Pressespiegel Rezensionen Begegnung mit dem Serienmörder - Jetzt sprechen die Opfer Tagesanzeiger (Schweiz), 12.03.2009 Sie nahm den Serienmörder in den Arm - er suchte das Weite Bei Lucie dreht sich alles um den Täter. Der deutsche Kriminologe Stephan Harbort dagegen verfasste eine Studie über die Opfer und darüber, mit welchen Strategien diese sich hätten befreien können. Der Fall Lucie, der Parkplatzmord in Volketswil, ein Amoklauf in Deutschland: Solche Taten erregen nicht nur grosse öffentliche Aufmerksamkeit und allgemeines Entsetzen, sondern provozieren auch immer wieder die Frage nach den Tätern. Wie können Menschen nur so etwas tun? Auf der Strecke bleiben dabei die Opfer - wie sie sich verhalten haben und hätten verhalten können. Überlebensstrategien Der deutsche Kriminologe Stephan Harbort beschäftigte sich in sechzehnjähriger Forschungsarbeit mit genau dieser Frage und verfasste eine Studie zu Opfern von Serienmördern. Es ging ihm dabei einerseits um Formen der Kommunikation, die zwischen Opfer und Tätern stattfindet und wie die Opfer diese für ihre Zwecke nutzen können. Andererseits aber auch um die Frage, ob es eventuell Verhaltensmuster gibt, die Täter davon abhalten könnten, ihr Vorhaben auszuführen. Wie also soll man sich beispielsweise verhalten, wenn man einem potenziellen Serientäter gegenüber steht? Statistisch gesehen erwies sich die heftige Gegenwehr als erfolgreichste Überlebensstrategie - in 36 Prozent der untersuchten Fälle brachen die Täter dadurch ihren Tötungsversuch ab. Ein nur halbherzig vorgetragener Widerstand hingegen führte in 60 Prozent der Fälle kein einziges Mal zur Abwehr der Täter. Harbort: "Ich kann nicht sagen, dass es sich beispielsweise empfiehlt, beim ersten Täter-Opfer-Kontakt Gegenwehr zu leisten. Das hat in einer ganzen Reihe von Fällen funktioniert, in vielen anderen aber auch nicht." Schliessen lasse sich aus der Statistik aber Folgendes ableiten: Wer sich gegen einen Angreifer wehrt, sollte dies mit aller Entschlossenheit und allen Mitteln tun. Unerwartete Verhaltensweisen verwirren Solange der Täter jedoch noch keine Gewalt angewendet hat und beeinflussbar erscheint, empfiehlt es sich, so Harbort, genau zu beobachten, wie der Täter sich verhält und welche Absichten er verrät. Welche Strategie nämlich die richtige ist, sich aus einer lebensbedrohenden Situation zu befreien, hängt von der Persönlichkeitsstruktur des Täters, seiner Tatplanung und seinen Zielen ab. Serienmörder sind bei der Anbahnung eines Verbrechens höchst empfindsam und können sich bei unerwarteten Verhaltensweisen und Äusserungen der Opfer mässigen oder gar kapitulieren. Harbort: "Ein Mann, der viele Frauen umgebracht hat, erzählte mir, es sei ihm bei seinen Taten nur um das Gefühl gegangen, mächtig zu sein und die Angst in den Augen seiner Opfer zu sehen. Nun sei er aber Frauen begegnet, die hätten ihn in den Arm genommen und mit ihm über seine Probleme sprechen wollen. Da sei er sich so klein und mies vorgekommen, dass er schnell das Weite gesucht habe." Die Grundregeln Gefragt ist von einem potenziellen Opfer also eine möglichst genaue Einschätzung der Situation und eine entsprechende Reaktion darauf. Ganz allgemein, so Harbort, seien die meisten Menschen jedoch zu sehr davon überzeugt, dass Opfer von Gewaltverbrechen selber schuld seien und einem selber so etwas nicht passieren kann. "Aber gerade die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit verleitet dazu, sich unvernünftig und unüberlegt zu verhalten. Wer hier selbstkritisch ist, tut eine Menge für seine Sicherheit." Konkret heisst das: Möglichst nicht alleine unterwegs sein, sich nicht von Fremden ansprechen lassen; nicht mitgehen; nicht mitfahren. Manchmal lässt sich der Täter auch mit den eigenen Waffen schlagen; 62 Prozent der Täter manipulieren ihre Opfer, locken sie durch Kommunikation und List in eine Falle. Das kann auch umgekehrt funktionieren, etwa indem ein potenzielles Opfer den Täter glauben macht, jemand wisse über ihren Aufenthaltsort Bescheid, so dass der Täter entdeckt werden könnte. In jedem Fall gilt: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. |