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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 28.12.2007

Sie wollen Macht ausüben

Im Rückblick auf die sicher ungewöhnlichste Lesung des Jahres während der "Langen Nacht der Bibliotheken" spricht der Kriminalist und Sachbuchautor über seine Gespräche mit Serienmördern

DAS GROSSE WAZ-INTERVIEW MIT KRIMINALHAUPTKOMMISSAR STEPHAN HARBORT

Beklemmende Einblicke in die Gedankenwelt von Schwerverbrechern gab Stephan Harbort seinem Dorstener Publikum während der "Langen Nacht der Bibliotheken". Die sicher ungewöhnlichste Lesung des Jahres präsentierte Auszüge aus seinen Büchern "Das Serienmörder-Prinzip" und "Ein unfassbares Verbrechen - der Fall Monika F.".
Für die WAZ sprach Judith Abel mit dem Kriminalhauptkommissar.

Im Buch "Das Serienmörder-Prinzip" stellen Sie die Frage "Was zwingt einen Menschen zum Bösen?" Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Stephan Harbort: Die meisten der Täter, die in meinen Büchern zu Wort kommen, hatten Probleme in ihrer Kindheit, einschneidende Erlebnisse in ihrem sozialen Umfeld und gravierende Persönlichkeitsstörungen. Jedoch prägen solche Rahmenbedingungen wesentlich mehr Menschen, die dennoch nicht zum Mörder werden. Und genau hier liegt das Problem. Ich bin nicht in der Lage, diesen Tätertyp so speziell zu beschreiben, dass er sich von Teilen der nicht-kriminellen Bevölkerung signifikant unterscheidet. Und es gibt auch nicht nur eine Ursache für dieses extreme Gewaltverhalten. Es existiert also nicht nur ein Weg, der zum Serienmord hinführt. Aber gerade das ist eine wichtige Erkenntnis, an der weitere Forschung anknüpfen kann und sollte.

WAZ: Sind Sie bei ihren Recherchen auf gemeinsame biografische Elemente verschiedener Täter gestoßen?

Stephan Harbort: Natürlich gibt es Merkmale, die man häufig findet, zum Beispiel: männlich, ledig, zwischen 20 und 40 Jahre alt, Schul- und Berufsversager, Einzelgänger, vorbestraft. Allerdings gibt es den Prägnanztyp Serienmörder eigentlich nicht, ich habe nämlich kein Merkmal gefunden, das allen Tätern gemein ist. Auf der einen Seite kann man die Täter nach ihrer Motivation ganz gut unterscheiden, beispielsweise in Sexual-, Raub- oder Beziehungstäter. Wenn man sich dann aber die Persönlichkeitsmerkmale und sozialen Verhaltensmuster dieser Täter anschaut, stellt man überrascht fest, dass es überwiegend keine signifikanten Übereinstimmungen gibt. Ausnahme sind die sadistischen Täter - deren Persönlichkeits- und Verhaltensprofil ist recht stabil.

WAZ: Was empfinden Sie bei einem Gespräch mit einem Mörder?

Stephan Harbort: Meine Erfahrungen bei Interviews mit den Tätern sind unterschiedlich: Einige erzählen mir auch intimste Dinge, andere wollen nur über das Wetter palavern. Ich sehe Menschen höhnisch und menschenverachtend grinsen oder lachen, aber auch stottern und weinen. Jede Begegnung verläuft anders, aber stets muss emotionale Schwerstarbeit geleistet werden - auf beiden Seiten. Ich bewerte dabei nicht, ich begutachte nicht, und ich urteile nicht. Ich höre einfach nur zu. Und die Täter ergreifen dann die für sie einmalige Gelegenheit, sich alles von der Seele zu reden. Sie wissen meine Unvoreingenommenheit und Aufmerksamkeit nämlich zu schätzen.

WAZ: Welches Verhalten erwarten die Täter dabei von Ihnen?

Stephan Harbort: Ich bemühe mich darum, in diesen für beide Seiten sehr gefühlsbetonten und schwierigen Situationen Emotionen weitestgehend auszuschließen. Schließlich erwarte ich von meinem Gesprächspartner, dass er eine Art Seelen-Striptease macht. Da darf ich ihm nicht das Gefühl geben, er sei bloßes Mittel zum Zweck. Ich bekomme also nur dann Zugang zu diesen Menschen, wenn ich ihnen ehrlich und vor allem vorurteilsfrei gegenübertrete. Die Täter haben für solche Dinge eine sehr feine Antenne. Wenn ich Objektivität, Unvoreingenommenheit und professionelle Distanz nicht vorleben würde, käme ich keinen Schritt voran. Denn solche Menschen sind nicht selten Meister der Täuschung und Tarnung, denen kann man da nicht mehr viel vormachen, die würden mich relativ schnell durchschauen. Und das würde das Ende all meiner Bemühungen bedeuten. Allerdings muss ich gestehen, dass ich manchmal auch Mühe habe, Verständnis aufzubringen, insbesondere wenn es um den gewaltsamen Tod von Kindern geht - obwohl ich eine solche Opferunterteilung zynisch finde. Hass habe ich bei solchen Begebenheiten noch nie empfunden - Abscheu schon eher.

WAZ: Wie beurteilen Sie literarische Serienmörder-Gestalten?

Stephan Harbort: Ich beurteile eher die Autoren, die Schöpfer dieser meistens merkwürdigen und stereotypen Kreaturen. Nicht selten sehe ich da eine gewisse Faszination für dieses Thema mitschwingen. Faszinieren kann Menschen dieses Thema allerdings nur, wenn sie zu wenig wissen. Das ist bei mir anders. Wer nur einmal gesehen hat, wie ein kindliches Verbrechensopfer obduziert wird, wer nur einmal miterlebt hat, wie es ist, den Eltern den Tod des Kindes mitzuteilen, der empfindet alles - nur eben keine Faszination. Es ist eher eine immer wiederkehrende Tragödie. Und genau so etwas zu vermeiden helfen, motiviert mich.

WAZ: Wie sollten wir uns als potenzielle Opfer verhalten?

Stephan Harbort: Grundsätzlich sollte man sich davor hüten, die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit zu pflegen. Jeder kann zum Opfer werden, egal wann, egal wo. Besonders verwundbar sind die Menschen genau dort, wo sie sich am sichersten fühlen, nämlich in den eigenen vier Wänden.

WAZ: Gibt es Möglichkeiten sich zu schützen?

Stephan Harbort: Kritisch überprüft werden sollten die persönlichen Alltagsroutinen, in denen man sich bewegt, denn genau dort trifft man auf den Täter. Weil wir uns dort sicher fühlen, verhalten wir uns besonders unachtsam oder leichtsinnig - mit fatalen Folgen. Wenn es trotz aller Vorsicht dennoch zu einer Konfrontation kommt, sollte man versuchen, sich so zu verhalten, wie es der Täter nicht erwartet, Dinge tun, die ungewöhnlich sind und den Täter irritieren - den Täter also überraschen und aus dem Konzept bringen. Leider gibt es für solche Situationen kein Patentrezept.

WAZ: Kann man bei Serienmördern von einem "Tatmotiv" sprechen?

Stephan Harbort: Während die Täter unterschiedliche Motive und ihre Verbrechen überwiegend ein individuelles Gepräge haben, verfolgen sie doch alle dasselbe Ziel: rechenschaftslose Handlungsherrschaft, sie wollen Macht ausüben. Allerdings ist die Verfügungsgewalt immer auf den Augenblick der Tat beschränkt. Denn die soziale Identität und Autorität ist ausschließlich die des Mörders. Entweder wird der Moment der Macht missbraucht, um ferner liegende Bedürfnisse zu befriedigen oder aber die Tathandlung selber stillt das eigene Machtverlangen unmittelbar, nämlich das Opfer körperlich oder seelisch zu demütigen und über Leben und Tod eines anderen Menschen selbstherrlich entscheiden zu können. Verkürzt könnte man es auch so sagen: Der Versager ist tot, es lebe der Mörder!


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