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Rezensionen

Das Hannibal-Syndrom

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DIE ZEIT, 22.03.2001 (Sabine Rückert)

Ins Herz der Finsternis
Kriminalkommissar Stephan Harbort spürt den Serienmördern nach


Mörder sind tolle Leute. Jeder hat sie gern. Jeden Abend dürfen sie im Fernsehen ihrem blutigen Handwerk nachgehen zur Unterhaltung von Millionen. Und wenn sie mehr als einen schlachten, dann kommen sie sogar ins Kino. Hannibal ist ausverkauft.

Der Serienmörder im Filmzuschnitt ist der Grausam-Sensible, von krimineller Energie Berstende, der ganze Mordkommissionen 150 Minuten lang in Atem hält und zum Ende des Dramas entweder, eingekreist von Helikoptern, umstellt von Fragen, Aug in Aug mit einer schönen Beamtin im Feuerwerk der Dialoge, sich sein Geheimnis entlocken lässt oder dank seiner Genialität doch noch einmal entkommt. Ein letztes Mal vielleicht. Ach, wie herrlich er sein kann, der gewaltsame Tod. Ach, wie aufregend sie sind, die Halsabschneider.

Ein Polizist aus Düsseldorf hat ein Buch geschrieben: Das Hannibal-Syndrom. Es handelt von den Serienmördern, die in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ihr Unwesen trieben. Und Stephan Harbort, der Autor, kennt sie alle. 75 Personen sind es, die für mindestens drei - in der Regel weit mehr - vollendete Mordtaten einsitzen oder einsaßen, bis der Tod sie befreite. Nicht eingerechnet sind jene über 100, denen man von einer vermuteten Serie nur eine oder zwei Taten nachweisen konnte, und auch nicht die 22 Mordserien, bei denen der Täter nie gefasst worden ist.

Harbort sichtete mehrere hunderttausend Seiten Material, er hat die vergangenen Jahre damit zugebracht, Polizeiakten auszugraben, Obduktionsberichte, Vernehmungsprotokolle, Anklageschriften, psychologische Gutachten und Urteile zu lesen, den Verurteilten zu schreiben und manche zu besuchen. Er hat von jedem Täter eine Akte angelegt, in der er Modus Operandi und Motivlage festgehalten hat: Wie oft hat der Täter wann und warum auf welche Weise wen getötet. Ein hässliches, ein widerliches Puzzle - doch wenn es zusammengesetzt ist, entsteht ein Bild zum Weinen.

Wer das Sachbuch des Kriminalbeamten Harbort lesen will, braucht gute Nerven. Wenn er die letzte Seite umgeschlagen hat, wird er sich nicht damit trösten können, dass alles nur ein Film war, ein fragwürdiges Abendvergnügen. Es ist alles passiert, was da steht, und das ist schlimm, manchmal so sehr, dass man das Buch und den Mut sinken lässt. Es wird gestochen, gedrosselt, gefoltert, und es wird gestorben. Die Täter sind fast alle Männer, die Opfer fast immer Frauen und Kinder. Sämtliche Varianten des Tötens kommen vor und sämtliche Variationen der Täter: Raubmörder, Beziehungsmörder, Sexualmörder und so genannte Dispositionsmörder, die in frustrierter Stimmung alles am Wegesrand niedermetzeln. Und frustriert sind sie oft.

Verstehen Sie nicht? Ich bin schon lange tot!

In der Gesamtschau tritt eine andere Kreatur zutage, als der Kinobesucher sie kennt. Die Serienmörder der Wirklichkeit sind Menschen, deren Leben niemand verfilmen würde, deren Existenz kaum einer je zur Kenntnis nahm. Es sind misshandelte, zurückgestoßene Kinder. Prügelknaben, deren Jugendzeit eine Höllenfahrt war, die die Mordanschläge ihrer Eltern oft nur knapp überlebten. Eingesperrte. Ausgesetzte. Heimkinder. Schulversager, Liebesversager. Niedergeknüppelte Niederknüppler.

Der durchschnittliche Serienmörder ist überdies minderbegabt, der Sexualmörder oft mit einer Hirnanomalie behaftet. Sie sind Einfältige und deshalb so schwer zu fassen, weil das böse Leben sie gelehrt hat, unauffällig, scheu, verschlossen und misstrauisch zu sein. Der immer wieder davonkommende Totmacher, zeigt Harborts Buch, ist nicht die charmante Intelligenzbestie vom Schlage Hannibal Lecters. Beim perfekten Töten stört der IQ. Der erfolgreiche Mörder ist allenfalls schlau, im Besonderen aber kalt, gemütsarm, abgestumpft. Diese Ungerührtheit ist es, die ihn so wenig Fehler machen lässt. Harbort schreibt: "Er tötet nicht wie andere Täter im Affektsturm oder Alkoholrausch. Das abnorme Bewußtsein wird durchdrungen von latenter Tötungsbereitschaft: Mord wird zur Mission, zur Lebens- oder Überlebensphilosophie, für viele gar zum Lebensinhalt." Das Seelenproblem des Täters wird durch die Bluttat zwar gemildert, bleibt aber ungelöst.

Stephan Harbort ist ein Kriminalbeamter, der gut schreiben kann. Er ist kein Schriftsteller und kein Journalist, und dennoch ist ihm ein hoch interessantes Buch geglückt. Dass er kein schreibender Profi ist, merkt man dem Buch auch immer an. Ganz besonders da, wo er seine Besuche in den Haftanstalten und Psychiatrien schildert und seine Versuche, an die Mörder heranzukommen. Es gelingt ihm nicht, wie sollte es auch. Menschen, die sich selbst ein Rätsel sind, denen das intellektuelle Potenzial fehlt, ihre eigene Qual und die Qualen, die sie anderen zufügten, in Worte zu fassen, lassen sich nicht an einem Nachmittag in die Seele sehen. Und anstatt zu kapitulieren vor der Unfassbarkeit des Mörders und seiner Tat, sucht Harbort Zuflucht bei den psychiatrischen Gutachten. Er übernimmt sogar deren Diktion, ohne darüber zu reflektieren, wie viel himmelschreiender Unsinn oft in solchen Gutachten geschrieben steht.

Auch sonst hält Harbort manchmal keine Distanz zum Beschriebenen, ereifert sich, zeigt Mitleid, Wut oder nur schlecht unterdrücktes Grauen. Diese laienhafte Haltung ist manchmal nicht unproblematisch, an anderer Stelle aber verleiht sie dem Buch einen eigentümlichen Charme. Etwa, wenn er die Gefühlsmixtur beschreibt, die ihn beim Besuch eines Mannes befällt, dessen Mordtaten von außerordentlicher Brutalität gewesen sind. Wie Harbort sich da dicht neben den roten Alarmknopf setzt. Und der Täter spielt ihm die Bestie vor. "Verstehen Sie nicht? Ich bin schon lange tot!", schreit er ihn mit rollenden Augen an. Harbort will widersprechen, aber es fällt ihm nichts ein.

Und was lernen wir aus dem Hannibal-Syndrom? Das Buch hat keinen gesellschaftspolitischen Anspruch. Es ist ein Bilderbogen persönlicher Katastrophen, wie sie immer vorgekommen sind und immer vorkommen werden. Es ist eine Reise in die Abgründe der Seele Geschundener, die eines Tages zurückschlagen. Und, meint Harbort, vielleicht auch eine Reise in die Seele eines jeden Menschen. "Viele fragen: Warum tut der das? Warum ist der so?", schreibt Harbort. Und fährt fort: "Kaum jemand kommt umhin, einen Mörder interessant zu finden. Denn eine Frage beschäftigt uns: Wie viel von dem steckt auch in mir?" Dieses Phänomen - beim Zuschauer, beim Leser - ist das wahre Hannibal-Syndrom.


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