zu ergötzen. Dann gibt es aber auch solche Täter, die mein Angebot annehmen: Du bekommst von mir Neutralität und meine volle Aufmerksamkeit. Das sind Werte, die für solche Täter besonders reizvoll sind, weil sie so etwas nicht kennen. Im Gegenzug fordere ich Authentizität und Wahrheit. Wenn man sich auf dieser Brücke begegnet, kann es passieren, dass diese Täter die Begegnung tatsächlich als Chance begreifen und einen tieferen Sinn darin sehen. PW: Wie viele der Täter bereuen ihre Taten und wie vielen glauben Sie das auch? S.H.: Ich hab einen einzigen Täter kennengelernt, mit dem ich über anderthalb Jahre kommuniziert habe, von dem ich sagen kann, dass er tatsächlich diese Taten bereut. Alle anderen verstehen auf der rationalen Ebene zwar, was Reue ist. Aber sie können sie nicht empfinden. Sie haben kein Gefühl dafür. PW: Bei vielen ist dieses Nicht-Empfinden anscheinend in der Kindheit angelegt: Kaputte Familien, Missbrauch, Gewalt. Woran liegt es, dass die meisten Menschen mit Kindheitstrauma keine Serienmörder werden, andere aber schon? S.H.: Das ist die Königsfrage. Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass sich kindliche Traumatisierungen, seien es Gewalterfahrungen oder sexueller Missbrauch oder anderes, tatbegünstigend auswirken können. Aber ich glaube nicht, dass dort die primäre Ursache für solche Gewaltphänomene zu suchen ist. Im Einzelfall kann zwischen den Erlebnissen in der Kindheit und den Taten eine Kausalität bestehen, aber die kann man leider nicht verallgemeinern. Man kann also nicht sagen: Derjenige, der als Kind sexuell missbraucht wird, der macht das später auch bei anderen und bringt sie schlimmstenfalls um. Wenn wir ganz ehrlich sind, stehen wir im Bereich dieser Forschung noch ganz am Anfang. PW: Also kann auch jemand aus einer heilen Familie, der aufs Gymnasium geht und später vielleicht studiert, zum Serienmörder werden? S.H.: Wenn man sich die Gesamtbevölkerung anschaut, ist das Gros der Menschen eher in der sozialen Unterschicht angesiedelt. Und genau diese Proportionen spiegeln sich in der Täterpopulation wider. Deshalb warne ich davor zu sagen: Derjenige, der in ungünstigen Verhältnissen aufwächst, läuft eher Gefahr, Täter zu werden. Das stimmt nicht. Die meisten Täter kommen zwar aus ziemlich verkorksten Familienverhältnissen, aber das ist eben auch der größere Teil der Bevölkerung. PW: Sind Serienmörder therapierbar? Oder muss man sie bis an ihr Lebensende wegschließen? S.H.: Es ist ja sehr populär zu sagen, Gewaltverbrecher, insbesondere die "Sexbestien", gehören weggesperrt. Tatsache ist aber, dass es immer darauf ankommt, welches Maß an Persönlichkeitsstörung vorliegt oder wie gravierend die sexuelle Abweichung ist. Wenn es beispielsweise um reine Habgier geht, sind die Chancen, dass der Täter oder die Täterin später wieder in die Sozialgemeinschaft zurückgeführt werden kann, wesentlich höher. Ich kenne eine ganze Reihe von Tätern, die Serienmörder gewesen sind, die heute unter uns leben und straffrei bleiben. Auf der anderen Seite gibt es gerade im Bereich der abweichenden Sexualität, insbesondere bei sadistischen Tätern, Krankheitsbilder, die so gravierend sind, dass man beim heutigen Stand von Wissenschaft und Forschung sagen muss: Diese Täter sind nicht therapierbar, die müssen ihr Leben lang hinter Gittern bleiben. PW: Wie lange wollen Sie sich noch mit dem Thema Serienmörder befassen? Haben Sie irgendwann einmal genug davon? S.H.: Ich würde dieses Thema gerne irgendwann verlassen, aber ich sehe noch so viele Arbeitsfelder, so viele Dinge, die zu tun sind, dass ich davon ausgehe, dass mich dieses Thema ein Leben lang begleiten wird, ob ich nun will oder nicht. |