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Süddeutsche Zeitung, 21.06.2001

"Der Düsseldorfer Kriminalbeamte Stephan Harbort erforscht seit Jahren Serienmorde und hat darüber mehrere wissenschaftliche Aufsätze und ein Buch ("Das Hannibal-Syndrom") veröffentlicht. Mit Harbort sprach Joachim Käppner.

SZ: Ein 31-jähriger Altenpfleger in Bremerhaven soll mindestens fünf, womöglich noch mehr alte Frauen getötet haben. Der klassische Fall eines Serienmords?
Stephan Harbort: Hier scheint es sich um einen typischen Serienraubmörder zu handeln. Man weiß natürlich nicht, ob auch sexuelle Motive eine Rolle spielten. Serienmörder sind in der Regel planende Täter, die genau wissen was sie tun. Vor allem Sexualmörder sind manchmal auf bestimmte Opfertypen - etwa Kinder - fixiert, aber in der Regel suchen sie ihre Opfer nach einem anderen Kriterium, und zwar: Wie bekomme ich sie am leichtesten in meine Gewalt? Bei den Frauen in Bremerhaven war das einfach.

SZ: Serienmorde sind besonders verstörend, weil die Opfer zufällig ausgewählt werden?
Stephan Harbort: Üblicherweise gibt es vor einem Tötungsdelikt eine Täter-Opfer-Beziehung, Serienmörder aber suchen sich Opfer, die sie nicht kennen. Mit den üblichen Ermittlungen kommt die Polizei nicht weiter, da muss sie sich anderer Methoden befleißigen.

SZ: Zum Beispiel mit den "Profilern", also Kriminalpsychologen.
Stephan Harbort: Ja, deren Methode, die Operative Fallanalyse, ist sicher ein probates Mittel, um etwas über die Persönlichkeit des Serienmörders zu erfahren. Das gelingt aber nicht immer. Denn nicht jeder Serientäter lässt eine bestimmte "Handschrift" erkennen. Das ist bei sadistischen Serientätern so, die von Tötungsphantasien angetrieben sind und versuchen, diese umzusetzen. Bei der Mehrzahl ist das Tatmuster aber sehr schwer zu finden. Nur ein Beispiel: Mitte der achtziger Jahre gab es in Brandenburg einen jungen NVA-Soldaten, der später als Serienmörder enttarnt wurde. Sein erstes Opfer war ein 19-Jähriger, den er im Park überfiel. Das Opfer wehrte sich, und er hat es erstochen. Aber das, was der Täter eigentlich wollte, nämlich den Todeskampf genau zu beobachten, gelang ihm nicht. Also beschloss er, nur noch Kinder anzugreifen, diese zu fesseln und zu ermorden.

SZ: Sie glauben, viele Serienmorde würden nicht als solche erkannt.
Stephan Harbort: Zumindest sind sie fast gar nicht erforscht. Ich glaube, das jedes vierte serielle Tötungsdelikt noch nicht einmal als solches erkannt worden ist - wie ja auch in Bremerhaven, wo man bei den ersten Opfern von einem natürlichen Tod ausging. Da kann man der Polizei keinen Vorwurf machen: Wenn wir von einem Mord nicht wissen, können wir ihn auch nicht verfolgen.

SZ: Das heißt aber: Es gibt mehr Serienmorde, als die Öffentlichkeit glaubt?
Stephan Harbort: Ja, das mit Sicherheit. Wir müssen aber vorsichtig bleiben. Serienmorde sind ein seltenes Phänomen, aber eben nicht so ein seltenes, wie man hier zu Lande glaubt. In Deutschland sind es etwa ein Prozent aller Tötungsdelikte, bei Raub- und Sexualmorden aber immerhin 8,4 Prozent - und das sind nur die Zahlen ohne die ungeklärten Fälle.

SZ: Wie viele Serienmörder gehen Ihrer Meinung nach derzeit um?
Stephan Harbort: Ich ahne ihre Schlagzeile. Nach meinen Forschungen wurden zwischen 1945 und 1995 22 Mordserien gar nicht aufgeklärt. Allein in den letzten zwölf Jahren sind acht Mordserien nachweislich ungeklärt geblieben, also solche, wo zwei oder mehr Sexualmorde nicht im Zusammenhang gesehen wurden. Und solche Täter hören nicht einfach auf. Ich gehe davon aus, dass zwischen fünf und sieben Serienmörder auf freiem Fuß sind. Es kann natürlich sein, dass der eine oder andere wegen anderer Taten im Gefängnis sitzt oder verstorben ist, ohne dass die Polizei dies weiß.

SZ: Wie der Kindermörder in Dürrenmatts "Das Versprechen"...
Stephan Harbort: Ja, genau. Und diese Täter haben etwa 35 bis 40 Morde begangen.

SZ: Das Bundeskriminalamt hält diese Zahlen für viel zu hoch.
Stephan Harbort: Dann sollen sie den Gegenbeweis führen. Ich habe alle einschlägigen Akten studiert, meine Zahlen sind belegt und gesichert. In einem Aufsatz von 1999 bin ich von acht frei herumlaufenden Serienmördern ausgegangen. Seither sind allein sechs weitere aktive Serientäter festgenommen worden, deren Taten keinen Zusammenhang mit denen der acht Genannten hatten. Es waren also noch mehr, als ich belegen konnte."


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