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Frankenpost, 27.07.2007

Die Roman- und Film-Figur Hannibal Lecter (gespielt von Sir Anthony Hopkins) aus dem "Schweigen der Lämmer" gilt für viele als die Verkörperung des perversen Serienkillers schlechthin. Doch Lecter ist nur ein Abbild der gesammelten Klischees, Medienlegenden und Quoten-Garanten. Kaum ein echter Mehrfach-Mörder ist auch nur annähernd so wie Lecter.

BAYREUTH - Sein Lieblingsthema ist gespickt mit verabscheuungswürdigen Taten, gruseligen Fakten und haarsträubenden Bekenntnissen. Sein Metier ist das Grauen, das schier unvorstellbare menschliche Abgründe hervorruft. Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort aus Düsseldorf hat sich spezialisiert auf die schlimmsten aller Verbrecher, die Serienmörder.

Statistiken hat er ausgewertet und Studien angestellt, Dutzende Interviews hat er geführt mit Menschen, die mehrfach töteten. In mittlerweile sechs Büchern hat er seine nun 17-jährige Forschungstätigkeit beschrieben. Harbort gilt als der Serienkiller-Experte unter den deutschen Kriminalisten.

Jetzt hat Harbort bei einem Vortrag im Bayreuther "Zentrum" Einblicke gegeben ins Handeln und Denken seiner Forschungsobjekte. Bayreuth kennt Harbort mittlerweile gut: Hier spielt sein jüngstes Buch, "Ein unfassbares Verbrechen - Der Fall Monika F.". Gemeinsam mit Andreas Fischer, dem Ehemann der im Oktober 2006 ermordeten Himmelkroner Krankenschwester Monika Fischer, hat er es verfasst.

Auch der Mörder der 39-jährigen Frau, Jochen Sonnleitner, ist ein rückfälliger Sexualstraftäter, doch diesen Fall spart Harbort in seinem Vortrag aus. Ganz bewusst versucht er, die Gefühle herauszunehmen aus dem Thema. "Ich habe in 23 Jahren Polizeiarbeit gelernt", sagt Harbort, "möglichst für diese Menschen keine Gefühle zu entwickeln, denn jede Emotion würde mich blockieren oder in eine falsche Richtung führen." Nur dadurch, dass er den Mehrfach-Mördern wertfrei gegenübertrete, schaffe er es auch, dass die Täter sich in gewissen Maße öffnen und ihm ihre Geschichte erzählen, ihre individuelle Version der Wahrheit.

Stephan Harbort gibt das wieder in seinen Büchern und im Vortrag. Und es ist erschreckend, was die Mörder ihm berichten, manche völlig unbeteiligt vom angerichteten Leid, andere schockiert von der eigenen Tag, wieder andere noch voll entflammt von der Lust am Töten.

Klischees, Legenden

Was Harbort in all den Jahren herausgefunden hat, scheint auf den ersten Blick enttäuschend: Jeder Fall ist anders, es findet sich keine Schablone für den potenziellen Killer. Zwar gibt es manchmal übereinstimmende Vorgeschichten. Aber es gibt Tausende von Menschen mit ähnlichen Lebensläufen, die nicht zum Killer werden.

Harbort räumt auf mit den Klischees, eines nach dem anderen verbannt der Autor gnadenlos ins Reich der Märchen.

Serienmörder sind Sexualtäter. Nein, wenn überhaupt, dann ist Habgier das häufigste Motiv. Sexualisierte Gewalt ist bestenfalls bei einem von fünf Fällen im Spiel. Aber in den Medien, bei Film und Fernsehen seien die Sexualtäter nunmal die "Quotenbringer", daher der Mythos.

Serienmörder sind hochintelligent. Nein, der mittlere Intelligenzquotient aller deutschen Serienmörder nach dem Zweiten Weltkrieg deckt sich bis auf die zweite Stelle hinterm Komma mit dem des Bevölkerungsdurchschnitts.

Serienmörder sind erfolgreiche Verbrecher. Nein. Zwar werden die Täter im Schnitt erst nach dem sechsten Mord erwischt, aber sie haben nach eigenen Angaben dutzende, ja hunderte gescheiterte Tatversuche hinter sich, bevor sie ein Mal erfolgreich zuschlagen. Denn viele Serienmörder haben ein vorphantasiertes Tatmuster. Sobald die Wirklichkeit damit nicht mehr übereinstimmt, geben sie ihren Vorsatz auf.

Die "Signatur"

Serienmörder haben eine eigene Handschrift. Nein, nur sehr wenige hinterlassen eine "Signatur". Und auch die nur unbewusst, weil sich aus dem vorphantasierten und dann umgesetzten Tatablauf zwangsläufig ein bestimmtes Spurenbild ergibt.

Serienmörder spielen Katz und Maus mit der Polizei. Nein, sie haben Angst vor Entdeckung. Das Intelligenz-Spiel mit den Ermittlern ist eine Erfindung von Romanautoren. Serienmörder sind reisende Täter. Nein, die weit überwiegende Mehrheit der Tatorte liegt keine zehn Kilometer vom Wohnort des Killers entfernt.

Serienmörder sind Männer. Nein, jedenfalls nicht mehr so häufig. Bis vor einigen Jahren waren achtzig Prozent der Täter männlich, heute ist von drei Killern einer eine Frau. Das liegt vor allem an zwei Deliktsbereichen: den Neugeborenen-Tötungen durch ihre Mütter und den Patienten-Tötungen durch Frauen in Pflegeberufen. Diese Tätergruppe beschreibt Harbort als "außergewöhnlich erfolgreich". Sie werden im Schnitt erst nach etwa elf Morden entdeckt, schaffen es also, fast doppelt so oft zu Töten wie der Durchschnitts-Serienkiller.

Welches Profil passt dann auf diese Art von Verbrechern? Kommissar Harbort: "Es gibt keine homogene Tätergruppe. Aber es gibt Häufungen bestimmter Eigenschaften. So leiden Serienmörder häufig unter gravierenden Persönlichkeitsstörungen, haben eine dissoziale Persönlichkeit, ziehen Befriedigung aus Grenzüberschreitungen, was sich unter anderem in Vorstrafen zu Verkehrs- oder Vermögensdelikten niederschlägt." Meist würden die Täter vor ihrer Entdeckung unauffällig und zurückgezogen leben: "Außenseiter mit gravierender Selbstwert-Problematik", sagt Harbort. Nur: "Dieser Merkmals-Katalog gilt auch für viele Nicht-Kriminelle."

Es fehlt die Bestie

Unter anderem auch dieser Umstand mache es für die Ermittler so schwer, sagt Harbort: "Die Taten dieser Menschen stehen für das Böse schlechthin. Doch: Es fehlt die Bestie. Es wäre viel einfacher mit ihr. Man könnte wenigstens sagen: Schaut, es war das Monster. Aber: Diese Täter gehören zu uns, sie leben mitten unter uns."


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