Pressespiegel Rezensionen Wenn Frauen morden Neues Deutschland, 23.09.2008 Von Martin Koch Wenn Frauen töten Vom weiblichen Geschlecht begangene Straftaten sind schwerer aufzuklären Sie sei immer eine liebevolle Mutter und Großmutter gewesen, erinnerten sich die Kinder und Enkel von Maria V. aus Kempen, die vor Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Grund: Maria V. hatte fünf Menschen mit dem Pflanzenschutzmittel E 605 vergiftet: ihren Vater, eine Tante, zwei Ehemänner und einen Lebensgefährten. Die Mordserie erstreckte sich über einen Zeitraum von fast 20 Jahren. Denn kein Arzt dachte beim Betrachten der Leichen an ein Verbrechen, so dass die offizielle Todesursache jedes Mal "Herzversagen" lautete. Und hätte Maria V. sich im Zorn nicht selbst verraten, wären ihre Mordtaten vielleicht nie aufgedeckt worden. Zumal Frauen laut Statistik relativ selten in krimineller Absicht töten und daher auch seltener in Verdacht geraten. Tatsächlich gehen von den Millionen Straftaten, die jährlich in Deutschland verübt werden, etwa 75 Prozent auf das Konto von Männern. Bei Körperverletzung und Mord beträgt der männliche Anteil sogar über 85 Prozent. Dennoch: Die restlichen knapp 15 Prozent der Gewalttäter sind weiblichen Geschlechts. Bleibt die Frage, warum Frauen überhaupt morden? Der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort hat mit männlichen und weiblichen Straftätern gesprochen. Sein Resümee: "Männer morden, um zu beherrschen und zu vernichten, während Frauen töten, um sich nicht beherrschen zu lassen." Auch Maria V. wurde von ihrem Vater und ihren Ehepartnern jahrelang gequält und gedemütigt, was ihre Taten zwar nicht rechtfertigt, aber zumindest erklärbar macht. "In den meisten Fällen befinden sich die Täterinnen in einer privaten oder beruflichen Sackgassensituation", meint Harbort, "die sie nur durch die Tötung des Opfers glauben auflösen zu können." Doch anders als Männer, die häufig mit brutaler Gewalt töten, setzen Frauen nur selten ihre ohnehin geringeren Körperkräfte ein. Stattdessen bereiten sie ihre Taten gründlicher vor, was wiederum dazu führt, dass von Frauen begangene Verbrechen in der Regel schwerer aufzuklären sind als männliche Gewaltdelikte. Frauen können somit als die "klügeren Täter" gelten - und müssen dafür extra büßen. Denn eine sorgsam geplante Tötung wird oft mit besonderer Gefühlskälte assoziiert und provoziert in der Öffentlichkeit den Ruf nach einer härteren Bestrafung. Hinzu kommt, dass eine gewalttätige Frau stark vom weiblichen Idealbild unserer Gesellschaft abweicht. Einem Mann indes gesteht man ein gewisses Gewaltpotenzial zu. Dass solche Denkmuster auch im Selbstbild der Geschlechter zum Ausdruck kommen, belegt eine Umfrage unter 60 000 Bundesbürgern. Danach finden Frauen zwar nichts dabei, beim Kartenspiel hin und wieder zu mogeln. Allerdings lehnen es die meisten kategorisch ab, einen wie auch immer gearteten Konflikt gewaltsam zu lösen. Für Männer hingegen ist Falschspielen ein unentschuldbares Vergehen. Jedoch würden über 25 Prozent der Befragten vor Gewalt nicht zurückschrecken, wenn sie dadurch einen Vorteil erzielen könnten. |