Pressespiegel (Auswahl) Zur Person Virus, 10/2004 Der Finder des Bösen! Von Christian Lukas Stephan Harbort - Autor und Kriminalist Seit Hannibal Lecter im Schweigen der Lämmer gleich vier Oscars einheimste, gehört die Figur des Serienkillers zweifellos zu den erschreckendsten, aber gleichzeitig auch faszinierendsten Figuren im Kino und im Fernsehen. Früher kannte man Filme über Killer, die sich hinter Masken verstecken, die bei ihren Opfern christliche Zitate in Blut geschrieben an den Wänden hinterlassen, oder die einfach nur "just for fun" ihrem Handwerk nachgehen, nur aus den hintersten Ecken der Videothek des Vertrauens. Seit Hannibal Lecter aber seinen Darsteller sogar geadelt hat, lassen Serienkiller Kinokassen klingeln und liefern sogar Stoff für Fernsehserien. Millennium und Profiler stellten vor Jahren die Jäger in den Mittelpunkt des Geschehens, aber auch Serien wie CSI oder Crossing Jordan, Hochglanzprodukte aus Hollywoods Fernsehkiste, konfrontieren den Zuschauer immer wieder mit Hannibal Lecters Brüdern und Schwestern. Das ist die Fiktion. In der Realität klingen die Fakten über Serienkiller nüchtern und gerade in ihrer Nüchternheit erschreckend. Rein statistisch betrachtet zum Beispiel wird ein Serienkiller in Deutschland im Durchschnitt dreieinhalb Jahre nach der Ausübung seines ersten Mordes verhaftet. In diesen dreieinhalb Jahren hat er sechs Menschen ermordet. Aber warum wird ein Mensch zum Serienkiller? Was weckt in ihm die Mordlust, zwingt ihn dazu, andere Menschen zu töten? Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit dem Phänomen des Serienkillers. Er hat an verschiedenen Fach- und Polizeihochschulen in Deutschland gelehrt, außerdem arbeitet er für das Institut für angewandte Ermittlungspsychologie an der Universität Liverpool. Ach ja: Und er schreibt über das Phänomen Serienkiller. Wie in Mörderisches Profil, einem seiner letzten Werke, das sich ganz und gar dem Phänomen widmet. Harbort ist kein Profiler, wie man ihn aus einer Serie wie Millennium kennt, der sich in den Geist des Killers hineinversetzt und mit ihm "verschmilzt". "Ich bin Kriminalist und werte Daten aus, die meine Kollegen und ich aus Gesprächen mit inhaftierten Tätern erhalten oder während der Ermittlungen erlangt haben." Dies ist eine Sisyphusarbeit. Denn: "Jeder Fall ist anders." Die klassische Kriminologie geht bei einem Verbrechen von klar nachweisbaren Motiven aus. Ein Beispiel: Ein Bankräuber überfällt eine Bank, um sich zu bereichern. Aus Gier, vielleicht hat er Schulden. Es gibt Anhaltspunkte, Verdächtige, man kann eine Spur verfolgen, Indizien sammeln. Was aber geschieht bei einem Mord ohne erkennbares Motiv? Wird ein solcher Mord überhaupt als die Tat eines Serientäters erkannt? Mit dem Dragnet, an deren Initiierung Harbort maßgeblich beteiligt gewesen ist, ist in Liverpool inzwischen eine Datenbank entstanden, mit deren Hilfe Täterprofile von inhaftierten Mördern miteinander verglichen werden können. So sind Tausende Informationen über Serienmörder gesammelt worden, die heute wiederum bei der Fahndung nach aktiven Serienkillern Verwendung finden. Doch es hapert in Europa am Informationsaustausch, bemängelt Harbort. Dass es in Europa tatsächlich ein Dragnet gibt, das akribisch Daten sammelt und abgleicht, mag manch einen überraschen, denn das Phänomen Serienkiller kennen wir eigentlich aus den USA - und das nicht nur, weil Hollywood immer wieder Lecters Erben auf Kinozuschauer und Fernsehgucker loslässt. Es liegt sicher auch daran, dass das FBI einfach bessere PR fährt als europäische Polizeibehörden und gerne spektakuläre Forschungsarbeiten in der Öffentlichkeit präsentiert. So stammt die Definition, dass ein Mörder dann als Serienkiller bezeichnet wird, wenn er mindestens drei Menschen aus reiner Mordlust ermordet hat, aus den Denkwerkstätten des FBI. Auch gelten die FBI-Forschungen international als wegweisend, einfach übertragen kann man sie aber zum Beispiel auf Deutschland nicht. In den US-Studien sind die meisten Serienkiller gleichzeitig Sexualstraftäter. Hierzulande trifft dies auf "nur" 35 Prozent der Täter zu. Auch die Beobachtung der amerikanischen Polizei, dass Serienkiller oftmals Reisende (z. B. Handelsvertreter) sind, die häufig ihren Wohnort wechseln, ist auf Deutschland nicht übertragbar. "Ganz im Gegenteil", erzählt Stephan Harbort, "wir wissen heute, dass die meisten Serienmörder hierzulande in einem geographisch überschaubaren Umfeld ihre Morde begehen, überwiegend weniger als 20 Kilometer von ihrer Wohnung entfernt." Die Weite des amerikanischen Kontinents ist mit dem Leben auf einem relativ engen Raum wie dem in Deutschland eben nicht zu vergleichen. Aber auch auf diesem Sektor gibt es hierzulande Ausnahmen. Wie das "Phantom von Kehl". Der Franzose Jacques Plumain mordete im badischen Kehl, beging aber auch in seiner badischen Heimat Morde. "Dieser Fall zeigt, dass eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit notwendig ist, denn nur, weil ein solches Verhalten hier in Europa untypisch ist, heißt es nicht, es würde nicht geschehen!" In einem Punkt widersprechen die deutschen Daten den amerikanischen übrigens überraschend deutlich: Während US-Studien davon sprechen, dass Serienkiller in der Regel über eine sehr hohe Intelligenz verfügen, entspricht der Durchschnitts-IQ eines deutschen Serienmörders exakt dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Verblüffend ist die Akribie, mit der Serienmörder ihre Taten planen. "Opfer werden ausspioniert, Fluchtwege werden sorgfältig geplant." So hat vor einigen Jahren ein Hamburger Serienkiller ausschließlich Prostituierte aus dem untersten Milieu getötet. "Er hat nur solche Frauen ausgewählt, die frei arbeiteten, die keine Kinder hatten, keine Familien." Vier Frauen hat er ermordet, nicht eine von ihnen ist als vermisst gemeldet worden. Überführt wurde der Mann aus reinem Zufall. Zwischen 1945 und 1995 sind in Deutschland 61 Serienkiller überführt worden, etwa 23 Mordserien konnten nicht aufgeklärt werden. Insgesamt geht ein Prozent aller Morde auf das Konto von Serienkillern. Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. "Nehmen wir an, wir verhaften einen Mörder, der zwei Menschen aus Mordlust getötet hat - nach den gültigen Definitionen wäre er kein Serienkiller, möglicherweise hat ihn aber nur die Verhaftung von weiteren Taten abgehalten." Mordlust. Immer wieder fällt dieser Begriff. Mordlust ist das Glied, das all diese Fälle verbindet. Ansonsten steckt die Forschung in den Kinderschuhen. "Viele Täter kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen. Warum aber werden sie zu Mördern, während andere Menschen, die aus ähnlichen Verhältnissen stammen, ein normales Leben führen?" Dies ist eine der vielen ungelösten Fragen, deren Antworten Stephan Harbort sucht. Geweckt wurde sein persönliches Interesse, als er während seiner Ermittlungstätigkeit in Duisburg mit zwei Serienkillern konfrontiert wurde. "Ich habe seinerzeit nach Untersuchungen oder Studien gesucht, um mehr über die Täter und ihr Vorgehen zu erfahren." Zu seiner Verblüffung musste er jedoch feststellen, dass es derartiges in Deutschland nicht gab. Inzwischen hat er eine kleine Bibliothek an Buchtiteln verfasst. Sein 2004 erschienenes Werk Ich musste sie kaputt machen beschäftigt sich zum Beispiel mit einem Kindermörder, der auf die Frage, warum er Kinder ermordet hat, tatsächlich antwortete, dass er sie "kaputt machen musste"! Im Laufe der Jahre hat Harbort mit 32 inhaftierten Serienkillern gesprochen, er hat Kontakt zu über 40. Erschrocken ist er über die Unauffälligkeit der Täter. "Von einer einzigen Ausnahme abgesehen, waren sie während unserer Gespräche allesamt höflich, freundlich." An der Äußerlichkeit oder an den Umgangsformen ist kein Serienkiller zu erkennen. Die oft detaillierten Schilderungen ihrer Taten lassen aber selbst den erfahrenen Experten nicht kalt. "In diesen Momenten muss ich ein kühler Analytiker bleiben." Dass ihm dies nicht immer leicht fällt, daraus macht er keinen Hehl. |