Pressespiegel (Auswahl) Zur Person Süddeutsche Zeitung, 17.10.2002 von Guido Kleinhubbert Feierabend am menschlichen Abgrund - Der Kriminalbeamte Stephan Harbort gilt als führender Experte in Sachen Serienmord. Dieser Tage erscheint sein neues Buch. Wer das Böse ergründen will, könnte nach Düsseldorf-Stockum fahren und einen Mann namens Stephan Harbort besuchen. Der 38-Jährige wird seinen Gast durch einen schmalen Flur führen und am Ende eine dunkle Eichentür öffnen. Dahinter liegt ein Büro, nur fünf Quadratmeter groß. Es ist voll gestopft mit zwei Schreibtischen, Regalen und Zeugnissen menschlicher Abgründe. Sie stecken in Aktenordnern, hängen an der Wand und weisen Harbort als Experten in Sachen "Serienmord" aus. Jetzt hat der Düsseldorfer Kriminalbeamte sein zweites Buch geschrieben. Es heißt "Mörderisches Profil" und ist seit Anfang der Woche im Handel. "Schauen Sie sich ruhig um", sagt Harbort und setzt sich auf einen Drehstuhl. Der erste Blick fällt auf eine Deutschlandkarte, in der Hunderte Nadeln stecken. Jede einzelne steht für einen Mord, der Teil einer Serie sein könnte: Im Großraum Köln ist es besonders eng. Im Regal hinten links stehen Aktenordner mit den Namen Bartsch, Rung und David. Die Akte "Joachim Kroll" ist besonders dick. Wer darin blättert, erfährt, dass dieser Mann aus Duisburg stammt, 14 Mädchen und Frauen umbrachte und sich anschließend an ihren Leichen verging. Dann sagt Harbort etwas Beunruhigendes: "Hier in Deutschland laufen mindestens fünf solcher Serientäter frei herum." Es ist ein Satz, der eine fast zehnjährige Entstehungsgeschichte hat. Mitte der 9034 entdeckte Harbort eine Lücke in der Kriminalitätsforschung. In Deutschland war bis dato keine ernsthafte Arbeit zum Thema Serienmord erschienen. Das war ungewöhnlich, denn seit dem Zweiten Weltkrieg hatte es schon fast 100 Mörder gegeben, die mehr als drei Opfer hatten. Er sprach mit Ermittlern, Staatsanwälten und Rechtsmedizinern. Er streifte durch Staatsarchive, Zeitungsredaktionen und Gerichtskeller. In Vernehmungsprotokollen, Zeitungsartikeln und Obduktionsberichten las er von Kannibalen, Kindermördern und Folterknechten. Einer hatte schon im Kindesalter Schweine zerlegt, ein anderer ließ sich von Geisterstimmen leiten. "Es war grauenhaft", sagt Harbort. Ende der 90er hatte der Polizist so viele Daten zusammengetragen, dass er bei vielen seiner Kollegen plötzlich als Deutschlands führender Fachmann in Sachen Serienmord galt. Er bekam Lehraufträge, beriet Filmemacher und schriebe die Recherche-Ergebnisse in seinem ersten Buch "Das Hannibal-Syndrom" nieder. Darin kommt er zu einem Schluss, der ihm logisch erschien: Weil sich viele Täter an kein Muster hielten, wurden einige Mordserien gar nicht als solche erkannt. Sie erstreckten sich vermutlich schon über etliche Jahre und seien wohl noch längst nicht zu Ende. "Eines ist gewiss", sagt Harbort, "solange sie nicht gefasst werden, hören solche Täter nicht auf. Sie wechseln vielleicht den Ort, aber sie hören nicht auf." Um Serienmörder zu stellen, müssten alle Kräfte gebündelt werden, sagt Harbort. Psychologen, Rechtsmediziner und Polizisten sollten sich häufiger an einen Tisch setzen und aufhören, "ihr eigenes Süppchen zu kochen". Sie sollten zusammentragen, was sie über Menschen wie Kroll und Bartsch wissen, eine Art Frühwarnsystem entwickeln und dabei fast alles über Bord werfen, was sie aus den USA wissen. Denn dort, wo die ersten Studien über Serienmorde veröffentlicht wurden, sei die Heimat verhängnisvoller Klischees: Dass der gemeine Serienmörder oft ein Intelligenzbolzen wie Hannibal Lecter sei, meist ein gestörtes Verhältnis zur Mutter habe und sich fast ausschließlich von sexuellen Motiven leiten lasse. "Wer sich von diesem Bild leiten lässt, läuft in die Irre", sagt Harbort und zitiert eine seiner eigenen Untersuchungen. Danach hat der deutsche Serienmörder einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 99,8 und repräsentiert damit die Mitte der Gesellschaft. Das einzige, was Serienmörder verbinde, sei folgendes: "Mord wird zu einer Mission, zur Lebens- und Überlebensphilosophie, für viele gar zum Lebensinhalt." Um zu ergründen, was in Menschen vorgeht, die Lust am Töten haben, hat Harbort einige von ihnen getroffen. Mit einem dreifachen Mörder sprach er sechs Stunden und hörte kein Wort der Reue: Alle seine Opfer hätten den Tod verdient, sagte der Mann. Ein anderer schrieb ihm nach seinem Besuch mehrere Briefe aus der Justizvollzugsanstalt Straubing und versuchte auf mindestens 20 Seiten handschriftlich zu erklären, dass seine sieben Morde "eine Kette unglücklicher Umstände und Verstrickungen" gewesen seien. Andere redeten stundenlang, verloren aber kein einziges Wort über ihre Taten. "Es ist schwer, diesen Menschen in die Seele zu schauen", sagt Harbort. Weil sich sein erstes Buch sehr gut verkauft hat und sein zweites viele Vorschusslorbeeren bekam, arbeitet Harbort schon an seinem dritten Werk. Dieses Mal soll es um Menschen wie Robert Steinhäuser gehen, den Amokläufer von Erfurt. So werden sich Harborts Feierabende auch zukünftig um Mord und Totschlag drehen. Da sei es gut, dass es in seinem eigentlichen Berufsleben etwas unspektakulärer zugehe, sagt Harbort: Bei der Düsseldorfer Polizei arbeitet er in einem Dezernat für Betrugsdelikte. "Man kann nicht den ganzen Tag mit Mördern zubringen." |