Pressespiegel (Auswahl) Zur Person Düsseldorfer Anzeiger, 12.5.2004 Im Kopf der Killer Von Yvonne Hofer "Ich genoss seine Leber mit ein paar Fava-Bohnen und einem Glas Chianti." Dank Hannibal Lecter alias Anthony Hopkins ein Satz mit Kult-Charakter. Kein anderer Serien-Mörder der Filmgeschichte hat unser Bild vom kultivierten Killer derart geprägt wie der in "Das Schweigen der Lämmer". "Ich wollte sie doch poppen." Joachim Kroll ist kein "Film-Held". Schlimmer: Kroll ist ein Stück deutsche Kriminalgeschichte, hat wirklich gelebt. "Er ist die Ausnahme von der Regel!" Das sagt ein Mann, der mehr Einblicke in dunkle Seelen hatte, als die meisten Menschen vermutlich ertragen können. Der es gewissermaßen schafft, in die Köpfe der Killer zu gelangen. Und der gerade ein Buch über Kroll veröffentlicht hat: "Ich musste sie kaputt machen - Anatomie eines Jahrhundert-Mörders". Stephan Harbort, 40 Jahre alt, stellvertretender Leiter eines Düsseldorfer Kriminalkommissariats, befasst sich mit Serien-Mördern. Wir treffen ihn in seinem Büro. Ein ruhiger Raum. Urlaubsbilder an den Wänden vermitteln Entspanntheit. In einem doppeltürigen Stahlschrank allerdings lauert seitenweise das Grauen. Protokolle seiner Forschung. Das Böse wirkt so harmlos auf Papier. Als junger Polizist erlebt Harbort 1991 wie ein Mann auf seiner Wache erscheint, um eine Vermisstenmeldung aufzugeben. Am nächsten Tag taucht er wieder auf. Diesmal plaudert er darüber, dass er die vermisste Person und zwei weitere ermordet hat. "Der hat völlig gefühllos, ohne jede Regung von seiner Tat erzählt. So, als hätte man gefragt - Na, wie war dein Wochenende?" Den jungen Polizisten lässt eine Frage nicht mehr los: "Was für ein Mensch steckt hinter einer solchen Tat?" Weit über 20 Serienmörder, die seit Jahren hinter Gittern sitzen, hat er inzwischen getroffen. Der Fall Kroll ist bereits sein drittes Buch. Dafür hat er Prozess-Akten gewälzt, Verhör-Protokolle studiert und Zeitzeugen befragt. "Angehörige der Opfer sind für mich allerdings absolut tabu." Das Ergebnis hat dokumentarischen Charakter. Die erschütternde Biografie eines schlichten Menschen, der über zwei Jahrzehnte vergewaltigt, mordet und am Ende zum Kannibalen wird. 1976 nimmt die Polizei ihn fest, nachdem Kroll ein vierjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft ermordet, den Leichnam zerlegt und zum Teil gegessen hat. "Nichts für Zartbesaitete" gibt Harbort zu. Aber an wen richtet sich ein solches Buch? "An alle, die sich für Verbrechen, insbesondere für Serienmörder interessieren." Seriosität ist ihm dabei ganz wichtig. Er präsentiert seinen Lesern zwar durchaus starken Tobak, sagt aber auch: "Die ganz schlimmen Sachen habe ich natürlich rausgelassen." Kein einfaches Fachgebiet, was er sich ausgesucht hat. Längst verfasst er auch Fach-Aufsätze, tauscht sich mit Experten im In- und Ausland aus. Vom "Profiling" etwa, wie wir es aus jedem halbwegs guten Psychopathen-Film made in Hollywood kennen, hält der Kriminalist gar nichts. Für ihn ist das eher der "Blick in die Glaskugel". Zu stereotyp, ja "unseriös". "Bei der Erforschung dieses Gebiets stecken wir noch in den Kinderschuhen. Zum Beispiel wird bis heute der biologische Bereich völlig vernachlässigt. Kroll etwa wies eine Verkleinerung der Hirnhohlräume auf." Auch populäre Meinungen wie "Wer vergewaltigt, wurde selbst Missbrauchs-Opfer" verweist Harbort ins Land der Fantasie. "Der Anteil ist minimal. Und: Tausende werden Opfer solch traumatischer Erfahrungen. Aber nicht jeder davon wird zum Täter, geschweige denn zum Serien-Mörder." Auch die Mär vom hochintelligenten Monster sei "Quatsch". Tatsächlich hätten die meisten einen durchschnittlichen IQ - wie der Rest der Bevölkerung. Ach ja, der Begriff "Monster". Je länger man sich mit Stephan Harbort unterhält, desto deutlicher wird eins: Es sind die Menschen, die ihn interessieren. Die zutiefst menschlichen Tragödien, die sich hinter den Mordfällen verbergen. Er sagt dann Sätze wie: "Wenn man ein Auto fahren will, braucht man einen Führerschein. Kinder kriegt man einfach." Kein Verständnis entwickeln, aber nachvollziehen können, wer und was einen Menschen zum Serienmörder macht. Und er ist zu einer Erkenntnis gelangt: "Es gibt das Böse. Es nistet sich ein und entwickelt sich langsam." |