Pressespiegel Interviews SPIEGEL online, 15.08.2008 Das Interview führte Jörg Diehl SERIENKILLER-BUCH "Lotterie des Todes" Weiblich, ledig, arglos: Der Kriminalist Stephan Harbort analysiert in seinem neuen Buch, was für Menschen deutschen Serienmördern zum Opfer gefallen sind. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Polizist nun erstmalig darüber, welche Personen wo und wann besonders gefährdet sind. SPIEGEL ONLINE: Herr Harbort, Sie haben Ihr neues Buch "Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer" Ihrer Tochter mit den Worten gewidmet: "Mögest du niemals erfahren, was es heißt, Opfer zu sein." Als Leser zuckt man unwillkürlich zusammen, liest man diesen Satz. Ist er Ihnen als Vater schwer gefallen? Harbort: Ganz eindeutig. Aber ich habe eine erwachsene Tochter, die schon mehrfach Opfer von Straftaten geworden ist, unter anderem wurde sie beraubt und dabei schwer verletzt, und daher weiß ich, wie sehr so etwas an einem Kind nagen kann. Mein größter Wunsch ist es, dass Amelie diese Erfahrung erspart bleiben wird. SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Ihr Buch 107 Menschen befragt, die Serienmördern begegnet sind und unvorstellbare Grausamkeiten überlebt haben. Welches war für Sie das bewegendste Gespräch? Harbort: Die Frage ist kaum zu beantworten. Jedes dieser Schicksale ist mir nahe gegangen und bedeutete sowohl für mich als auch für meinen jeweiligen Gesprächspartner emotionale Schwerstarbeit. Aber vielleicht war es doch das Interview mit einem der Täter, einem jungen Mann, der mehrere ältere Frauen kaltblütig umgebracht hatte, um sie ausrauben zu können. SPIEGEL ONLINE: Was war das besondere an dieser Unterhaltung? Harbort: Der Mörder berichtete mir, wie er eines Tages eine Frau und ihre Tochter bis in ein Treppenhaus verfolgt hatte, um sie zu töten. Vor der Wohnung seiner Opfer hockend, hörte er aber, wie eine der beiden begann, Klavier zu spielen. Plötzlich habe er, so sagte mir der Killer, ein Gefühl gehabt für diese Menschen, deren Leben er beenden wollte. SPIEGEL ONLINE: Und da hat er sie verschont? Harbort: Genau. Dieses Bild der beiden Frauen, die nichtsahnend um ihr Leben Klavier spielten, ist mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen. SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch soll es vor allem um die Opfer gehen. Wie leben diese Menschen inzwischen, die den Killern entkommen konnten? Harbort: Zumeist bleiben sie seelisch schwer beschädigt zurück. Zum einen ist die Todesnähe eine so beeindruckende Erfahrung, dass man eigentlich nie darüber hinwegkommt. Zum anderen lässt sich auch das erniedrigende Gefühl, dem Willen eines anderen Menschen vollständig ausgeliefert gewesen zu sein, kaum verarbeiten. Alle Opfer haben mir gesagt, dass sie sich noch immer mit der quälenden Frage beschäftigen: Warum gerade ich? SPIEGEL ONLINE: Und gibt es darauf eine Antwort? Harbort: Keine befriedigende jedenfalls. Es ist in vielen Fällen eine Lotterie des Todes, wenn man so will, manche nennen es auch Schicksal oder einfach Pech. Das klingt hart, aber so ist es. SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich denn mit den Opfern von Schwerverbrechern befasst? Was wollten Sie herausfinden? Harbort: Wenn man sich mit Serienkillern beschäftigt, so wie ich es seit Jahren tue, stellt man fest, dass sie nur unter besonderen Umständen töten, dazu gehört auch das spezifische Verhalten der Opfer. Ein Mann, der viele Frauen umgebracht hat, erzählte mir, es sei ihm bei seinen Taten nur um das Gefühl gegangen, mächtig zu sein und die Angst in den Augen seiner Opfer zu sehen. Nun sei er aber Frauen begegnet, die hätten ihn in den Arm genommen und mit ihm über seine Probleme sprechen wollen. Da sei er sich so klein und mies vorgekommen, dass er schnell das Weite gesucht habe. SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr Tipp? Immer schön nett sein zum bösen Mann? Harbort: Im Einzelfall kann genau dieses den Täter überraschende und ihn überfordernde Verhalten richtig sein. Man kann jedoch keine grundsätzlichen Verhaltensregeln aufstellen, dafür reagieren Täter und Opfer in diesen hochemotionalen Momenten zu individuell aufeinander. Konkret: Ich kann nicht sagen, dass es sich beispielsweise empfiehlt, beim ersten Täter-Opfer-Kontakt heftigste Gegenwehr zu leisten. Das hat in einer ganzen Reihe von Fällen funktioniert, in vielen anderen aber auch nicht, weil es bei diesen Männern alles nur noch schlimmer gemacht hat. SPIEGEL ONLINE: Nichts Genaues weiß man also nicht. Harbort: So pauschal würde ich das nicht sagen. Wir sind nicht in der Physik, es gibt keine Naturgesetze, nach denen die Menschen zu handeln gezwungen sind. Daher möchte ich zunächst erreichen, dass die Leser meines Buches genau darüber nachdenken, welche Angriffsflächen sie Straftätern anbieten, wo sie sich unvernünftig oder unüberlegt verhalten - und deshalb verletzbar sind. Wer hier selbstkritisch ist, tut eine Menge für seine Sicherheit. SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie handeln, stünden Sie einem Mann gegenüber, der Ihnen offenkundig Schlimmes antun will? Harbort: Ich würde mich zunächst einmal abwartend verhalten und versuchen, eine persönliche Beziehung zwischen mir und dem Täter herzustellen. Ihm soll dadurch bewusst werden, dass er es mit einem Individuum zu tun hat. Aber noch einmal: Ich weiß auch nicht, ob ich mich damit in jedem Fall retten könnte. Es ist aber wahrscheinlicher, dass es auf diese Weise klappt. Mein Gegenüber müsste in mir einen Menschen sehen. Mich zu töten, würde ihm daher erheblich schwerer fallen. Illusion der eigenen Unverwundbarkeit SPIEGEL ONLINE: In der Bundesrepublik wurden seit dem Zweiten Weltkrieg 155 Mordserien gezählt mit 674 Opfern. Welche Menschen waren und sind besonders gefährdet? Harbort: Da muss man sehr vorsichtig sein. Ich habe in meiner Arbeit konkret gefragt, gibt es bestimmte Merkmale, die für den Täter ausschlaggebend waren, dieses Opfer zu attackieren. SPIEGEL ONLINE: Und? Harbort: In der Mehrzahl der Fälle sind die Opfer von Serienmördern weiblich, ledig und stammen eher aus dem sozial schwachen Milieu. Daraus sollte man jedoch keine Kausalität herleiten und sagen, wer diese Merkmale auf sich vereint, der ist besonders gefährdet. Dafür sind sie zu unspezifisch, außerdem spielt der Zufall eine zu große Rolle. SPIEGEL ONLINE: Kennen sich Opfer und Täter für gewöhnlich? Harbort: Nein, das ist die Besonderheit bei Serientätern. Üblicherweise hat man es bei Mord- oder Totschlagsdelikten mit Beziehungstaten zu tun, das ist hier in mehr als 80 Prozent der Fälle nicht so. So wird auch erklärbar, warum die Täter ihre Tötungshemmungsfunktion außer Kraft setzen können. Viele Killer haben mir gesagt, es muss unbedingt ein Fremder sein, nur so seien sie in der Lage, das Opfer nicht als Menschen wahrzunehmen, sondern als Objekt ihrer Begierde. SPIEGEL ONLINE: An welchen Orten schlagen Serientäter häufig zu? Harbort: In erster Linie, und das wird vielleicht manchen Leser überraschen, sind Menschen in der eigenen Wohnung und am Arbeitsplatz gefährdet. Das hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass man sich an diesen Orten sehr sicher fühlt. Und daraus leitet man eben die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit ab. Man glaubt, bisher ist nichts passiert, und das wird auch so bleiben. Man wird angreifbar. SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich sonst leben? Harbort: Berechtigter Einwand. Man kann natürlich nicht fortwährend unter Hochspannung durch die Welt gehen und sich permanenter Gefahr ausgesetzt sehen - aber man sollte eben auch nicht allen Menschen und Lebenssituationen kritiklos und allzu naiv gegenübertreten. Es muss ein jeder für sich einen vernünftigen Kompromiss finden und sich entscheiden, was ihm seine persönliche Sicherheit wert ist und was er dafür einsetzen will. SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, pseudowissenschaftlich vorzugehen. Die Verbrechen würden in Ihren Büchern zwar detailliert geschildert, aber zu wenig analysiert. Der Erkenntnisgewinn Ihrer Werke sei daher gering... Harbort: Moment! Mein Buch ist kein Fachbuch, sondern ein Sachbuch. Mir geht es zunächst einmal darum, mein kriminalistisches Expertenwissen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und zwar nicht als Fachchinesisch. Dass ich deshalb in bestimmten Kreisen angreifbar bin, nehme ich aber gerne in Kauf. SPIEGEL ONLINE: "Es gibt keine Opfer ohne Täter. Und es gibt keine Täter ohne Opfer", ist in Ihrem Buch zu lesen. Und: Opfer einer Straftat zu werden, werde auch durch Persönlichkeit, Erfahrung und Lebensführung des Opfers bestimmt. Klingt ein bisschen nach der Devise: Sie sind selbst schuld, oder? Harbort: Es geht hier nicht um Schuld, dieser Begriff ist ganz unpassend. Die meisten Opfer sind ganz unvermittelt in eine solche Situation geraten, man kann ihnen bei kritischer Betrachtung keinen Vorwurf machen. Es gibt aber auch Fälle, in denen Opfer sich unglücklich verhalten haben und erst hierdurch in Gefahr gekommen sind. Diese unterschiedlichen Täter-Opfer-Konstellationen und ihre Folgen können sehr lehrreich sein. SPIEGEL ONLINE: Die meisten Taten, die Sie in Ihrem Buch sehr detailliert erzählen, sind sexuell motiviert. Für die wahrscheinlich mysteriöseste Mordserie Europas, in deren Verlauf ein Unbekannter türkische Kleinunternehmer erschossen hat, gilt das nicht. Wie erklären Sie sich die "Spur der Ceska"? Harbort: Das ist ein großes Rätsel. Dennoch: Wenn ich mir den Tatbestand von außen anschaue, meine ich, in der Auswahl der Opfer eine hohe Symbolik und eine tiefe Emotionalität zu erkennen. Diese Männer sind vielleicht stellvertretend attackiert worden, das heißt, es gibt möglicherweise jemanden, der in einer fatalen Dreiecksbeziehung lebt, aus der er nicht ausbrechen kann. Diese Konstellation geht aber mit einer für den Täter unerträglichen Herabsetzung einher. Er tötet seine Opfer daher anstelle des Aggressors, auf den er nicht einwirken kann. So etwas hat es in der Kriminalgeschichte schon gegeben. SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst einmal von einer Horde Rowdys verprügelt worden, weil Sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Spielt dieses Erlebnis heute noch eine Rolle für Sie? Harbort: Von 20 Leuten zusammengeschlagen zu werden, ist nicht lustig. Ich hatte Todesangst, auch wenn mein Leben wahrscheinlich nicht in Gefahr war. Das Erlebnis habe ich verarbeitet, es quält mich heute nicht mehr, aber ich kann seither gut nachvollziehen, wie Menschen sich fühlen, die zu Opfern werden. |