Pressespiegel (Auswahl)
Zur Person

zurück zur Auswahl

Kölner Stadt-Anzeiger, 28.04.2001
von Petra Pluwatsch

Die Mörder sind unter uns

Sie töten scheinbar wahllos, nach Regeln, die nur sie selber kennen: Serienmörder. 200 Killer gingen seit 1945 ihrem blutigen Geschäft nach, gefaßt und verurteilt wurden die wenigsten. In Düsseldorf versucht ein Kriminaloberkommissar, die Psyche der Täter zu knacken - Stephan Harbort ist Deutschlands Experte für Serienmord


Die Mörder sind unter uns - Sie töten scheinbar wahllos, nach Regeln, die sie selber kennen: Serienmörder. Mehr als 200 Killer gingen seit 1945 ihrem blutigen Geschäft nach, gefasst und verurteilt wurden die wenigsten. In Düsseldorf versucht ein Kriminaloberkommissar, die Psyche der Täter zu knacken. Stephan Harbort ist Deutschlands einziger Experte für Serienmord.

Max H. war 16, als er seinen ersten Mord beging. In einem alten Bombentrichter erschoss er einen Elfjährigen, den er kurz zuvor kennen gelernt hatte. Vier Kugeln in den Rücken, eine in den Kopf, zwei ins Genick - "du kannst dir nicht vorstellen, wie der Kerl geblutet hat", schrieb er noch am selben Tag an einen Vetter. "Wenn das kein perfekter Mord war, rühre ich keine Knarre mehr an, das kannst du mir glauben. Ich will verdammt sein, wenn das mein einziger bleiben würde."

Max H. war 43, als er wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er hatte vier Menschenleben auf dem Gewissen und fühlte sich als das Opfer eines "krassen Fehlurteils".

Harald S. aus Essen machte sich einen Namen als "der Feiertagsmörder". Fünf Frauen stach er zwischen 1987 und 1989 zu Tode, drei weitere konnten ihm mit letzter Kraft entkommen. Die taten ereigneten sich vorwiegend an Feiertagen. Ein Zufall, wie sich später herausstellte, denn das Messer lag dem arbeitslosen Kleinkriminellen auch an Wochentagen locker in der Hand. Seit Jahren beobachtete Harald S. heimlich ältere Frauen. Zum bloßen "Gucken" kam bald "das Habenwollen und schließlich die Gier". "Das ging wie ein Strom durch meinen Körper", schilderte der 32-jährige nach der Verhaftung seine Emotionen während der Morde. "Wenn die Frauen sich gewehrt haben, habe ich Wut und Hass verspürt. Wenn die versucht haben wegzulaufen, hatte ich das Gefühl, als wollten die mir etwas wegnehmen oder kaputtmachen."

Sechs Morde und drei Mordversuche gestand der Erntehelfer Wolfram Sch., als er im August 19991 im beschaulichen 500-Seelen-Nest Rädel bei Beelitz verhaftet wurde. Schon als Kind hatte der Zwei-Meter-Mann, der als "Rosa Riese" in die Kriminalgeschichte eingehen sollte, seine Vorliebe für weibliche Unterwäsche entdeckt. Als Jugendlicher begann er von "Partnerspielen" in entsprechender Verkleidung zu phantasieren und davon, "dass vielleicht mal einer kommt und sagt: Ich bin auch so". Doch irgendwann genügten die Phantasien nicht mehr, um seine bizarren Bedürfnisse zu befriedigen. "Der Drang danach, es endlich zu einer Erfüllung zu bringen, der wurde immer größer und stärker", gestand er nach der Festnahme den entsetzten Vernehmungsbeamten. "Manchmal habe ich das keine 24 Stunden ausgehalten." Wolfram Sch. begann zu töten - wieder und wieder. In immer kürzer werdenden Abständen.

Hätte man dieTäter früher stoppen können? Möglicherweise, sagt Stephan Harbort, Kriminaloberkommissar in Düsseldorf. Vorboten der nahenden Katastrophe gab es in allen drei Fällen, Warnzeichen waren von Jugend an zur genüge vorhanden. Harbort sollte es wissen: Der Mann ist Experte für Serienmorde - der erste und einzige in Deutschland. Seit sechseinhalb Jahren beschäftigt sich der 37-Jährige mit dem Denken und Tun von deutschen Mehrfachmördern, die mindestens drei Menschen getötet haben. Vor wenigen Wochen ist sein erstes Buch zum Thema auf den Markt gekommen: "Das Hannibal-Syndrom. Phänomen Serienmord", weitere Publikationen sind in Vorbereitung.

Als Harbort Mitte der 90er Jahre mit seinen Untersuchungen begann, war das Phänomen Serienmord noch weitgehend unerforscht. Lediglich in den USA hatte sich das FBI bereits Ende der 70er Jahre der "serial killer" angenommen und anhand von 25 "Probanden" eine Art Profil erstellt. Der typische Serienmörder ist demnach männlich, weiß, überdurchschnittlich intelligent und stammt aus guter Familie. Er handelt entweder "organisiert", also nach einem festen Plan, oder begeht seine Taten "unorganisiert", allein gesteuert von seinem mörderischen Trieb. Als Mordserie, so die Definition der Amerikaner, bezeichnet man "drei oder mehr Morde ohne erkennbare Täter-Opfer-Beziehung, wobei die Tathandlungen durch eine Abkühlungsperiode unterbrochen werden und sadistisch-sexuelle Gewalt beinhalten".

Harbort stutzte: Diese Erkenntnisse deckten sich in keiner Weise mit seinen langjährigen kriminalistischen Erfahrungen. Er vermutete mehr als sexuelle Motive, wenn ein Mensch zum Mörder wird. Systematische begann der Kripo-Mann mit denen der Kollegen in Quantico zu vergleichen. Grundlage seiner Untersuchungen waren die Ermittlungsakten sämtlicher verurteilter Serienmörder in den alten Bundesländern zwischen 1945 und 1995. 61 deutsche Serienkiller (54 Männer und sieben Frauen) klopfte Harbort auf Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale ab, er untersuchte ihre Motive, ihre "Arbeitsmethoden", und beschäftigte sich mit ihren Familienverhältnissen.

Die Ergebnisse von Harborts Analysen unterscheiden sich frappierend von denen des FBI: Der typische deutsche Serienmörder ist demnach "männlich, zwischen 18 und 39 Jahren, ledig oder geschieden, kinderlos" und beileibe nicht intelligenter als seine Mitmenschen. "Er verfügt über ein geringes Bildungsniveau, hat die Sonder- oder Hauptschule besucht, ist als Arbeiter oder Handwerker berufstätig oder arbeitslos." In der Regel, so Harbort, stamme er aus defizitären Familienverhältnissen und gelte als sozialer Außenseiter, er sei gemütsarm und labil, schnell zu kränken, verantwortungslos und gekennzeichnet von "egoistisch-egozentrischen Grundeinstellungen". Anders als das FBI unterscheidet Harbort sechs Prototypen von Serienmördern, die aus höchst unterschiedlichen Gründen zu Hammer, Messer oder Gewehr greifen. "Geld oder das Leben", schrie der "Mittagsmörder" von Nürnberg, ehe er am 22.April 1960 seine ersten beiden Opfer erschoss. Fünf Jahre lang ging der Student Karl G. auf Menschenjagd, um seine Finanzen aufzubessern. Als die Polizei ihn endlich fasste, hatte der 24-jährige fünf Menschenleben auf dem Gewissen und zeigte keinerlei Anzeichen von Bedauern. "Ich brauchte unbedingt Geld für meine Autos", erklärte er achselzuckend bei der Vernehmung.

Geldgier trieb auch die Kölner Altenpflegerin Veronika N. zum Mord. Sechs alte Menschen medikamentierte sie in den Tod, ehe sie 1991 verhaftet und zwei Jahre später zu zweimal Lebenslänglich verurteilt wurde.

Wolfram Sch., der "Rosa Riese", mordete, um seine abartigen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Regelmäßig hinterließ er am Tatort beschmutzte Damenunterwäsche und mit Kot beschmierte Kerzen - Utensilien eines bizarren Rituals, die zwingend nötig waren zur Erfüllung seiner abnormen Wünsche. Anders als Raubmörder bedienen sich sadistische Sexualtäter wie Schmittke häufig einer speziellen "Handschrift", die tiefe Einblicke erlaubt in ihre pathologische Persönlichkeitsstruktur. Man versteht darunter nicht rational gesteuerte Tathandlungen, die einen Teil der Phantasien des Täters in die Realität umsetzen.

Was lässt einen Menschen zum Serienmörder werden? Was verschont einen anderen vor diesem Schicksal? Harbort zuckt mit den Achseln. Diese Frage kann er auch nach fast siebenjähriger Forschungsarbeit nicht beantworten. Viele der von ihm analysierten Sexualmörder wiesen leichte Hirnanomalien auf. Anderen ebnete ein Schlüsselerlebnis in Kindertagen den Weg ins Verderben.

So verspürte der "Killer von Staffelstein" mit bereits sieben Jahren, als er beim Schlachten und Zerlegen von Schweinen zusah, jenes Prickeln, das ihn als Erwachsenen zum mehrfachen Mörder werden ließ. In der Pubertät begann Robert S. davon zu träumen, jungen Mädchen die Brüste abzuschneiden, mit 16 se4tzte er einen teil seiner Phantasien erstmals in die Tat um und folterte seine Opfer, ehe er sie tötete. Fast zehn Jahre sollten vergehen, ehe S. 1969 endlich gefasst wurde.

Kein Einzelfall. Die deutsche Polizei tut sich in der Regel schwer, einem Serienmörder auf die Spur zu kommen. Durchschnittlich werden die Täter erst nach dem sechsten Mord gefasst, etwa dreieinhalb Jahre können sie unbehelligt ihrem bösen Tun nachgehen. Mindestens 22 Mordserien seit 1945 seien in Deutschland ungeklärt geblieben, sagt Harbort, weitere 20 Täter seien unter dem Verdacht festgenommen worden, mindestens drei Menschen getötet zu haben. Nachweisen konnte man ihnen nur zwei Morde. Nach Harborts Erkenntnissen "trachteten in den vergangenen 55 Jahren nachweislich mindestens 207 Täter ihren Opfern reihenweise nach dem Leben". Erschwert werden die Ermittlungen durch die Polizei unter anderem dadurch, dass in acht von zehn Fällen keine Beziehung zwischen ihnen und dem Opfer besteht. Wahllos schlagen sie zu, nach bestimmten Regeln, die nur sie selber kennen.

Das soll sich ändern. Zusammen mit einem deutschen Diplompsychologen und einem Kollegen aus Kanada hat Harbort ein Computersystem erarbeitet, das das Erkennen und Aufspüren von Serientätern erleichtern soll. Es soll das kanadische System ViCLAS (Violent Crime Linkage Analysis System) ergänzen, mit dessen Hilfe die deutsche Polizei seit zwei Jahren Verbrechensserien zu entschlüsseln versucht. Derzeit wird Harborts Analyse-Verfahren in Kehl getestet. Seit 1999 treibt in der Grenzstadt am Rhein ein Serienmörder sein Unwesen. Dunkler Schnauzer, auffallend dünn, gute Ortskenntnisse - mehr weiß man nicht von ihm. Mindestens drei Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen, eine vierte entkam schwerverletzt.


zurück zur Auswahl