Pressespiegel Interviews Tagesanzeiger (Schweiz), 12.03.2009 Frauen morden anders Sie agieren still und kaltblütig: wie Frauen morden, weiss Stephan Harbort, Deutschlands bekanntester Ermittler. Er hat gerade ein Buch zum Thema geschrieben und sprach mit Tagesanzeiger.ch/Newsnetz über die Gründe. Tagesanzeiger: Nach welchem Muster morden Frauen? Stephan Harbort: Ja, Frauen morden viel geplanter. Sie töten fast ausschliesslich im sozialen Umfeld, vornehmlich ihren Intimpartner. Und sie gehen dabei anders vor, als Männer. Beispielsweise legen sie die Tat bevorzugt so an, dass der Mord nicht ohne weiteres als solcher erkannt wird und verwischen die Spuren sorgfältig. So verwenden sie etwa Medikamente oder Gift, so dass der Tod zunächst als natürliches Ereignis interpretiert werden kann. Worauf führen Sie diese besondere Heimtücke zurück? Das hat sicher auch damit zu tun, dass Frauen schon rein körperlich unterlegen sind. Mir roher Gewalt zu agieren ist für sie wenig aussichtsreich und so müssen sie eine solche Tat von Anfang an umsichtig planen, um erfolgreich zu sein. Unterscheiden sich auch die Motive von Mördern und Mörderinnen? Auf den ersten Blick nicht. Bei beiden Geschlechtern handelt es sich bei 80 Prozent der Fälle um Beziehungsdelikte. Allerdings gibt es hier auch entscheidende Unterschiede: Männer begehen tendenziell eine Tat, weil sie etwas behalten möchten, weil sie zum Beispiel nicht verlassen werden wollen. Sie sind sich bewusst, dass sie die Frau nicht töten sollten, aber sie wissen, dass sie sie sowieso verlieren werden. Also sagen sich: Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie auch kein anderer haben. Frauen dagegen haben meistens eine Perspektive, einen anderen Partner beispielsweise, oder einen Beruf. Sie morden eher, um ihren Intimpartner loszuwerden. Haben Frauen eine bevorzugte Mordwaffe? Das sind eindeutig die Fremdsubstanzen, als Gift. Oft werden Substanzen aus dem beruflichen, sozialen und persönlichen Umfeld genommen, je nachdem, ob jemand als Ärztin, Hausfrau oder Pflegerin arbeitet. Zu beobachten ist auch, dass die Medienberichterstattung einen gewissen Einfluss auf die Wahl des Mittels hat. Eine Zeit lang wurde beispielsweise über das Pflanzenschutzmittel E6105 berichtet, worauf dieses Mittel auch vermehrt bei Delikten auftauchte. Warum werden Frauen meist erst nach langen Ermittlungen gefasst? Weil es eben anfangs oft nicht klar ist, dass überhaupt ein Tötungsdelikt vorliegt. Wenn ein Arzt etwa einen Tod feststellen muss und da sitzt eine untröstliche Ehefrau, die er vielleicht sogar kennt, die einen tadellosen Leumund hat und gut integriert sit. In dieser Situation wird der behandelnde Arzt nicht vermuten, dass ein Mord vorliegen könnte. Das mag auch damit zu tun haben, dass wir dazu neigen, alles in bekannte Schemata einzuordnen, dass wir also tendenziell nicht von einer Ausnahmesituation ausgehen. Darauf spekulieren Mörderinnen natürlich auch und da rutschen dann auch gewisse Fälle durch. Dann gibt es also eine hohe Dunkelziffer bei von Frauen begangenen Morden? Das ist eindeutig so. Man kann davon ausgehen, dass jede zweite Tat unentdeckt bleibt - wahrscheinlich sogar noch mehr. Das ist erstaunlich! Nein, es ist folgerichtig. Wenn man sich beispielsweise die Zahlen bei Serienmorden ansieht; ist der Täter ein Mann, dauert es im Schnitt 2 Jahre, bis er gefasst wird. Bei den Frauen dauert sind es ganze sechs Jahre. In ihrem Buch sagen Sie: Männer töten, um Grenzen zu überschreiten, Frauen, um Grenzen zu ziehen. Was meinen Sie damit? Bei den Männern ist die Ausgangslage meist so, dass sie Dinge nicht tun können, die sie gerne tun würden. Sie töten, um sich aus dieser Situation zu befreien. Frauen morden eher aus einer Verteidigungsposition heraus, zum Beispiel, wenn ein Mann seiner Frau Vorschriften macht, ihr vorgibt, was sie tun darf und was nicht. Wenn eine Frau dem beispielsweise eine Grenze setzen will, sich mit herkömmlichen Mitteln aber nicht wehren kann, ist das eine Situation, die zu einem Mord führen kann. Gibt es ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil von Mörderinnen? Jein. Die Taten und Motivationen sind zu unterschiedlich, um von einem bestimmten Persönlichkeitsprofil ausgehen zu können. Andererseits gibt es Elemente, die in den meisten Fällen eine Rolle spielen: Es liegt immer ein gewisser Narzissmus vor, die eigenen Bedürfnisse werden höher eingeschätzt, als die Rechte der andern. Ebenfalls auffällig ist ein oft schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl, fehlende Ichstärke, weshalb diese Frauen nicht in der Lage sind, sich mit konventionellen Mitteln aus ihrer Situation zu befreien. Es gab bestimmte historische Phänomene wie die RAF oder die Sekte von Charles Manson, bei denen vor allem Frauen mordeten. Haben Sie dafür eine Erklärung? Das sind natürlich immer spezielle Situationen. Aber auch in diesen Fällen waren es meistens Frauen mit Mangel an Selbstwert, die sich von einem starken Mann, von einem, der alles hat, was einem selbst fehlt, beeinflussen liessen. Das gibt es auch umgekehrt. |