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DER SPIEGEL, 04.10.1999

Mörderisches Mirakel

Von Andreas Ulrich

Zum ersten Mal erklärt eine Studie, was deutsche Serienkiller umtreibt. Eine Checkliste soll jetzt Fahndern helfen, Verdächtige schneller aufzuspüren

"Die Opfer waren Frauen, ansonsten schien so gut wie nichts fünf Morde und drei Mordversuche miteinander zu verbinden, die Fahnder Ende der achtziger Jahre im Raum Essen aufklären sollten. Die älteste der Frauen, Elisabeth Fey, 81, musste sterben, weil der Mörder Bares suchte; 150 Mark und eine Stange Zigaretten erbeutete er. Eine der jüngsten, Petra Kleinschmidt, 23, war offenbar einem Sexualtäter zum Opfer gefallen, sie wurde vergewaltigt und dann erstochen.

Acht verschiedene Mordkommissionen und Ermittlungsgruppen jagten also jeweils einen Täter. 128 Kripo-Beamte verfolgten 824 Spuren und sammelten 3900 Überstunden - ohne Erfolg. Schließlich brachte ein Zufall den Durchbruch: Im August 1989 wurde die Altenpflegerin Manuela M., 38, in ihrer Wohnung überfallen. Als eine Nachbarin vorbeikam. floh der Täter - und verlor dabei eine Kamera.

Auf dem Film waren ein Mann und ein Auto zu sehen. Das Kennzeichen des Wagens führte die Beamten auf die Spur des Besitzers, des Arbeitslosen Ulrich Schmidt, damals 32. Nach kriminaltechnischen Untersuchungen glaubten die Ermittler bald, den Täter in allen acht Fällen gefunden zu haben. Vier vollendete und zwei versuchte Morde konnten sie ihm schließlich gerichtsfest nachweisen, Serienmörder Schmidt wurde 1992 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Fall ist bezeichnend, weil Schmidt mal aus diesem, mal aus jenem Motiv tötete. Er widerspricht sowohl dem Bild vom kühl kalkulierenden als auch dem vom psychisch kranken Serienkiller, das noch in der kriminalistischen Literatur vorherrscht. Mit Fällen wie diesem erschüttert der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort jetzt in der ersten deutschen Studie zu dem Phänomen nicht nur gängige, meist aus den USA stammende Theorien über Serientäter. Der Beamte im Dienst des Düsseldorfer Polizeipräsidiums hat auch eine Checkliste ausgetüftelt, mit der Kollegen solche Täter künftig schneller entdecken sollen.

8,4 Prozent aller Raub- und Sexualmorde in Deutschland, fand Harbort, 35, heraus, werden von Serientätern wie dem so genannten Heidemörder Thomas Holst verübt. Über Jahre hinweg analysierte der Polizist die Akten aller Verbrecher, die von Kriegsende bis 1995 in den alten Bundesländern wegen mindestens dreier Morde überführt wurden: Es waren 54 Männer und 7 Frauen.

Bisherige Studien, vor allem von der amerikanischen Bundespolizei FBI vorgelegt, lehren, dass die meisten Serientäter sexuelle Motive hätten. Das, so Harbort, gäben zumindest die deutschen Fälle keineswegs her. Der Beamte stieß ebenso häufig etwa auf Raubmörder. Bei Serientaten automatisch sexuelle Motive zu vermuten, so Harbort, sei "eine unangemessene Simplifizierung".

Bei dem Tischler Gerhard Schröder aus Bremen beispielsweise, der Ende der achtziger Jahre drei Prostituierte ermordete, lag es nahe, dass die Polizei zunächst nach einem Lustmörder suchte - ein Fehler, der Schröder Zeit gab. In Wahrheit mussten die Frauen sterben, weil Schröder viel Bargeld bei ihnen vermutete.

Serienmörder sind schon deshalb schwerer zu fassen als andere Täter, weil zwischen ihnen und ihren Opfern, so Harbort, nur selten eine Beziehung bestehe. Sie liefen sich in der Regel zufällig über den Weg.

Um eine Mordserie trotzdem schnell erkennen und vielleicht stoppen zu können, setzt das Bundeskriminalamt (BKA) seit vier Wochen das in Kanada entwickelte Computerprogramm "Viclas" (Violent Crime Linkage Analysis System) ein. Fahnder sollen nun bei jedem Mord und Sexualdelikt 168 Standardfragen zu Spuren und Tathergang beantworten. Ein BKA-Rechner sucht dann nach Mustern, die einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Taten aufdecken könnten. Zudem beschloss die Innenministerkonferenz im Mai die Einführung von Expertenteams für die "Operative Fallanalyse" in allen Landeskriminalämtern. Vom Zustand des Tatortes und der Leiche sollen die Teams Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Täters ziehen. Doch Harborts Untersuchung zeigt, dass sie anhand von Mustern nach Mördern suchen, die auf viele Fälle nicht passen.

Die Mordermittler stützen sich bislang überwiegend auf die Erkenntnisse des FBI, das Mitte der siebziger Jahre mit der Erforschung des Psyche von Sexualmördern begann. Die werden zwar oft zu Serientätern. Das aber, und da liegt ein Grundfehler der bisherigen Studien, heißt noch lange nicht, dass im Umkehrschluss alle Serientäter auch aus sexuellen Motiven töten.

Der deutsche Serientäter ist Harborts Studie zufolge nur mäßig bis durchschnittlich intelligent, von ausgesprochener Gemütsarmut und vorbestraft. Seine Kindheit ist geprägt von emotionaler Kälte, Alkoholismus und Gewalt, auffallend häufig werden bei Serienmördern Gehirnanomalien festgestellt.

In vielen wichtigen Punkten machte der deutsche Kripo-Mann andere Beobachtungen als die FBI-Experten. Deutsche Serienmörder inszenieren ihren Tatort beispielsweise nicht, sie hinterlassen nur selten charakteristische Verwüstungen und nehmen keine makabren Trophäen mit.

Auch die FBI-These, dass Serienkiller oft an weit auseinander liegenden Stellen zuschlagen, fand Harbort in Deutschland nicht bestätigt: "Der deutsche Serienmörder sucht seine Opfer meist im Umkreis von weniger als 30 Kilometern vom Wohnort." Der so genannte Würger von Ricklingen etwa war ein klassischer Sexualmörder, der seine Opfer zudem noch ausraubte. Rodek Z., laut einem psychiatrischen Fachgutachten eine "narzisstische Persönlichkeit mit einem relativ hohen Maß an Verletzlichkeit", erdrosselte zwischen 1986 und 1993 fünf Menschen - alle in seiner direkten Nachbarschaft in Hannover.

Auch das Krimi-Klischee vom überdurchschnittlich intelligenten Serienkiller, der wie in dem Kino-Thriller "Das Schweigen der Lämmer" mit berechnender Kälte über einen langen Zeitraum hinweg sein diabolisches Spiel mit der Polizei treibt, verweist Harbort ins Reich der Fabeln. In der deutschen Wirklichkeit ist genau das Gegenteil die Regel: Halbwegs intelligente Killer werden im Schnitt viereinhalb Jahre nach ihrem ersten Mord überführt, für debile Serienmörder hingegen braucht die Polizei doppelt so lange.

Wahrscheinlich, meint Harbort, blieben ausgesprochen dumme Täter deshalb länger unentdeckt, weil sie in ihrem Verhalten nicht dem logischen Raster der ermittelnden Beamten entsprächen: "Die abnorme Persönlichkeit des Serientäters lässt das mörderische Mirakel leicht zum kriminalistischen Debakel geraten."

Als schrecklicher Rekordhalter unter den deutschen Serientätern gilt noch immer der Waschraumwärter Joachim Georg Kroll aus Duisburg, Ende der siebziger Jahre zu lebenslanger Haft verurteilt. Von den Grundrechenarten beherrschte Kroll lediglich Addition und Subtraktion, seine Version der deutschen Rechtschreibung war extrem eigenwillig, und sein Intelligenzquotient lag mit 76 nur knapp über dem, was man für ein verständliches Gespräch unbedingt braucht.

Trotzdem konnte Kroll in mehr als 20 Jahren mindestens acht Menschen ermorden, bevor er gefasst wurde. Vermutlich waren es weit mehr, doch vermochte der geständige Kroll sich vor Gericht an vieles nicht mehr zu erinnern.

Für die künftige Polizeiarbeit hat Harbort in seiner Studie eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe Fahnder nun Verdächtige einstufen können. Sie beruht anders als Viclas nicht auf Vergleichen der Tatorte, sondern auf Täterprofilen und enthält 20 unterschiedlich gewichtete Indikatoren - von "Person gilt als zurückhaltend und unnahbar" bis "wegen deliktspezifischer Taten in Erscheinung getreten". Ein Mensch, der über 70 Prozent der Kriterien-Punkte erreicht, kommt laut Harbort als Verdächtiger in Betracht.

Das rein schematische Verfahren, das zeigen jüngere Fälle, scheint zu funktionieren. Der Buchhändler Rolf Diesterweg etwa, 1997 als unter anderem der zehnjährigen Kim Kerkow aus dem friesischen Varel überführt, erreicht 86,19 Prozent auf der Harbort-Skala. Nicht-Täter, das ergaben Stichproben, kommen selten über 50 Prozent. "Diese Kriterien", sagt Harbort, "können der Polizei helfen, den Kreis der Verdächtigen schnell einzugrenzen und verhindern, dass beispielsweise tausende von Männern zum Speicheltest müssen."

Zu ebenso aufwendigen wie teuren Massen-Gentets mussten Polizisten im April 1998 bei der Suche nach dem Mörder der 13-jährigen Ulrike Everts und der 11-jährigen Christina Nytsch greifen. Das Harbort-Profil hätte theoretisch schneller zum Erfolg führen können: Der Täter Ronny Rieken kommt, wie sich nach seiner Festnahme ergab, auf über 78 Prozent.

Rieken wäre freilich trotzdem zunächst durch das Raster gefallen: Auf Grund einer Schlamperei fehlte in seiner Akte ein Hinweis darauf, dass er wegen Vergewaltigung vorbestraft war."


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