Pressespiegel (Auswahl)
Zur Person

Der Liebespaar-Mörder

zurück zur Auswahl

Hamburger Abendblatt, 23.03.2005
Von Günther Hörbst

Auf der Spur des Bösen

Serienmörder: Der Düsseldorfer Kriminologe Stephan Harbort erforscht, warum Menschen töten. Mindestens zehn Täter laufen noch frei herum.

Düsseldorf - Im Raum 209 des Kriminalkomissariats 2 der Polizei Düsseldorf hängt die Karte des Grauens. Dort, im zweiten Stock eines schmucklosen Altbaus, hat Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort viele bunte Stecknadeln in eine rund 2 mal 1,5 Meter große Deutschland-Karte gepinnt. 117 sind es exakt. 117 ist auch die Zahl, die das Grauen ausmacht. Denn so viele Mordserien sind in Deutschland seit 1945 aktenkundig. 117 Serienmörder - gefangen und abgeurteilt -, die zusammen 688 Morde begangen haben.

Darunter so bestialische Täter wie der Duisburger Waschraumwärter Joachim Kroll. In 22 Jahren hatte der Mann im Ruhrgebiet und am Niederrhein mindestens zwölf Menschen ermordet. 1976 schnappte ihn die Polizei nur deshalb, weil Kroll mit Leichenteilen eines Mädchens die Toilette verstopft hatte. Als die Polizei bei Kroll klingelte, war er gerade dabei, Körperteile der Kleinen auf dem Herd zu kochen.

"Warum macht ein Mensch so etwas?" fragt der 40jährige Polizist und Buchautor ("Ich mußte sie kaputt machen", "Der Liebespaar-Mörder", Verlag Droste). "Das ist es doch, was uns alle interessiert. Ich habe dabei jedoch festgestellt, daß es in Deutschland kaum Forschung über Serienmörder gibt." Also begann Harbort selbst zu forschen. Heute, zehn Jahre später, türmen sich in seinem Büro Akten über sämtliche Serientäter Deutschlands seit 1945.

Aus diesen Akten hat er aber nicht nur die Karte des Grauens zusammengestellt - er nennt zudem eine Zahl, die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt. "Neben den 117 geklärten Serien gibt es offiziell 19 noch ungeklärte Mordserien", bilanziert der Experte. Etwa eine Reihe von sieben erdrosselten Mädchen 1969-71 im Raum Norderstedt. Oder der Mord an vier türkischen Gemüsehändlern, einer davon aus Hamburg, die 2000/2001 mit derselben Waffe getötet wurden. "Das bedeutet", fährt Harbort fort, "daß sich im Moment mindestens zehn Serienmörder in Deutschland auf freiem Fuß befinden."

Darüber hinaus gibt es ein sogenanntes Dunkelfeld. Mordserien, die als solche nicht erkannt wurden. Harbort schätzt, daß es sich dabei um weitere zehn Fälle handelt. Unter dem Strich bewegt sich die Zahl der Serienmörder auf freiem Fuß also bei 20. "Diese Zahl darf man annehmen", sagt der Kriminologe. "Denn führende Rechtsmediziner in Deutschland beklagen, daß durch laxe Leichenbeschau jeder zweite Mord als solcher nicht erkannt wird."

Dabei werden in diese Statistik nur jene Täter einbezogen, die mindestens drei Menschen getötet haben. Für den Serienmordexperten eine unsinnige Definition: "Wer einmal einen Menschen getötet hat, der macht eine kolossale Erfahrung. Der hat eine Hemmschwelle überschritten. Kommen eine persönliche Veranlagung und eine bestimmte Situation zusammen, wird der zweite Mord sehr leichtfallen."

Was aber macht den Unterschied aus? Warum können zwei Menschen im selben Viertel aufwachsen, zusammen zur Schule gehen - aus dem einen wird aber ein anständiger Mensch und aus dem anderen eine serienmordende Bestie? Harbort legt den Kopf in den Nacken. Nach einigen Sekunden beugt er sich vor und sagt: "Ich habe mit 30 deutschen Serienmördern gesprochen. Ich bin fest davon überzeugt, daß es das Böse gibt. Einmal hat es mich sogar unverhohlen angeblickt."

Das war während eines Gesprächs mit dem Wuppertaler Frauen- und Homosexuellen-Mörder Reiner Sturm. "Wir haben sechs Stunden gesprochen", erinnert sich Harbort. "Nach rund drei Stunden versuchte Sturm zu lachen. Doch es war nur eine Fratze, die mich da aus ausdruckslosen Augen anfletschte. In dem Moment wußte ich: Jetzt hat mich das Böse angeblickt." Hannibal Lecter, der Kannibale aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer", wäre gegen Sturm ein Waisenknabe.

Ähnliche Kaliber gibt es zuhauf: etwa den "St.-Pauli-Killer" Werner Pinzner. Der Berufskiller hatte 1986 im Hamburger Poliziepräsidium den Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst erschossen. "Ein grauenerregender Mensch", schüttelt sich Harbort. "Für den zählte ein Menschenleben gar nichts." Oder der Hamburger Kindermörder Franz-Josef Ludy. "Der hat in den 50er und 60er Jahren vier Menschen getötet, darunter zwei Kinder." Schließlich Thomas Holst, der "Heide-Mörder", der 1987 bis 1990 drei Frauen vergewaltigt und ermordet hatte. "Holst macht dafür das ,Böse' verantwortlich, das von ihm Besitz ergriffen habe."

Den "typischen Serienmörder" würde es jedoch nicht geben. Es gebe gewisse Muster, die häufig auftauchten: zum einen die "Signatur", das innere Drehbuch der tödlichen Phantasien, nach dem die Morde ausgeführt werden. Zum anderen der "Modus operandi", also die Art der Tatausführung (würgen, stechen, schießen, verstümmeln, etc.)

"Es gibt allerdings inzwischen genug dokumentierte Fälle, bei denen die Täter entweder ihren Modus operandi verändert haben oder sogar die Signatur. Ein Beispiel: der Berliner Hilfsweichenwächter Paul Ogorzow. Erst hat er Frauen aus der S-Bahn geworfen, später Frauen in einer Garten-Kolonie erschlagen. "Nach der Signatur-Theorie hätte es zwei Täter geben müssen", sagt Harbort. "Den S-Bahn-Mörder und den Gartenkolonie-Mörder."

Ein aktuelles Beispiel dafür ist auch Marc Hoffmann. Der 31jährige hat nicht nur zugegeben, die kleine Levke und den achtjährigen Felix umgebracht zu haben - er hat möglicherweise auch noch sechs weitere Menschen ermordet. Kinder wie Erwachsene. "Dieser Fall ist bislang einzigartig und stellt die bisherigen Theorien einmal mehr in Frage", sagt der Düsseldorfer Kriminologe. Denn die Polizei geht davon aus, daß Kindermörder entweder nur Jungen oder nur Mädchen töten.

Der grundlegende Antrieb eines solchen Täters ist die Befriedigung eines Bedürfnisses. "Diese Menschen haben in der Regel ein marginal ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich wertlos, nutzlos", erklärt Harbort. "Sie fühlen sich täglich erniedrigt. Mit dem Quälen und Töten versuchen sie, sich Geltung zu verschaffen. Einmal das Gefühl von Überlegenheit zu genießen."

Diese Bedürfnisse entspringen jedoch in der Regel gewaltbesetzten Phantasien, die im Laufe von Jahren das Bewußtsein beherrschen und darauf drängen, in die Realität umgesetzt zu werden. "Die Befriedigung dieser Vorstellungen vom Foltern, Töten, Ausweiden, Verstümmeln hält allerdings nur eine gewisse Zeit an", sagt der Experte. "Irgendwann entsteht es meist in verstärkter Form wieder. Das muß man sich wie die Arbeit des Sisyphus vorstellen."

Wie die Arbeit des Sisyphus kommt der Polizei gewiß auch die Arbeit an einer der unheimlichsten ungeklärten Mordserien der Bundesrepublik vor. Sie geht auf das Konto eines Unbekannten, der "Maskenmann" genannt wird. Seit 1992 soll er mindestens fünf Jungen getötet und 36 weitere mißbraucht haben. Diesen Täter hält Harbort für extrem gefährlich.

"Das ist ein Mensch mit hohem Planungsvermögen. Er sieht sich vor. Er trägt eine Maske. Er sucht sich die Tatorte - meist Internate - genau aus. Er ist in der Lage, das Vertrauen von Kindern zu gewinnen." Wer die Disziplin aufbringe, dies zwölf Jahre lang durchzuhalten, habe ein Stadium erreicht, "an dem keinerlei Tötungshemmung mehr vorhanden ist." Ein solcher Mensch töte dann nicht mehr nur Kinder. "Da kann ein banaler Streit mit jedem gewöhnlichen Menschen schon ausreichen, um einen Mord zu begehen."

Harbort blickt dabei von seinem Schreibtisch zu der Karte an der gegenüberliegenden Wand. Wenn er mit all dem zuvor gesagten recht behält, wird er schon bald einige bunte Stecknadeln mehr hineinpinnen müssen - vorausgesetzt, die Polizei kann den Maskenmann fassen und ihn hinter Gitter bringen.
erschienen am 23. März 2005 in Norddeutschland


Originalartikel

zurück zur Auswahl