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Neue Ruhr Zeitung, 22.02.2001

Zwischen Gänsehaut und Wissenschaft


Sie werfen dunkle Schatten auf die Geschichte Düsseldorfs, jene Jahre 1955 und 56, als der "Liebespaar-Mörder" Werner B. am Stockumer Rheinufer den 26-jährigen Bäcker und seine Braut (22) in ihrem Auto erschoss. Fünfmal tötete der 31-Jährige aus Lust und Habgier "und gehörte damals wie heute zu den bislang in der Republik unerforschten Serienmördern", sagt Stephan Harbort, 36, Kriminaloberkommissar. Sechs Jahre nahm er sich jener Menschen an, die die Quintessenz des Bösen symbolisieren. 352 Seiten tippte er in den Computer, titelte das Werk "Hannibal Syndrom" - ab 13. März liegt es in den Buchhandlungen.

Was nur bringt einen glücklich verheirateten Mann dazu, sich mit Menschen zu beschäftigen, denen wir Attribute wie "Bestie" oder "Schlächter" geben? "Wir wissen einfach zu wenig über diese Mörder", sagt Harbort, der, setzt er sich in sein Arbeitszimmer, seine Füße mit Filzpantoffeln wärmt, auf denen gestickte Eisbären blitzen. "Viele Vorurteile entspringen den viel zitierten aber schlecht recherchierten Schriften des FBI." Die Amerikaner hätten es sich zu einfach gemacht. Für sie haben diese Menschen prinzipiell eine schlechte Kindheit, kaltherzige Eltern. Harbort: "Mein Buch soll eine aufklärende Erzählung sein, die jeder verstehen kann. Ich will Vorurteile ausräumen, dass Serienmörder nur aus eigenem Antrieb handeln. Das moralische Umfeld gehört mit auf die Anklagebank." Ein Drittel der Täter sendete vor den Morden ganz konkrete Hilferufe an Verwandte und Bekannte. "Ich kann belegen, dass die Behauptungen des FBI einer systematischen Überprüfung nicht standhalten." Genau dies hat der 36-Jährige nachgeholt. Seit 1996 traf er elf Männer und eine Frau, die in Serie mordeten. In seinem Buch beginnt er mit Fakten. Doch es ist keine Lektüre für zaghafte Gemüter. In 15 Kapiteln, die er "Kopf im Kühlschrank" oder "Der elfte Finger" titelt, finden sich brutale Rituale, Handlungen, von denen man kaum sprechen kann, und die doch einem Menschen von einem anderen angetan wurden. So wie die Qualen, die 17 alte Frauen und Männer aus Köln ertragen mussten. Gift, immer höher portioniert, verabreichte ihnen die Krankenpflegerin Marianne N. - bis sie starben. Dann bereicherte N. sich an ihren Opfern, plünderte Geld- Schmuckschatullen. 1991 wurde sie verhaftet: Zweimal lebenslänglich lautete das Urteil für 17 vollendete und 18 versuchte Morde. "Die heute 65-Jährige ist die einzige Frau, die mit mir sprechen wollte. Sie handelte aus Habgier, hat allerdings mitnichten die Merkmale, die ihr die Amerikaner aufdrücken würden", erzählt Harbort. Marianne N. war bereits vermögend, doch sie litt unter ihrer unglücklichen Ehe "und hatte die abnorme Vorstellung, durch noch mehr Geld Anerkennung zu finden", zeichnet der Kriminalkommissar ein ganz anderes Bild auf - und findet damit höchstes Lob bei Professor David Canter. Der Direktor des Zentrums für Ermittlungspsychologie an der Universität Liverpool ist nicht der Einzige, der Harborts fundierte Forschungen nicht mehr missen mag. Auch die Uni Wuppertal meldete Interesse an der für Canter erstellten geographischen Fallanalyse an. "Das habe ich neben dem Buch gemacht, sie zeichnet anhand von 60 Mordfällen auf, wie weit Wohnort, Arbeitsplatz und Tatort voneinander entfernt liegen", erklärt der Stockumer, der inzwischen zu einem begehrten Interview-Partner geworden ist. 130 Medien wollten ihn in den vergangenen sechs Jahren sprechen, 110 bekamen eine Absage. Gerne steigt er jedoch heute um 22 Uhr ins NDR Riverboat, um für "Das Hannibal Syndrom" zu werben, "damit die 30 000 Mark wieder reinkommen, die ich in mein Werk gesteckt habe", hofft Harbort.


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