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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 2.10.2004

Der Fall Kroll ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Kürzlich ist erstmals ein Buch darüber schienen. Geschrieben hat es der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort.

WAZ: Herr Harbort, in Ihrem Buch versetzen Sie sich passagenweise in den Täter. Dadurch lassen Sie ihn sehr menschlich erscheinen. Ist das für einen Serienmörder angemessen?
Harbort: Damit breche ich sicherlich ein Tabu, das ist aber durchaus beabsichtigt. Kroll befand sich in einer Sackgassen-Situation.

WAZ: Was heißt das?
Harbort: Er konnte seine Wünsche nicht artikulieren. Es war niemand da, mit dem er darüber sprechen konnte.

WAZ: Aber mit wem sollte man auch darüber sprechen, Frauen und Kinder umzubringen?
Harbort: Nein, bis 15 oder 16 Jahren hatte er den ganz normalen Wunsch, sich einer Frau zu nähern. Doch Sex war eine verminte Tabuzone in seiner Familie. Es gelang ihm nie, einen halbwegs normalen und befriedigenden Kontakt zu Frauen zu bekommen. Und aus dieser Verklemmung hat er sich förmlich herausgemordet

WAZ: Und wenn er mit jemanden hätte reden können ...
Harbort: ... dann wäre er nicht zum Verbrecher geworden. Er hatte nie eine Vertrauensperson im Leben. Kroll war immer einer, den man an die Wand gedrängt hat. Sein tiefer Groll hat sich irgendwann in krimineller Energie entladen.

WAZ: Ihr Buch trägt den Untertitel "Anatomie eines Jahrhundert-Mörders". Ist das nicht ein Bisschen reißerisch?
Harbort: Der Fall Kroll hat Kriminalgeschichte geschrieben und ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Der Titel ist aber auch ein Zugeständnis an den Buchmarkt, ein Kompromiss.


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