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Stuttgarter Zeitung, 11.05.2004

Kriminalistik - Serienmördern auf der Spur

Düsseldorf/Frankfurt - Wer sich auf Stephan Harborts Statistiken einlässt, kann schnell das Grauen bekommen. Mindestens zehn aktive Serienmörder sind nach Schätzung des Düsseldorfer Hauptkommissars in Deutschland derzeit auf freiem Fuß und könnten jederzeit erneut zuschlagen. Der 40 Jahre alte Kriminalist und Buchautor beschäftigt sich bereits seit mehr als zehn Jahren auch wissenschaftlich mit dem Phänomen von Mordserien mit drei und mehr Opfern seit 1945 in Deutschland.

19 Serien aus zusammen 75 Einzeltaten sind nach Harborts umfangreicher Analyse von Prozess- und Polizeiakten nicht geklärt worden. Dem stehen 95 überführte Serientäter gegenüber, unter ihnen 13 Frauen. Ihnen konnten 404 Morde sicher nachgewiesen und weitere 51 Taten als wahrscheinlich unterstellt werden. Die 19 unentdeckten Mörder, so sie noch leben, laufen möglicherweise immer noch frei herum. 60 Prozent von ihnen haben ihre Bluttaten laut Harbort aus sexuellen Motiven begangen, ein Drittel sei auf Raubgut aus gewesen.

So sind etwa in den Jahren 2000 und 2001 vier türkische Kleinunternehmer in Hamburg, Nürnberg und München mit ein und derselben Waffe in den Kopf geschossen worden. Von 1975 bis 1977 wurden in Wäldern, Wiesen und an den Ufern des Flusses Leine rund um Hannover Leichenteile von mindestens fünf verschiedenen Menschen gefunden, ohne dass die Ermittler auch nur in die Nähe des nach Harborts Einschätzung "hochpathologischen" Täters gekommen wären. Dass dieser einfach mit dem Morden aufgehört haben könnte, glaubt der Kriminalist nicht: "Vielleicht ist er gestorben oder wegen einer anderen Sache ins Gefängnis gekommen."

Mit einem "glasklaren Serientäter" hat es die Polizei auch rund um Bremen zu tun. Dort sind drei Jungen aus einem Zeltlager, einem Schullandheim und einem Internat verschwunden und später tot aufgefunden worden. Dazu kommen in der Gegend 26 ungeklärte Fälle von Notzucht an Jungen im Alter zwischen 9 und 14 Jahren.

--- Immerhin - ein Phantombild hat die Polizei vom so genannten "Harzmörder", der von 1991 bis 1996 im Raum Walkenried-Nordhausen- Bad-Sachsa vier Menschen erschossen und zwei von ihnen zerstückelt hat. In der Hauptstadt Berlin blieb eine Dreier-Serie ungeklärt, deren zwischen 56 und 83 Jahre alten Frauen im eigenen Hausflur von einem Unbekannten mit einem Messer erstochen worden sind. Sieben tote Stricher waren bei den "Kläranlagen-Morden" Ende der 70er Jahre im Rhein-Main-Gebiet zu beklagen, zu denen es ebenso wenig eine Anklage gegeben hat wie zu einer Serie von sieben Frauenmorden 1969/1970 in der Nähe von Norderstedt bei Hamburg.

Mordserien, das weiß jeder Krimi-Konsument, sind für die Polizei besonders unangenehm: Künftige Opfer müssen vor Unheil bewahrt und der Presse möglichst schnell Ergebnisse präsentiert werden. Dabei sind die Voraussetzungen für einen unmittelbaren Erfolg denkbar ungünstig, denn zwischen Täter und Opfer bei Serien bestanden vorher in aller Regel keine sozialen Beziehungen, an denen die Kripo anknüpfen könnte. Die Aufklärungs- und Verurteilungsquoten bei Serienmorden hinken daher auch deutlich hinter denen bei der allgemeinen Tötungsdelinquenz hinterher.

Immer gleichförmige Tatorte und Verhaltensmuster hinterlassen vor allem sadistisch veranlagte Mörder, sagt Experte Harbort. "Die haben ihre Tat schon vorfantasiert, sind aber vergleichsweise selten." Deutlich beschränkte Verbrecher gingen häufig nach "Schema F" vor, das sich beim ersten Mal bewährt habe. In der Regel seien Täter aber immer gerne bereit, aus ihren Erfahrungen zu lernen und ihr Verhalten zu ändern.

--- Mit einem der düstersten deutschen Serienmörder, dem 1991 gestorbenen Duisburger Waschraumwärter Joachim Georg Kroll, hat Harbort sich in seinem aktuellen Buch beschäftigt ("Ich musste sie kaputt machen", Droste-Verlag). Über 22 Jahre hinweg hat der mit einem Intelligenzquotienten von 78 grenzdebile Mann im Ruhrgebiet und am Niederrhein mindestens zwölf Menschen ermordet. An weitere Verbrechen konnte sich der Mann bei seiner Gerichtsverhandlung nur schemenhaft erinnern. Die Polizei kam ihm 1976 nur mit Hilfe des "Kommissars Zufall" auf die Spur, als Kroll mit Leichenteilen eines vier Jahre alten Mädchens seine Toilette verstopft hatte. Er hatte zuvor einige Körperteile der Kleinen gekocht und von ihnen probiert.

Auch der Prostituiertenmörder Fritz Honka aus Hamburg wurde nur zufällig entdeckt, als 1975 bei einem Dachstuhlbrand in seinem Haus in Altona Feuerwehrleute Leichenteile fanden. Noch in der Nacht gestand der unscheinbare Nachtwächter vier Morde an älteren Huren, die auf St. Pauli niemand vermisst hatte. Nach Haft und Psychiatrie durfte der mit einer neuen Identität versehene Honka seinen Lebensabend in Freiheit verbringen: In einem Altersheim im Ostseebad Scharbeutz starb er unerkannt im Jahr 1998.

Die meisten Menschen in der Geschichte der deutschen Nachkriegs- Serienmörder hat nach Harborts Analyse aber eine Frau auf dem Gewissen. Die heute 68 Jahre alte Altenpflegerin Marianne Nölle aus Köln hat nach Meinung der Kripo 17 vollendete und 18 versuchte Morde begangen. Zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist sie 1993 wegen sieben nachgewiesener Taten aus den Jahren 1984 bis 1992. Immer habe sie ihren Patienten überhöhte Dosen des Beruhigungsmittels Truxal verabreicht und bis heute im Gefängnis kein Geständnis abgelegt. Auf die Spur der tödlichen Schwester kam die Kripo wegen einer Diebstahlsanzeige, die der Sohn einer Patientin gestellt hatte.

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Die Zahl der mindestens zehn aktiven Serienmörder schließt Hauptkommissar Harbort aus mehreren Quellen. So habe es allein in den vergangenen 15 Jahren sechs ungeklärte Mordserien mit mindestens drei Opfern gegeben, in weiteren neun Verdachtsfällen mit zwei Toten gehe die Polizei von einer "erheblichen Wiederholungsgefahr" beim unbekannt gebliebenen Täter aus. Längst nicht alle Serien werden zudem als solche erkannt. Rechtsmediziner beklagen seit Jahren, dass wegen der mangelhaften Leichenschau vor allem der Hausärzte etwa jeder zweite Mord in Deutschland unentdeckt bleibe.

Weitere Unzulänglichkeiten bei Polizei und Justiz und das vermehrte Versagen der sozialen Selbstkontrolle haben laut Harbort in der Vergangenheit ebenso zu verborgenen Serien beigetragen wie die Mörder selbst, wenn sie gezielt ihre Taten so stark variieren, dass Zusammenhänge nicht oder erst sehr spät zu erkennen waren. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Arbeitslose Ulrich Schmidt, dem fünf völlig verschiedene Morde und drei Mordversuche rund um Essen zugeschrieben werden. Mal brachte er eine 81 Jahre alte Rentnerin wegen einer Beute von 150 Mark um, beim nächsten Mal vergewaltigte er eine 23-Jährige und erstach sie danach.

Die Profiling-Methoden der US-amerikanischen Bundespolizei FBI lassen sich nach übereinstimmender Meinung zahlreicher Experten nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen. So neigen deutsche Täter viel weniger zu Inszenierungen ihrer Tatorte als in den USA und reisen auch nicht so viel herum. Sie suchen sich ihre Opfer meist im Umfeld von 30 Kilometern rund um ihren Wohnort.

Bei den Kriminalämtern von Bund und Ländern hat sich in den vergangenen Jahren die "Operative Fallanalyse" etabliert, bei der nicht direkt in die Ermittlungen eingebundene Beamte nach Mustern und Gemeinsamkeiten suchen, die Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Täter zulassen. Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei die flächendeckend eingeführte Datenbank VICLAS (Violent Crime Linkage Analysis System) aus Kanada, die mit 168 Standardfragen Verbindungen zwischen einzelnen Taten erkennen soll. "VICLAS ist eine gute Sache, aber man darf sich nicht allein auf den Computer verlassen", sagt Harbort.


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