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Mittelbadische Presse, 09.03.2002
von Christian Lukas

Das Geheimnis der Serienmörder - Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum ein Mensch zum Killer wird.

Die Statistik klingt kalt. Statistisch betrachtet wird ein Serienkiller in Deutschland im Durchschnitt dreieinhalb Jahre nach der Ausübung seines ersten Mordes verhaftet. In diesen dreieinhalb Jahren hat er sechs Menschen umgebracht. Hinter diesen nackten Zahlen verbirgt sich eines der großen Rätsel der Kriminalforschung: Warum wird eine Person zum Killer und tötet aus reiner Mordlust?

Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort beschäftigt sich seit acht Jahren mit dem Phänomen des Serienkillers. Inzwischen gilt er als Kapazität auf dem Gebiet. Er hat an verschiedenen Fach- und Polizeihochschulen in Deutschland gelehrt und er arbeitet für das Institut für angewandte Ermittlungspsychologie an der Universität von Liverpool. Mit "Das Hannibal-Syndrom" hat er inzwischen auch ein Buch über Serienkiller geschrieben.

Ein Profiler, der sich in den Geist eines Killers hineinversetzt, ist er nicht. "Ich bin Kriminalist und werte Daten aus, die wir aus Gesprächen mit inhaftierten Tätern erhalten oder während der Ermittlungen erlangt haben."

Und dies ist eine Sisyphusarbeit. Denn: "Jeder Fall ist anders."

Die klassische Kriminologie geht von klar nachweisbaren Motiven aus. Ein Bankräuber beispielsweise überfällt ein Kreditinstitut, um sich zu bereichern. Für solche Taten gibt es Anhaltspunkte, Verdächtige. Was aber geschieht bei einem Mord ohne erkennbares Motiv? Wird ein solcher Mord überhaupt als die Tat eines Serienkillers erkannt? Mit dem "Dragnet" ist in Liverpool inzwischen eine Datenbank entstanden, mit deren Hilfe Täterprofile von inhaftierten Mördern miteinander verglichen werden können. So sind Tausende von Informationen gesammelt worden, die heute wiederum bei der Fahndung nach aktiven Serienkillern Verwendung finden. "Aber die Zusammenarbeit und der Datenaustausch der einzelnen Polizeibehörden im In- und Ausland muss noch enger werden. Bei gewöhnlichen Kapitalverbrechen ebenso wie bei der Verfolgung von Serienmördern."

Die bekanntesten Forschungen hat die amerikanische Bundespolizei FBI auf diesem Gebiet angestellt. Ihre Definition, dass man einen Mörder als Serienkiller bezeichnet, wenn er drei oder mehr Menschen ermordet hat, ist weitestgehend von anderen Polizeibehörden übernommen worden. Die FBI-Forschungen gelten zwar als wegweisend, ihre Ergebnisse können jedoch nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden. In den US-Studien sind die meisten Serienkiller zum Beispiel gleichzeitig Sexualstraftäter. Hierzulande trifft dies auf "nur" 35 Prozent der Täter zu. Auch die Beobachtung der amerikanischen Polizei, dass Serienkiller oftmals Reisende (z. B. Handelsvertreter) sind, die häufig ihren Wohnort wechseln, ist auf Deutschland nicht übertragbar: "Im Gegenteil, wir wissen heute, dass die meisten Serienkiller in einem ihnen sehr gut bekannten Umfeld ihre Morde begehen."

Die Weite des nordamerikanischen Kontinents ist mit dem Leben auf einem relativ engen Raum wie dem in Deutschland nun einmal nicht zu vergleichen. Aber auch auf diesem Sektor gibt es hierzulande Ausnahmen. Wie das "Phantom von Kehl". Dieser Mann, ein Franzose, hat in Kehl und Straßburg Morde begangen. "Er zeigt, dass eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit notwendig ist, denn nur, weil ein solches Verhalten untypisch ist, heißt es nicht, es würde nicht passieren!"

In einem Punkt wiedersprechen die deutschen Daten den amerikanischen übrigens überraschend deutlich: Während US-Studien davon sprechen, dass Serienkiller in der Regel über eine sehr hohe Intelligenz verfügen, entspricht der Durchschnitts-IQ eines deutschen Serienmörders exakt dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Verblüffend ist oft die Akribie, mit der Serienmörder ihre Taten planen. "Opfer werden ausspioniert, Fluchtwege werden sorgfältig geplant. So hat vor einigen Jahren ein Hamburger Serienkiller ausschließlich Prostituierte aus dem untersten sozialen Milieu ermordet. "Er hat nur solche Frauen ausgewählt, die frei arbeiteten, die keine Kinder hatten, keine Familien." Vier Frauen hat er ermordet, nicht eine von ihnen ist als vermisst gemeldet worden. Überführt wurde der Mann aus reinem Zufall.

Zwischen 1945 und 1995 sind in Deutschland 61 Serienkiller überführt worden, etwa 22 Mordserien konnten in diesen 40 Jahren nicht (restlos) aufgeklärt werden. Ein Prozent aller Morde geht auf das Konto solcher Mörder. Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen.

"Nehmen wir an, wir verhaften einen Mörder, der zwei Menschen aus Mordlust getötet hat - nach den gültigen Definitionen wäre er kein Serienkiller, möglicherweise aber hat ihn nur die Verhaftung von weiteren Taten abgehalten. Mordlust. Immer wieder fällt dieser Begriff." Mordlust ist das Glied, das all diese Fälle verbindet. Ansonsten steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. "Viele Killer kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen. Warum aber werden sie zu Mördern, während andere Menschen, die aus ähnlichen Verhältnissen stammen, ein anständiges Leben führen?" Dies ist eine der vielen ungelösten Fragen, deren Antworten Stephan Harbort sucht.

Geweckt wurde sein persönliches Interesse, als er während seiner Ermittlungstätigkeit in Düsseldorf zweimal mit Serienkillern konfrontiert wurde. "Ich habe seinerzeit nach Untersuchungen und Studien gesucht, um mehr über diese Täter zu erfahren." Zu seiner Verblüffung musste er jedoch feststellen, dass es derartiges in Deutschland nicht gab.

Im Laufe der Jahre hat Harbort mit zwanzig inhaftierten Serienkillern gesprochen. Erschrocken war er über die Unauffälligkeit der Täter. "Von einer einzigen Ausnahme abgesehen waren sie während unserer Gespräche allesamt sehr höflich, freundlich." An der Äußerlichkeit oder an Umgangsformen ist kein Serienmörder zu erkennen. Die oft detaillierten Schilderungen ihrer Taten lassen aber selbst den erfahrenen Experten nicht kalt.

"In diesen Momenten muss ich ein kühler Analytiker bleiben". Dass ihm dies nicht immer leicht fällt, daraus macht er keinen Hehl. Zurzeit läuft in den deutschen Kinos der Film "From Hell", der sich mit den Taten Jack the Rippers auseinander setzt, einem Serienkiller, der, wie Harbort vermutet, vor allem berühmt geworden ist, da er in kürzester Zeit fünfmal zugeschlagen hat. "Dies ist ungewöhnlich." Normal liegen Monate, wenn nicht Jahre zwischen den Taten eines Serienkillers.

Doch auch der Fall Jack the Ripper zeigt: Jeder Fall ist anders.


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