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Augsburger Allgemeine, 08.12.2006

Sieben Stufen bis zur "Bestie": Wie tickt ein Serienmörder?

Von Holger Sabinsky

Der Kripokommissar Stephan Harbort analysiert Mehrfachkiller

AUGSBURG/DÜSSELDORF. Rachefeldzug, Hass, Spaß am Töten? Die Döner-Mord-Serie ist kein Einzelfall. Nach Schätzung des Experten Stephan Harbort sind derzeit mindestens zehn Serienmörder in Deutschland unterwegs. Doch wie wird ein Mensch zum Mehrfachkiller? Was muss passieren, dass sich jemand zum "Monster" entwickelt?

Harbort hat jahrelang recherchiert, mit über 50 Mehrfachmördern Kontakt gesucht. "Ich habe alle verfügbaren Informationen über Serienmörder in Deutschland gesichtet, extrahiert und geprüft", berichtet er. Sein Fazit: Das eine typische Persönlichkeitsprofil des Serienkillers gibt es nicht. Doch Harbort hat ein Modell erarbeitet, wie es bislang weltweit noch nicht existiert: Ein siebenstufiges System, das die Verwandlung vom Menschen zur "Bestie" beschreibt. Es ist zu lesen in seinem neuen Buch "Das Serienmörder-Prinzip. Was zwingt Menschen zum Bösen?"

1. Genese: Ein besonderes Schlüsselerlebnis wirft den Betroffenen aus der Bahn, ein dramatischer biografischer Wendepunkt. Das kann der Verlust eines geliebten Menschen sein oder eine auf den ersten Blick banale Begebenheit. Häufig resultieren aus diesen familiären, psychischen, sexuellen, sozialen, beruflichen oder finanziellen Mangel- oder Belastungssituationen Konflikte, denen die künftigen Täter hilflos gegenüberstehen. Es entwickelt sich ein von der Norm abweichendes Gefühls- und Gemütsleben. Typische Reaktion: Verdrängen. Es beginnt die Flucht in eine gewaltbesetzte Fantasiewelt - dadurch wird die brüchige Persönlichkeit stabilisiert. Neben sexuellen sind auch Macht- und Gewaltfantasien möglich, die in diesem Stadium noch als unangenehm und bedrohlich empfunden werden. "Ein schwaches Selbstbewusstsein fördert die Tendenz zur Selbstentfremdung", so der Kriminalist. In vielen Fällen werde die abnorme Entwicklung zudem durch Fehler in der Erziehung begünstigt. Überwiegend ist das Verhältnis zu beiden Erziehungsberechtigten erheblich belastet.

2. Identifikation: Die vollkommene Verdrängung misslingt. Schritt für Schritt werden die düsteren Bedürfnisse akzeptiert und insgeheim idealisiert. Die eigene Machtlosigkeit wird kaschiert.

3. Antizipation: Dann folgt die gedankliche Annäherung an eine reale Tat, allerdings noch ohne konkreten Plan. Später werden schon Teile eines Planentwurfs durchdacht. Letzte Hemmungen vor dem Verbrechen schwinden, das Gewissen wird langsam außer Kraft gesetzt. Erste ernsthafte Bemühungen, sich mit einer Tötung vertraut zu machen, ein Gefühl für solche Extremsituationen zu entwickeln. Örtlichkeiten werden ausgespäht, Mitmenschen als potenzielle Opfer taxiert und verfolgt, Waffen ausprobiert. Nicht selten passieren sogar erste Übergriffe, es sind aber "halbherzige" Attacken. Den Tätern fehlt es noch an Kaltblütigkeit, Entschlusskraft und Erfahrung. "Was bis hierhin geschieht, ist noch umkehrbar, nach dem nächsten Schritt ist es zu spät", erklärt der Experte.

4. Performance: Der "Point of no return" ist erreicht. Die Tötungshemmung wird überwunden, ein erster Mord begangen, weil eine Situation eskaliert, der Drang zu töten übermächtig wird oder materielle Zwänge keinen anderen Ausweg zulassen. Das Ergebnis ist stets dasselbe: Der Täter hat bekommen, was er wollte - Befriedigung, Macht, Selbstbestätigung. Er wird wahrgenommen, von der Polizei und der Öffentlichkeit. "Diese Rolle will keiner mehr hergeben", sagt der Kommissar. Serienmörder seien meist instabile Persönlichkeiten mit starken Minderwertigkeitskomplexen, Einzelgänger ohne Lebensinhalt, Versager. Die erste Tat gleicht einem Befreiungsschlag, die brüchige Persönlichkeit stabilisiert sich - allerdings nur für kurze Zeit.

5. Reflexion: Der Täter beginnt nachzudenken. Neben der Genugtuung, die der Mord verschafft hat, schleichen sich Gewissensbisse ein. "Begeisterung und Erleichterung ringen mit Schock und Verängstigung", so Harbort. Ein Mörder hat das Gefühl als eine Art "Kater" beschrieben. Danach folgt ein Rückzug. Grund dafür kann die Furcht vor der Festnahme sein, aber auch eine positive Veränderung im privaten Umfeld. Trotzdem führen eine Kränkung, eine Zurückweisung oder materielle Zwänge auch nach längerer Pause wieder zu neuer Mordbereitschaft.

6. Remake: Die Rückbesinnung auf das Erlebte, den ersten Mord, führt nach erster Euphorie unweigerlich in eine Phase der Frustration. Denn was einmal überwunden wurde, kehrt zurück - ein Verlangen, ein Bedürfnis, das nicht mehr allein in der Erinnerung gebunden und entschärft werden kann. Eine neue Tat verheißt seelische Erleichterung. Der Täter macht es wieder - wieder muss ein Unschuldiger sterben, weil der Täter so sein inneres Gleichgewicht zu finden glaubt.

7. Serialität: In der letzten Stufe tötet der Täter immer wieder. Jeglicher Respekt vor den Opfern und gesellschaftlichen Konventionen geht verloren. Es ist die Folge einer fortschreitenden Werteverschiebung und eines schleichenden Realitätsverlusts. Dazu kommt die Gewöhnung an das Töten. Ab jetzt bedarf es keinerlei Rechtfertigung mehr, um weiter zu morden. Es genügt allein ein Bedürfnis. Gefühle wie Reue und Scham verkümmern. Jedes Maß geht verloren: Die Taten werden grausamer, die Zahl der Opfer steigt. Harbort: "Töten ist Teil des Lebensentwurfes geworden."


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