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Das Serienmörder-Prinzip

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www.buechervielfrass.de, 27.9.2006

Buchbesprechung

Leseprobe:
Am 11. April 2002 fuhr er mit dem Zug von Hannover nach Bremen, zwei Tage später weiter nach Münster. Wieder suchte er nach Übernachtungsmöglichkeiten, musste aber in einem Park oder unter einer Brücke nächtigen. Von Münster aus verschlug es ihn nach Osnabrück. Dort wollte er bei einem jungen Mann unterkommen, den er im Knast in Meppen kennen gelernt hatte. Der ließ ihn aber abblitzen.

Gefrustet fuhr er zurück nach Münster. Dort traf er am Bahnhof auf Frank Lüdtke, einen Ex-Knacki aus Meppen. Diesem erzählte er, dass er auf der Flucht sei. Lüdtke ließ sich überreden ihm zu helfen, und Kuhlmann hatte nicht nur eine Bleibe gefunden, sondern auch jemanden, mit dem er auf Tour gehen konnte. In den frühen Morgenstunden des 18. April überfielen die beiden eine Tankstelle in Münster. Während Kuhlmann dem Kassierer ein Messer an den Hals drückte, plünderte Lüdtke die Kasse. Mit 300 Euro Beute flüchteten sie, das Opfer blieb körperlich unversehrt.

"Der hat doch nichts gemacht. Und das ging alles so schnell."

Während Lüdtke bald gefasst wurde, konnte Kuhlmann entkommen. Noch am selben Vormittag fuhr er mit dem Zug nach Dortmund und von dort aus nach Aachen. Er hielt sich an keinem Ort längere Zeit auf, seine Flucht-Odyssee führte ihn bis ins belgische Lüttich. Dort erkannte er schnell, dass er so nicht weiterkommen würde: Die Leute verstanden ihn nicht, und er verstand die Leute nicht. Am 24. April kehrte er zurück nach Aachen.

Dort machte er bald die Bekanntschaft von Jörg Esser, einem 33-jährigen Alkoholkranken, der im städtischen Obdachlosenheim lebte.

"Den hab' ich auch am Bahnhof getroffen, mit ihm gelabert. Dann sind wir los, in ein Edeka-Geschäft. Wir saßen später davor, er hat Geld geschnorrt von den Leuten. Wir haben was getrunken. Irgendwann bin ich da eingeschlafen, später wieder aufgewacht. Er war weg, aber im nächsten Moment kam er schon wieder um die Ecke. Dann sind wir zu ihm in die Wohnung gegangen."

Er hatte vor, einen günstigen Moment abzupassen, in dem sein Gastgeber sich nicht vorsehen konnte. Kuhlmann wollte sein Opfer heimtückisch überfallen. Jörg Esser ahnte von all dem nichts.

"In der Wohnung hatte ich den Plan, ihn plattzumachen. Weil wir da ungestört waren. Ich war voll mit Adrenalin, als ich mir das vorgenommen hab'. Voll gut. Ich hatte wieder dieses Machtgefühl."

Während er sich mit Jörg Esser über Belanglosigkeiten austauschte, war er in Gedanken schon den entscheidenden Schritt weiter.

"Man versucht sich das eben richtig vorzustellen, wie das abgehen könnte jetzt in dem Moment. Man guckt sich um im Raum wegen der Gegebenheiten. Dann wartet man nur noch auf den richtigen Moment - der kommt dann. Es kommt dann von einer Sekunde auf die andere, das ist Wahnsinn. Von jetzt auf gleich. Und dann bin ich total aggressiv."

Kuhlmann kostete das langsame Hineingleiten in die Rolle des Killers aus. Er hatte jetzt genug Erfahrung, konnte sich voll auf seinen Egotrip einlassen. Er war stark und mächtig. Und er würde von seinen Fähigkeiten rücksichtslos Gebrauch machen.

"Da war so eine Energie. Da saß ich dem gegenüber und hab' den so angeguckt, und dann kam das. Der wusste nicht, dass ich ihn gleich killen würde - aber ich. Das war so ein Machtspielchen. Das hab' ich genossen, das war klasse. Das ist auch körperlich, ich spür' das, so ein Kribbeln im Magen."

Er plante seine Verbrechen nicht von langer Hand, er ließ sie einfach passieren. Kurzentschlossen und unbewaffnet attackierte er seine Opfer.

"Warum ich keine Waffen dabei hatte? Wie soll ich das sagen? Ich war kreativ."

Eine günstige Gelegenheit bahnte sich an, als die Männer mit den Vorbereitungen für das Mittagessen begannen. Kuhlmann schnappte sich ein Küchenmesser, Klingenlänge 20 Zentimeter. Eigentlich sollte er damit die Fettstreifen der mitgebrachten Schweineschnitzel abtrennen.

Inhalt:
Vorwort
KAPITEL I: Stilles Erwachen
KAPITEL II: Wenn du wüsstest!
KAPITEL III : Die Ursache liegt in der Zukunft
KAPITEL IV: Zwei und zwei ist fünf
KAPITEL V: Das unheimliche Glück des Unglücklichen
KAPITEL VI: Gott und Marionetten
Anhang: Synopse Serienmörder-Prinzip
Bibliographie
Danksagung
Sachregister

Was macht aus Menschen "Monster"? Stephan Harbort geht dieser Frage auf den Grund. Er führte persönliche Gespräche mit mehr als 50 Serienmördern und beschreibt unter Einbeziehung der spektakulärsten Serienmorde der vergangenen Jahre Ursache und Wirkung einer todbringenden Gesetzmäßigkeit. Nach mehr als fünfzehnjähriger Forschungsarbeit ist es ihm gelungen, den Code des Bösen neu und gut verständlich zu entschlüsseln. Und er stellt die beängstigende Frage: Kann jeder ein Serienmörder werden?

Der Autor:
Stephan Harbort wurde 1964 in Düsseldorf geboren, wo er noch heute mit seiner Familie lebt. Er ist Diplomverwaltungswirt und als Kriminalhauptkommissar stellvertretender Leiter eines Kriminalkommissariats beim Polizeipräsidium Düsseldorf und anerkannter Serienmordexperte. Er entwickelte Fahndungsmethoden zur Überführung von Serientätern und arbeitet mit Universitäten im In- und Ausland zusammen. Außerdem war er Fachberater bei zahlreichen wissenschaftlichen TV-Dokumentationen.

Bemerkungen:

Vorwort

Serienmörder. Dieses Wort schürt Urängste: Hier droht tödliche Gefahr. Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit kennzeichnen diese Täter als vermeintliche Unmenschen, die Unheil über ihre Mitmenschen bringen, Leben auslöschen. Und gerade deshalb rücken sie in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Sie inszenieren ein Drama, an dem nur sie selbst freiwillig teilnehmen. Auch wenn es kaum jemand wahrnimmt, sie kommunizieren mit uns. Aufgeführt wird immer dasselbe Stück: die Verstümmelung der Humanität und ihrer Spielregeln.

Der "Serienkiller" ist ein Phänomen der Moderne, vor allem aber der modernen Massenmedien. Diese "Bestien" begegnen uns - wenn wir nur wollen - jeden Tag: morgens in der Zeitung, mittags im Radio, abends in Büchern, im Fernsehen oder im Kino, nachts in unseren Alpträumen. Hannibal Lecter ist überall. Er gilt als Ikone der medialen Serienmörder-Zunft, aber auch als begnadeter Zeremonienmeister der absurden Gewalttätigkeit. Wenn der kultivierte Kannibale sein diabolisches Grinsen aufsetzt, lacht der Tod mit. Die Kunstfigur des charismatischen Antihelden hat Abgründigkeit, Perversion und serielles Morden in unserer Phantasie attraktiv und salonfähig gemacht, sogar ein spezifisches Täterprofil geprägt - von dem nicht wenige Menschen annehmen, es sei der Wirklichkeit entlehnt.

Die Medienmacher haben eine bunte und bizarre Serienmörder-Parallelwelt geschaffen, in der alles möglich erscheint, der Tabubruch erlaubt ist und gewünscht wird, die aber auch suggeriert, authentisch zu sein. Eben "nach einer wahren Begebenheit ". Das buchstäblich Böse bekommt ein markantes Gesicht, eine idealtypische Vita. Das muss so sein, man kennt sich mittlerweile. Und der Bösewicht ist immer interessant. Weil er uns eine Horror-Welt präsentiert, die uns schockiert, die wir nicht betreten dürfen - und die uns gerade deswegen neugierig macht und magisch anzieht. Gewalt und Macht sind nicht mehr nur denkbar, sondern spürbar, erlebbar.

Fernab dessen existieren Serienmörder tatsächlich. Sie leben und morden mitten unter uns. Doch haben sie nur wenig gemein mit ihren Kollegen, die auf der Leinwand ihr Unwesen treiben oder zwischen zwei Buchdeckeln Opfer im Dutzend niedermetzeln. Es sind die Verlierer unserer Gesellschaft, Randfiguren, Nischenmenschen: unscheinbar, unnahbar, nahezu unsichtbar, vor allem aber unberechenbar.

Wenn wieder einmal ein "Ungeheuer" geschnappt wird, darf abgerechnet werden. Natürlich öffentlich. "Für solche Bestien, für solche Tiere in Menschengestalt, die ihre harmlosen Mitmenschen zerfleischen, müßten noch andere Strafen bestehen als ein schmerzloser Tod. Man könnte sich die Zeit der Folter zurückwünschen, der langsamen Qual, um zu erreichen, daß er ein volles Geständnis ablegt und vielen unglücklichen Eltern die Gewißheit gibt, daß sie ihr Kind nicht wiedersehen werden, weil es seiner Blutgier zum Opfer gefallen ist." (Kütemeyer)

Was durch die hannoversche Presse im Sommer 1924 für den "Totmacher" Fritz Haarmann angedacht wurde, liest man so heute nicht mehr. Die Buchstaben sind jetzt größer und fetter, die Botschaft subtiler, aber sie ist genauso unmissverständlich und endgültig: "Diese Bestie muss weg, und zwar für immer!" Die Todesstrafe indes wird nur noch am Stammtisch gefordert. Die Sprache ist heute eine andere, doch die Intention ist dieselbe: Serienmörder sind Verbrecher, die gnadenlos abgeurteilt und mit drakonischen Strafen belegt werden müssen. Für den Einzelnen ist die Verurteilung eines anderen ein Freispruch. In jeder Hinsicht. Denn nur wer schuldig und böse ist, der wird bestraft, und wer nicht bestraft werden kann, der ist unschuldig und gut. In jeder Hinsicht. Somit geraten wir erst gar nicht in die Verlegenheit, nach Ursache und Wirkung zu fragen, nach den Umständen, nach Verantwortlichkeiten. Und wir müssen uns nicht mit dem dunklen Gedanken herumquälen, wer wohl auf die moralische Anklagebank gehört, wer neben dem Täter noch versagt hat. Aber erzieherisches Fehlverhalten und mangelnde Sozialkompetenz werden hierzulande nicht mit Strafe bedroht, wohlweislich, andernfalls würden wir wahrlich selbst zu Serientätern. Also bestrafen wir besser diejenigen, die es verdienen, weil sie nach den Buchstaben des Gesetzes schuldig sind.

Vor Gericht isolieren wir den Täter und reduzieren ihn auf seine individuelle Willensfähigkeit und seine vorwerfbare Schuld. Strafgesetzbuch und Strafprozessordnung wollen es so. Biographische und soziale Rahmenbedingungen werden als "nicht zur Sache gehörig" kurzerhand ausgeklammert. Die Verfahrensbeteiligten wollen gar nicht wissen, warum es überhaupt passiert ist, sondern nur ob, wann, wie und wer das gemacht hat. Ende der Geschichte.

Und genau hier möchte ich mit meinem Buch ansetzen. 15 Jahre lang habe ich das Phänomen Serienmord erforscht, Dutzende Täter befragt, unzählige Vernehmungsprotokolle, Gutachten und Gerichtsurteile ausgewertet. Daraus habe ich Erkenntnisse gewonnen und Lehren gezogen, die weiter sehen lassen, die dazu beitragen können, dass es nicht immer wieder und so häufig zu solchen furchtbaren Taten kommt. Dass Warnsignale sichtbar werden.

Dieses Buch wird nicht von einer waghalsigen Theorie getragen, es fußt auf langjährigen Erfahrungen, auf Tatsachen. Nur deshalb darf ich darauf vertrauen, dass das Sieben-Phasen-Modell "Serienmörder-Prinzip" nicht meine eigenen Erwartungen und Lebens- oder Berufserfahrungen widerspiegelt, sondern die vielfältigen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung dieses Gewaltphänomens, aber auch die Entwicklungsgeschichte der Täter authentisch und zutreffend beschreibt.Wir rücken diesen Tätern mit immer ausgefeilteren Ermittlungsmethoden zu Leibe, wir entwickeln gewagte "Psychopathen-Checklisten" (Hare) oder "Serienmörder-Schnelltests" (Gray), um sie frühzeitig aus der grauen Masse der Menschen herauszufiltern. Nur wissen wir immer noch zu wenig von diesen Tätern, um die Erfolgschancen unserer Bemühungen realistisch beurteilen zu können. Wir geben uns zu wenig Mühe. Leider hat die Wissenschaft diese Herausforderung bisher kaum angenommen. Es fehlt an systematischen wie an allgemein verständlichen Darstellungen. Es genügt eben nicht, Verbrecher nur als solche zu etikettieren und lebendig zu begraben, wenn sie straffällig werden und ihnen dann im Gefängnis ein paar Fragen zu stellen, von denen die meisten Täter gar nicht wissen, wie sie zutreffend beantwortet werden sollen.

Wir werfen den Tätern gerne Unmenschlichkeit vor. Darüber darf man durchaus geteilter Meinung sein. Aber ist das Unmenschliche nicht auch darin zu sehen, den anderen nicht als Menschen gelten zu lassen, insbesondere bevor er zum Täter wird?Die Tür zu einer vorurteilsfreien Aufklärung muss endlich aufgestoßen werden. Auch hierzu soll dieses Buch einen Beitrag leisten. Eine ernst gemeinte Auseinandersetzung mit den Tätern verlangt schon das Mitgefühl mit den Familien der getöteten Kinder, Frauen und Männer. Wir alle schulden ihnen, dass nichts unversucht bleibt, um Einsichten zu gewinnen, mit denen wir die Gefahr solcher verhängnisvollen Entwicklungen verringern, vielleicht sogar verhindern können.

Deshalb bin ich in erster Linie daran interessiert, aufzuklären. Nur wer versteht, kann etwas verändern. Und es besteht eine nicht nur theoretische Möglichkeit, dass uns der anfangs unheimliche und unsympathische Täter irgendwann näher kommt, wir ein Gefühl für seine Lebenssituation entwickeln. Ich möchte keine Klischees bedienen oder Vorurteile pflegen, ich möchte die Täter aber auch nicht in Schutz nehmen. Dazu besteht kein Anlass. Ich will mit diesem Buch vielmehr aufzeigen, wie Serienmörder wirklich sind, was sie antreibt, warum sie das tun, von dem viele Täter glauben, es tun zu müssen. Ich will einen Weg bereiten, auf dem man sich begegnen und kennen lernen kann. Denn hinter jedem "Monster" steht auch ein Mensch. Und höchstwahrscheinlich wird der oder die eine oder andere unter uns am Ende dieses Buches zu der irritierenden Schlussfolgerunggelangen: Der oder die könnte ich selber sein.

Stephan Harbort
Düsseldorf, im April 2006

Ganz Persönliches:
Selten habe ich ein so inhaltsschweres Fachbuch mit einem solchen gespannten Interesse verschlungen wie dieses. Und am Schluß musste ich erkennen, dass unser Unterbewußtsein sich manchmal viel gewaltiger, unverhoffter und für uns selbst unerklärlicher Bahn bricht, als ich es für möglich gehalten habe. Das macht in diesem beschriebenen Kontext tatsächlich Angst.

Daß Herr Harbort eine wissenschaftliche Koryphäe ist, ist unbestritten, dass er jedoch auch belletristisch ein Könner ist, beweist er wieder einmal mit diesem Sachbuch.

Ein Buch, das alle angeht!


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